In den Schnee legen und erfrieren – aus Heft 3/2013

Die Professoren Sauberbruch, Semmelweis (»der Retter der Mütter«), Robert Koch oder der Dopingarzt Fuentes – das waren/sind Genies, die der Menschheit im Gedächtnis bleiben werden. Jetzt könnte eine medizinische Koryphäe im Reich der Götter (in Weiß) hinzukommen – Michael Linden, 64, Psychiater, der Mann, der die Revolutionswunden stillt.

Der Spiegel stellte ihn und sein spannungsvolles Dasein am Eisernen Vorhang unlängst so vor:
Spiegel 1
Jeden verdammten Morgen rappelt er sich auf, streicht sich Schwartau aufs Graubrot und seinen drei Kindern übers Haupthaar, füllt die Thermoskanne, küsst seine Frau Evelyn, gruselt sich rechtschaffen und betritt diese graue, kalte DDR. Dort schaut er in zerstörte Gesichter, flackernde Augen, gebrochene Seelen.

Ja, er hat der DDR einiges zu verdanken, seine Weltberühmtheit und die schicksalhafte Begegnung mit Gabriele Müller (58). Die hockte eines Tages vor ihm, weinte und lachte in einem, und versuchte mit dem Organ Erich Honeckers zu sprechen: »Genosse Professor, ich heiße Gabriele Müller und komme aus der Deutschn Demkratschn Reppelplik.« Auch die Müller hat der DDR einiges zu verdanken. Ohne diese wäre sie nicht hochinteressant (wissenschaftlich gesehen) irre geworden, sondern höchstens eine glückliche Hausfrau mit erfülltem Vereins- und Sexualleben, wie sie in Westdeutschland verbreitet ist.

Ihren Namen hat Der Spiegel fürsorglich geändert (aber nur so lange, bis sich doch noch herausstellt, dass sie nicht nur verrückt, sondern auch IM ist – dann wird er sie enttarnen müssen). »Müller« ist ja bekanntlich gar kein Name, sondern eine Sammelbezeichnung. Nun auch noch die für eine schicke, neue, schillernde Geisteskrankheit, wie sie noch nirgendwo anders auf der weiten Welt, nur in der Zone, aufgetreten ist, und gegen die ein nässender Krebs eine Lachnummer darstellt.

Es war im Oktober vor drei Jahren, um den 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung herum. Im Fernsehen wiederholten sie Filme wie Go, Trabi, Go. Aber Frau Müller sah schon lange nicht mehr hin. Sie lag seit drei Tagen im Bett und hoffte einerseits zu sterben, andererseits, kurz vorher gefunden zu werden. Die ersten Symptome ihrer handfesten Meise, so erinnerte sie sich später in der Psychoanalyse mit dem Professor, hatte sie schon damals, als die »friedliche Revolution« in Gestalt der Herren Wolfgang Schnur, Ibrahim Böhme und Lothar de Maizière pöbelnd unter ihrem Balkon vorüberzog. Da dachte sie bereits mit einem gewissen Angstgefühl in den Knien: »Wahnsinn!« Und im Wahnsinn sollte sie auch enden. Zwischenzeitlich aber wurde sie herumgeschubst, verdächtigt (Partei? KZ-Aufseherin? DFD?), geschurigelt, gedemütigt, angebrüllt und verarscht: Bewerbungstraining (Schminken und Frisieren), ABM als krakeelende dicke »Marktfrau« auf Brandenburger Volksfesten, Umschulung zur Gießereifacharbeiterin, Ein-Euro-Job als Reinigungskraft im Anschluss an Brandenburger Volksfeste, »Ehrenamt« als Reinigungsfrau im Anschluss an Brandenburger Volksfeste, Arbeitslosigkeit, Bewerbungstraining (Zähneputzen und Photoshop), Umschulung zur Hostess, Hartz IV … Schließlich ist sie einfach liegengeblieben.

