Zarte Hände, starke Worte – aus Heft 4/2013

gauckEin Jahr Gauck: So lang ist es schon wieder her, seit der kräftige Wind der Freiheit den ungewaschenen Joachim Gauck ins Schloss Bellevue blies. Seitdem hat sich der Pfarrer geduscht, die Nägel gereinigt und wacker geschlagen. Die Grundanforderungen an das Amt meisterte er mit Bravour: Unterarm leicht anwinkeln, Finger ausstrecken, zugreifen und in angemessener Geschwindigkeit das Oberarm-Ellen-Gelenk beugen und strecken, loslassen, Finger ausstrecken – dabei nicht pupsen, jedenfalls nicht laut! Viele Staatschefs schwärmen von Gaucks feingliedrigen Palmolivfingern und dem leicht fettigen, jedoch angenehm qualligen Händedruck. Auch das Volk ist begeistert: »Der Achim«, wie ihn nennt, wer ihn berühren durfte, ist in der Kategorie »Männer mit Bügelfalte« beliebter als Lanz und fast so beliebt wie Blacky Fuchsberger.

Die Findungsphase

Joachim Gauck ist zwar ein gelernter Systemwechsler. Doch auch er musste sich zunächst in das Präsidentenamt einleben. In der Dienstvilla ist seit ewig der Wasserkocher kaputt, und im Schloss ist Gauck, wenn es proktisch pressierte, mehrmals in die falsche Richtung gerannt. Dann stand ihm immerzu diese Frau im Wege, mit der er jahrelang eine aufs Nötigste begrenzte Fernbeziehung gepflegt hatte und die nun jeden Tag da war, ihm am Krawattenknoten nestelte und versuchte, intelligenter zu gucken als er selbst. Und vom ersten Tag seiner Präsidentschaft erwarteten die Deutschen, dass er diese Person eheliche, und dass es eine Hochzeit gebe wie bei Charles und Camilla! Das strenge Protokoll mit fixen Zeiten fürs Mittagessen, die Leerung des Papierkorbs am Donnerstag, die täglichen Schlüpferwechsel – all dies war dem passionierten Kauleistenkreiser zunächst fremd, hatte er doch seit 1989 in vollkommener Freiheit gelebt.

Die Presse war nicht begeistert. Sie war entzückt! Man lobte ihn für seine Frisur – »staatsmännisch und doch zugewandt« (Bunte) – und die empfindsamen Worte, die er im Gästebuch der israelischen Holocaustgedenkstätte Jad Vashem hinterließ. »Ich bin ein kleines Mäuschen mit einem Blumensträußchen / Ich mache einen Knicks / und weiter weiß ich nix«, hatte der Rostocker Knautschkopf dort ganz bewusst nicht hineingeschrieben. Auch verzichtete er während seiner Reise im Heiligen Land auf Reizwörter wie »Sieg heil!«, »Arbeit macht Freiheit« und das scherzhafte, gern an den Protokollchef gerichtete »nur keine jüdische Hast!«. Das hatte noch kein Bundespräsident vor ihm vermocht! Kein Wunder, dass »ihm die Herzen der Israelis zufliegen«, wie der Spiegel nüchtern feststellte. Hitler, der Holocaust und Modern Talking waren den Deutschen mit einem Mal vergeben. Dank Gauck, dem Sohn eines Offiziers der Nazi-Marine, wird der Arier an sich im jüdischen Stammland jetzt mit viel schöneren Augen gesehen.

Mut zum Mut

Joachim Gauck wurde im Amt zum Leistungsträger, zum Stoßarbeiter der Freiheit, zum Normbrecher in Charme, Eloquenz und figurbetontem Schreiten. Hier lobte er die Demokratie, dort die Freiheit, und anderswo bestellte er 500 Gramm gemischtes Hack. Endlich erfuhren von ihm auch jene Mitglieder unserer Gesellschaft Aufmerksamkeit, die sich sonst nicht wehren können: Bundeswehrsoldaten, diese »Mutbürger in Uniform«, Halbgötter in Kaki, die Gewalt ausüben, die, »so lange wir in der Welt leben, in der wir leben, notwendig und sinnvoll sein kann, um ihrerseits Gewalt zu überwinden«. Konnte es der Gottesmann christlicher formulieren? Denn schon in der Bibel steht geschrieben: »Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann schicke deine Hartz-IV-Empfänger in einen Auslandseinsatz.«

Unvergesslich, wie er – ein Sauerbruch am Krankenbett der degenerierten Zivilisation – seinen Deutschen die bittere Diagnose stellte: Suchtkrank sind sie, »glückssüchtig«, Junkies, und deshalb können sie sich nicht ordentlich darüber freuen, »dass es wieder deutsche Gefallene gibt«. Aber wenn es wieder die Mon Chérie mit der Kirsche gibt, dann ist der Jubel groß!

