Die Pfeifen Gottes – aus Heft 03/2013

Die Pfeifen Gottes

Die Figur des Schiedsrichters verdankt ihre Existenz der Einsicht, dass ein Sportwettkampf auch anders enden kann als durch den Tod des Verlierers. Eine durch und durch begrüßenswerte Einrichtung, denn dadurch sind auch leistungsschwächere Athleten mehrfach verwendbar.

Wichtig ist das zum Beispiel für Preisboxveranstaltungen. Diese leben in Deutschland in erheblichem Ausmaß von schwabbelbrüstigen Mittvierzigern aus der Slowakei, die alle Jan Novak oder so heißen und die noch nie einen Kampf gewonnen haben, noch nicht einmal gegen die eigene Ehefrau. Für 150 Euro und ein Nahverkehrsticket lassen sie sich von deutschen Talenten in sogenannten Aufbaukämpfen zusammenschlagen, wofür diese in der Regel keine sechzig Sekunden benötigen. Als Ringrichter eingesetzte triefäugige Alkoholiker zählen den bewegungslos am Boden liegenden Kämpfer im Rahmen ihrer Möglichkeiten aus (»One! Two! … Sieben! … Nee, äh, ich meine: Five!« usw. usf.) und bewahren ihn so davor, weiteren Talentproben ausgesetzt zu werden.

Zwar wissen auch Schiedsrichter in grundsätzlich friedfertigen Sportarten von kniffligen, ja gefährlichen Situationen zu berichten, etwa wenn es beim Eisstockschießen unvermittelt zu tauen beginnt, wenn beim Angeln der Fang den Wettkampfteilnehmer verschluckt oder wenn beim Nonnen-Hockey eine Spielerin plötzlich eine Marienerscheinung hat. Doch die Königsdisziplin im Schiedsrichterwesen stellt immer noch das Leiten eines unterklassigen Fußballspiels dar, wenn zweiundzwanzig talentfreie, gleichwohl testosterongeladene Pfützentreter aufeinander treffen. Dort wird so geholzt, dass sogar die Bälle eine Gefahrenzulage verlangen. Es gilt jeder gegen jeden. Und alle gegen einen: den Schiri. Der Schiedsrichter entspricht dem Archetypen des Rechthabers, der Spieler dem des Kriegers. Das kann nicht gutgehen, und es geht auch nicht gut.

Besonders heftig werden in den Berliner Ligen die Schienbeine gekreuzt. Hier treffen Welten aufeinander: »Kiek richtich hin, oder et setzt wat!« gegen: »Isch weiß, wo dein Haus wohnt!« Zwar weisen andere Bundesländer den Vorwurf, bei ihnen würde Weicheier-Fußball gespielt, empört von sich. So protzen die Thüringer gern mit jenem Vorfall im März 2012, als beim Spiel SV 1879 Ehrenhain gegen den SV Blau-Weiß Niederpöllnitz ein Spieler aus Niederpöllnitz vor Wut über ein Foul seinen Gegenspieler laut Spielbericht »zweimal in den linken und einmal in den rechten Oberarm« biss.

Nicht schön das Ganze, sicher, aber auch kein Grund zum Angeben. Denn mal im Ernst: In Thüringen fällt so etwas unter die Ausübung von Brauchtum, wofür sogar öffentliche Fördermittel drin sind; auf Berliner Fußballplätzen hingegen »herrscht Krieg« (Berliner Zeitung). Jahrhundertealte ethnische Konflikte werden hier ausgerechnet in der Kreisklasse C einer finalen Lösung zugeführt; etwa bei Türkspor gegen Hellas oder Friedrichshain gegen Kreuzberg. Ein Schiri stört da nur. Oder wie es die Jugendspieler Patrick F. und Mehmet K. (beide 17) formulieren: »Erst spielen wir ein bisschen Fußball, und dann kriegt die Schiri-Schwuchtel aufs Maul. Manchmal lassen wir das Fußballspielen vorher aber auch weg!«

Immerhin ist mit Manfred Amarell jüngst mal ein Fußball-Schiedsrichter nicht während eines Spieles ums Leben gekommen. Ein Lichtstreif am Horizont? Nein, denn Amarell war bereits im Ruhestand und durfte gar nicht mehr souverän bei Schwalben auf Strafstoß und bei Tritten ins Gesicht auf »Weiterspielen« entscheiden.

Kein Wunder, dass die Medien sich des Phänomens »Gewalt gegen Unparteiische« annehmen: »Dem Fußball gehen die Schiris aus« (Sportschau. de), beziehungsweise: »Dem DFB laufen die Schiedsrichter davon« (Bild), oder auch: »Dem Fußball laufen die Schiedsrichter weg« (Neues Deutschland). Bei so viel Text gewordener Meinungsvielfalt fragt man sich: Was sind das für Menschen? Wer wird erst Fußballschiedsrichter und läuft dann weg? Warum nicht umgekehrt, also erst weglaufen, dann Schiri werden? Die Antwort ist einfach: Es sind gefestigte Persönlichkeiten. Meint der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission Herbert Fandel. Mit Berufs- und Lebenserfahrung, die es gewohnt sind, eine exklusive Sicht der Dinge zu haben und falsche Entscheidungen zu treffen. Menschen mit natürlicher Autorität. Menschen wie du und ich, die es lieben, von einer ob ihrer persönlichen Lebenssituation frustrierten Menge als Idiot, Arsch oder als Spielleiter Herr Dr. Felix Brych beschimpft zu werden, die sich gern bis zum Eintreffen der Polizei in der Umkleidekabine einschließen und denen es überhaupt nichts ausmacht, wenn sich auf der Heimfahrt ein Rad vom Auto löst.

Es ist ein offenes Geheimnis: Fußballregeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Und zwar durch den Schiedsrichter. In guter Erinnerung ist den Beobachtern der DDR-Fußball-Oberliga die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Erich Mielke und den Schiedsrichtern. Ganz im Sinne Walter Ulbrichts: »Es muss unparteiisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben!« So wurde die führende Rolle durchgesetzt. Und zwar die der arbeitenden Klasse im Mannschaftskader des BFC Dynamo. Lagen die Weinroten nach Ablauf der 90. Spielminute zurück, wurde diese so lange wiederholt, bis die Spieler der gegnerischen Mannschaft nach Hause gingen, um sich ihre Partie in Sport Aktuell anzuschauen. Diesen Moment nutzte der Serienmeister eiskalt für Ausgleich und Siegestor.

Doch solche und ähnliche unkonventionelle Verhaltensweisen der Spielleiter sind wichtig. Denn eine beliebte Form des Alt-Star-Recyclings ist das Analysieren. In Super-Zeitlupe wird in sechzehn verschiedenen Einstellungen gezeigt, dass die Hand doch zum Ball ging. Jedenfalls vielleicht. Was würden abgetakelte Fußballreporter, Spieler und Trainer wie Jörg Wontorra, Thomas Helmer oder Jürgen Klopp machen, wenn es keine Sportsender mit Expertenrunden für Schiedsrichterentscheidungen gäbe? In verantwortlicher Position, etwa als ehrenamtliche Lesepaten, Deichläufer oder Singvogelzähler würde man sie um nichts in der Welt haben wollen. Darum, liebe Schiris, Ihr Pfeifen Gottes, nehmt das alles nicht zu ernst: Wenn es keine Fehlentscheidungen gäbe, dann müsste man sie erfinden.

Robert Niemann
Zeichnung: Burkhard Fritsche

 

Kommentare 

 
#1 Ralf Fuschtei 2013-05-21 14:51
dann ist es ein Tor, unter Umständen.
Zitat
 

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