Gestatten: Bahr, Daniel Bahr! – aus Heft 2/2013

Daniel BahrMit einem waghalsigen Hechtsprung durch die Scheibe seines Bürofensters weicht Daniel Bahr im allerletzten Moment dem Kugelhagel aus. Er landet auf dem Balkon zwei Stockwerke tiefer, rollt sich ab und schnellt auch schon im selben Augenblick wieder hoch, um sich die Krawatte zu richten. Er streicht sich mit einer lässigen Handbewegung einige Glassplitter aus dem Maßanzug, den Mutti ihm zur Firmung gekauft hat, und klettert mit unvorstellbarer Geschwindigkeit an der Fassade nach unten, wo er einen Mann aus dessen BMW zerrt, sich hinters Steuer setzt und einem Geländewagen hinterher rast, an dessen Rückscheibe ein großes »Eilige Medikamente«-Schild prangt.

Nach einer wilden, von unzähligen Explosionen begleiteten, zwanzigminütigen Verfolgungsjagd befreit er schließlich seine zwei Staatssekretärinnen aus dem Kofferraum des verfolgten Wagens, dessen Fahrer er mit einem Stethoskop erwürgt hat, und lässt auch gleich einen lockeren Spruch los, wie es sich in einer solchen Situation gehört: »Die Staatsanwaltschaft ermittelt, und wir haben Anzeige gegen unbekannt erstattet.« Spionage im Bundesgesundheitsministerium – das hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Es war vor allem nicht nötig gewesen. Pharmaunternehmen, Apotheker und Ärzte hatten abwechselnd Gesetzesentwürfe an sein Ministerium geschickt, und er hatte sie unterschrieben. Doch plötzlich war er zwischen die Fronten geraten. Den privaten Krankenversicherungen mit der nach ihm benannten staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung, dem »Pflege-Bahr«, Geld zuzustecken, war von Anfang an ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Gesundheitspolitik, hatte ihm sein Freund Philipp Rösler erklärt, ist eben nur etwas für harte Kerle.

Doch wenn ein Gesundheitsminister etwas können muss, dann ist es, unsichtbar zu werden, wenn es gefährlich wird. Und wann ist es das nicht? Oft taucht er so lange unter, dass Angela Merkel bei Kabinettsitzungen nach seinem Namen fragen muss, wenn sie ihn sieht. Dann genießt er den Augenblick, in dem alle Blicke am Tisch auf ihn gerichtet sind und man nur das Klimpern der Eiswürfel in seinem Glas Apfelschorle (gerührt, nicht geschüttelt) hört, und sagt: »Bahr. Daniel Bahr.« Dann nickt die Kanzlerin und lächelt. »Ach ja, richtig. FDP, stimmt’s?« Mit Frauen kann er. Nicht nur mit Schwiegermuttis wie Merkel. Schon zu seiner Zeit bei den Jungliberalen hatte er einen Schlag, auch bei jungen Damen. Sein damaliger Wahlkampfmanager erinnert sich, wie 2000 im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf überall in Münster Plakate hingen, auf denen Bahr sich frech die Haare raufte: »Plötzlich kamen 16-, 17-jährige Mädels in die Geschäftsstelle, Teenies aus dem ganzen Münsterland riefen an und wollten Wahlkampfplakate von Daniel.« Hysterische Minderjährige, die sein Büro stürmten – auch wenn es nur zwei waren: Dieses Erlebnis hat Bahrs Einstellung zur Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre maßgeblich beeinflusst.

Zu seinem unwiderstehlichen Charme gehört auch eine feine Prise Humor. Als Chef der Jungliberalen demonstrierte er im Spätherbst 2000 halbnackt in einem Badezuber sitzend vor dem Kanzleramt. Auf einem Schild stand: »Damit die Jugend nicht baden geht!« – Solch tiefgründiger Wortwitz kommt gut an beim Wahlvolk, das ihn liebt wie keinen zweiten. Doch mittlerweile ist Bahr ruhiger geworden, lässt es seltener so derb krachen wie damals vor dem Kanzleramt. »Ich habe Zigaretten geraucht«, gesteht er, »habe aber damit aufgehört, weil ich häufig erkältet war und letztlich gemerkt habe, dass es meiner Fitness nicht guttut.« Aus demselben Grund badet er im November auch nur noch selten im Freien.