Professor Linden hat ihrem Siechtum einen tollen Namen gegeben. Auf den kommt es nämlich an, soll ein blitzblankes neues Leiden durch die zuständige Ansammlung von Psychiater-Göttern in New York als Geisteskrankheit anerkannt werden (und nur dann springt die Pharmaindustrie an, nur dann zahlen die Kassen Hirnoperationen und Rehabilitationen und kriegt der Patient vom Landesversorgungsamt einen Jagdschein, der zu freier Fahrt auf allen ostdeutschen Vorortzügen berechtigt). Eine neue Geisteskrankheit muss schrecklicher klingen als »Veitstanz«, »bipolarer Lachsturz« oder »poetisches Schreiben «. Den Wahnsinn von Frau Müller benamste der Professor mit »posttraumatische Verbitterungsstörung « – und wenn er ehrlich zu sich ist, muss sich Linden eingestehen, dass er bei der Erfindung dieses schönen Wortes weniger an Frau Müller als an seine Frau Evelyn gedacht hat. Und Linden, dieser Mordskerl hinterm Stacheldraht, hat das ganze Elend zum ersten Mal beschrieben. Das hat ihm einen Eintrag bei Wikipedia eingebracht!

»Posttraumatisch« deshalb, weil Frau Müller 1989 ihre Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis als Handelsökonomin zur Optimierung der Versorgung der Bevölkerung mit Hackfrüchten als Brief per Post erhielt. Aber natürlich ist die Verbitterungsstörung keine Störung der Verbitterung, die funktioniert ja bei der Müller prima, sondern die Störung der Fähigkeit, sich den Kapitalismus schönzugucken, die herrlichen Düfte des Konsums zu riechen, die Freiheit zu preisen, vor zwanzig verschiedenen Joghurtsorten wohlig zu erschauern und Hoffnungen in Angela Merkel zu setzen. Eben alles, was geistig Gesunden scheinbar mühelos gelingt.

Alles haben die Ärzte mit Frau Müller versucht, bis Linden ihre Krankheit erfand! Sie galt als depressiv und manisch, epileptisch, neurotisch, schizophren, betrunken, inkontinent, legasthenisch, angstgestört, gemeingefährlich, religiös, suizidgefährdet und vom Zappelphilipp-Syndrom befallen. Außerdem knirschte sie mit den Zähnen. Man versuchte es oral, rektal und multilateral und auch durchs Ohr. Sie wurde gebadet, bestrahlt, massiert, geimpft, getaucht und zum Trommeln nach Uganda geschickt. Schließlich war klar, dass sie entweder eine Simulantin oder was sehr Besonderes ist.

Zahlreiche mit dieser gefährlichen Macke ausgestattete Exemplare sind bereits auf Lindens Couch im Reha-Zentrum »Seehof« in Teltow gelandet. Aber Zehntausende Ossis laufen noch immer frei damit herum. Man erkennt sie an grauer Haut und gesenktem Blick. Sie verweigern die Teilnahme an Wahlen und Preisausschreiben und meiden den Westen. Überwiegend ernähren sie sich von überlagerten Ostprodukten – wenn sie überhaupt noch essen. Im Volksmund nennt man sie »Erichs letztes Aufgebot«, und es gibt davon im Osten bald mehr als Demenzkranke. Deshalb titelte Der Spiegel völlig richtig:
Spiegel 2
Zwecks Therapie sitzen die Patienten in Gruppen zusammen und versichern sich gegenseitig tapfer: »Es ist nicht alles schlecht.« Manchmal kommt auch einer von der LINKEN vorbei, der sie dabei unterstützt. Er bringt ein besonders edles Erzeugnis der Marktwirtschaft mit, z.B. einen Pürierstab. Der geht dann im Kreise herum, und alle dürfen ihn betasten.

Ja, Linden mag seine Ossis. Hübsche Fälle. Aber Spaß macht es mit ihnen nicht. Er nennt die Verbitterten »therapeutenbissig«, denn sie verweigern dem West-Berliner die Konversation, ja das Lächeln. Sie neigen zum erweiterten Selbstmord, d.h. sie würden Markus Lanz, Peer Steinbrück, Ursula von der Leyen und einen beliebigen Nachbarn gern mit dahin nehmen, wo Hannelore Kohl zu ihrer Freude schon ist. Linden sagt: Der posttraumatisch Verbitterte ist wie ein Kind, das sich von Mama gekränkt fühlt und beschließt: So, jetzt lege ich mich in den Schnee und erfriere, da wird sie schon sehen, was sie davon hat! Das Leiden ist unheilbar, ja tödlich. Nur die Wiederholung einer Ausgabe von Ein Kessel Buntes, hat der Meister festgestellt, verschafft den Unglücklichen für Momente ein wenig Linden ... nein, Linderung.

Mathias Wedel
Illustration: Michael Garling

 

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