In der Familienpolitik konnte Gauck ebenfalls glänzen. Lange dachte er darüber nach, ob er das Gesetz zum Betreuungsgeld guten Gewissens unterschreiben würde können. Schließlich tat er es und ließ mitteilen: »Im Ergebnis waren die verfassungsrechtlichen Bedenken nicht so durchgreifend, dass sie einer Ausfertigung im Wege gestanden hätten.« Will heißen, das Betreuungsgeld ist nicht verfassungsunkonform genug, als dass Gauck nicht seinen Joachim darunter setzen konnte. Für Recht und Freiheit gelten für ihn eben besonders hohe Maßstäbe.

Das ganz große Ding

Obwohl die Erfolge des beliebtesten Bundespräsidenten, seit es Schokolade gibt, selbst seine ehemals schärfsten Kritiker verstummen ließen, vernahm man plötzlich Missmut. Deutschland hatte sich von einer ehemals blühenden und an großen Akzenten reichen Region in einen amorphen Kothaufen verwandelt, der genau so roch. Die Einwohner trotteten missmutig und unakzentuiert durch die Straßen. »Wo sind die großen Akzente zu den wichtigen Fragen der Zeit?«, schluchzte der Spiegel. Der Tagesspiegel rätselte, ob Gauck »beim Thema Integration Akzente setzen wird«, und nur die Financial Times (†) verteidigte ihn, als sie 2012 feststellte, dass Gauck, rein zahlenmäßig »jetzt schon mehr Akzente gesetzt [hat] als Wulff«, der nur einen hatte, dann aber viel bei Freunden übernachten musste.

Der Messias konnte es also! Im Prinzip. Doch würde er allein es schaffen, die Republik in den akzentreichen Bereich zu heben? So viel stand fest: Bis zum Februar 2013 musste es ihm gelingen. Wenn nicht, dann Sense – Deutschland würde implodieren und im Universum wie eine Supernova verglühen. Gauck war sich der Gefahr bewusst und setzte zu einem kühnen Dreischritt an. Zunächst wollte er etwas Gewaltiges wagen, etwas, was nie ein Mensch zuvor getan hatte, worauf auch niemand gekommen wäre. Als Affront gegen den gesunden Menschenverstand und alle guten Sitten, als eine Rohheit sondergleichen könnte seine Tat verstanden werden, dessen war sich der Präsident bewusst. Und doch: Er verlieh Wolfgang Niedecken das Bundesverdienstkreuz.

Gaucks zweiter Schritt war noch gewagter. Er lud sich die Hinterbliebenen der NSU-Opfer ein (und nicht mal alle kamen) und touchierte einen von denen unter den Augen der Welt an einer Stelle seines Körpers. Einen Ausländer! Gauck ist der Präsident der pflegerischen Geste! Ohne ein Wort zu radebrechen – die Teilnehmer des harmonischen Beisammenseins hatten Vertraulichkeit vereinbart –, sagte diese Berührung: »Auch der Islam ist längst kein Grund, ermordete Türken für Schieber oder Drogenhändler zu halten.«

Die Gewalt gegen Ausländer sollte zukünftig eingeschränkt werden. Gauck sagte: »Es darf nicht sein, dass sich Menschen, die zum Teil schon seit Generationen in Deutschland leben, fragen müssen, ob sie hier wirklich zu Hause sind und ob sie sich hier auch sicher fühlen können.« Jene Ausländer, die noch nicht so lange hier sind, müssen sich aber natürlich schon ein wenig um ihre Sicherheit sorgen. Sie darf man ein bisschen schubsen. Beinstellen ist ebenfalls erlaubt. Aber erst nach Sichtung amtlicher Dokumente, die belegen, dass sie erst innerhalb der letzten fünf Jahre eingereist sind.

Als Drittes und Letztes hielt er eine gefeierte Rede über Europa und so. Der Endakzent war gesetzt! Er vertrug sich wieder mit Angela Merkel, die fand Europa nämlich auch gut. Er ist nun wieder das, was er immer war: Ein leuchtendes Vorbild für uns alle, eine Fackel der Freiheit in einem großartigen Land, ein lieber Opa, der viel Gutes tut.

Andreas Koristka

Foto: dpa

 

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