Seinen Humor aber hat er behalten. Demnächst will er vor der Zentrale des DGB demonstrieren und dabei einen Sarg auf den Schultern tragen, auf dem »Freiheit und Verantwortung« steht.

Bei allem augenzwinkernden Schabernack weiß er aber immer, dass es ernst wird, wenn es darum geht, die eigene Politik gut zu verkaufen. »Entscheidungen in der Gesundheits- und Pflegepolitik betreffen 80 Millionen Menschen.

Wir haben da schon einiges erreicht für mehr Wahlfreiheit, Wettbewerb und Eigenverantwortung.« – Liberale Kernthemen, die endlich Wirklichkeit sind: Der Arzt hat die Wahlfreiheit zwischen Kassen- und Privatpatienten, die 150 Krankenkassen werden mit Zusatzversicherungen wettbewerbsfähig, und der Patient kümmert sich um seine Gesundheit eigenverantwortlich. Seinen allergrößten Triumph feierte Bahr bisher mit der sogenannten Herdprämie. Für die Zustimmung der FDP zur Einführung der Herdprämie durfte sich die Partei nämlich was wünschen, und zufälligerweise betraf der Wunsch seinen Zuständigkeitsbereich: die Abschaffung der Praxisgebühr, die im Bundestag auch prompt und beinahe einstimmig beschlossen wurde.

Bahr jubilierte auf seiner Homepage: »Zum 1.1.2013 haben wir die Praxisgebühr abgeschafft. Das entlastet Patientinnen und Patienten und baut Bürokratie in den Arztpraxen ab. Arzt und Patient werden nun wieder mehr Zeit für ein Gespräch haben.« Denn das größte Problem beim Arztbesuch, solange es die Praxisgebühr noch gab, war ja immer, dass der Arzt erst umständlich seinen Geldbeutel rauskramen, und dann, weil der Patient die zehn Euro nicht passend hatte, zur Bank laufen musste, wobei ihn auf dem Weg dorthin streunende Hunde anfielen und er ein paarmal fast überfahren wurde, bevor er abgehetzt und mit ungewaschenen Händen zurück in die Praxis kam, um dem Patienten das Wechselgeld zu überreichen. – Für ein Gespräch mit dem Patienten, zum Beispiel über teure Zusatzbehandlungen, blieb da kaum Zeit. Damit hat Bahr aufgeräumt.

Von den drei jungen Wilden der FDP ist Bahr seit dem Sturz Westerwelles bisher der allerwildeste. Christian Lindner war schnell beleidigt und versucht nun, das Feld von hinten aufzurollen, und Philipp Rösler … ein hoffnungsloser Fall. Dabei verbindet Bahr vor allem mit Rösler viel: Beide mögen Lakritze, Sushi und die unsichtbare Hand des Marktes. Und lediglich bei Laktose ist für beide Schluss mit der Toleranz. Milch vertragen sie nicht. Trinken sie auch nur ein Glas, müssen sie sich übergeben und kommen tagelang nicht vom Topf runter. Milch ist für sie, was Kryptonit für Superman ist.

Damals, als sie an die Spitze der FDP stürmten, dachten sie: Wenn sie etwas stoppt, dann Milch. Dass sie eines vielleicht nicht allzu fernen Tages von der Fünf-Prozent-Hürde aufgehalten werden könnten, hatten sie nicht für möglich gehalten. Denn »Liberale fürchten sich nie«, hat Bahr einmal gesagt.

Dennoch hat er vorgesorgt. Bei der Commerzbank hat sich der Bankkaufmann ein Rückkehrrecht offengehalten. »Das macht mich unabhängig«, behauptet er. Noch unabhängiger könnten ihn nach der nächsten Bundestagswahl die neu geschaffenen Kontakte machen. Bahr, Daniel Bahr, der Doppelnull-Agent im Auftrag Ihrer Majestät, Königin Liberalisierung I., wird sicherlich einen aufregenderen Job als bei seiner alten Bank bekommen. Vielleicht in der Versicherungsbranche, Schwerpunkt Pflegezusatzversicherungen.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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