In Steingewittern - aus Heft 12/2010

10-12-steinbrueckAls die Finanzkrise tobte, stand Peer Steinbrück felsenhaft im Auge des Orkans. Gelegentlich saß er auch auf einem Stuhl, beispielsweise um Trilliardenpakete zu schnüren oder um Tagebuch zu führen, das neuerdings in sämtlichen kreditwürdigen Buchläden und Kiosken erhältlich ist. Mit nordisch-kühlem Sachverstand und unter wohltuendem Verzicht auf überzogene Metaphern analysiert er darin den Ausbruch der Krise, »als Tsunami und Kernschmelze auf ein und denselben Tag« (Steinbrück) zu fallen schienen. »Die Welt stand am Abgrund«, verrät Steinbrück hoch brisantes Insiderwissen. Wer die folgenden Auszüge liest, wird kaum mehr einen Zweifel daran hegen, dass es sich beim Verfasser nicht nur um den größten Finanzminister aller Zeiten handelt, sondern notwendigerweise auch um die künftige Kanzlerin.
 

 

 Freitag, 12. Oktober 2005
Sehr langsam gewöhne ich mich daran, auf der Straße mit »Eichel« angesprochen zu werden. Obwohl, irgendwie obszön finde ich das immer noch. Am Abend durfte ich meine Finanzministerkollegen zum G7-Treffen in einem Gasthof in Elsaß-Lothringen empfangen. Den originellen Tagungsort hat mir ein Praktikant im Auswärtigen Amt empfohlen. Natürlich sah ich ein, dass die mir beinahe ebenbürtigen Gäste in erster Linie wissen wollten, woran sie bei mir sind. Also hielt ich, wie ich meine, eine recht launige Rede. Nachdem ich dem Franzmann vorgerechnet hatte, wie viele Reichsmark an Reparationen per saldo über den Rhein geflossen sind und weiterhin fließen, knöpfte ich mir die angloamerikanischen Casinokapitalisten vor und rief mit geballter Faust zur allgemeinverbindlichen freiwilligen Selbstkontrolle der Finanzmärkte auf. Doch die Ignoranten in ihrem feinen Zwirn hatten sich unterdessen über das Buffet und die Bedienungen hergemacht. In einem einsamen Herrgottswinkel betäubte ich meinen Frust mit einem Elsässer Gewürztraminer. Als ich mich Stunden später über die Veranda gebeugt der pestizidverseuchten Rebengrütze wieder entledigte, wurde ich von der düsteren Vision heimgesucht, dass wir uns alle, die wir hier versammelt waren, ungebremst auf einen gewaltigen Abgrund zubewegten.

Sonntag, 29. Juli 2007
Meine schlimmsten Befürchtungen sind endlich eingetreten. Dreimal hatte ich das Telefon in meinem Gartenhäuschen im Godesberg-Villenviertel durchklingeln lassen, ehe ich den Hörer abnahm und mir mein treuer Staatssekretär Jörg Asmussen mit bebender Stimme mitteilte, dass die IKB kurz vor der Pleite stünde. Sofort war mir klar, dass das Schicksal der Welt nunmehr allein in meinen Händen lag. Bei dem Gedanken musste ich herzhaft kichern. Meine Frau renkte sich vor lauter Hohngelächter sogar den Kiefer aus. Als ich sie ins Kreiskrankenhaus fuhr, stellte ich mir die Frage, ob dieses Unglück womöglich auch ein Teil der Vorsehung war. An Zufälle mochte ich in diesen Stunden kaum mehr glauben.

Donnerstag, 2. Oktober 2008
Nach den Lausebengeln von Papa Lehman hat es jetzt auch die Hypo Real Estate erwischt. Bis vor wenigen Stunden war mir dieser Name noch völlig fremd, und jetzt droht diese verfluchte Bank die ganze Finanzbranche in eine riesige, stinkende Jauchegrube mitzureißen. Am Nachmittag saß ich während einer Krisensitzung dem Vorstandsvorsitzenden der HRE-Bank, einem gewissen Herrn Funke, direkt gegenüber. Sein rechter Lauscher stand weit ab und lud zum Ziehen ein. Noch unerträglicher als sein bedauerliches Ohrfeigengesicht war allerdings das dämliche Börsen-Geschwurbel, mit dem sich die feige Bankerschabe aus der Affäre zu ziehen suchte. Geschätzte vierzig Zentimeter trennten uns. Ich versuchte seinen wirren Blick zu fassen und flüsterte leise über den Tisch: »Komm schon, Funke, lass uns die Sache wie zwei richtige Kerle regeln. Nur du und ich!«; doch er quasselte einfach weiter über unvorhersehbare Kursschwankungen und psychosomatische Magengeschwüre, so als wäre ich Luft. In diesem Augenblick begriff ich, dass wir es hier mit keinem gewöhnlichen Krieg zu tun haben, sondern mit asymmetrischem Finanzterrorismus. Die Frage war bloß: Wer in diesem Spiel ist Osama bin Laden? – Funke? Ackermann? Die Schweiz als solche? Und was zum Teufel hat all das mit Burkina Faso zu tun? Je unübersichtlicher die Verhältnisse, desto mehr sehnte ich mich nach einem ehrlichen, archaischen Gemetzel. Oder einem Krieg. Am besten gegen irgendwas Kleines wie Luxemburg oder die Schweiz. Auf dem Heimweg verspürte ich immerhin eine kleine Befriedigung, als mein Dienstwagen nicht ganz unabsichtlich eine Katze überrollte.

Sonntag, 5. Oktober 2008
Angesichts der weiteren Zuspitzung der Krise habe ich beschlossen, vorläufig auf Schlaf, Körperhygiene und Manöver mit meinen Jungs von der Bundeswehrreserve zu verzichten. Derweil befindet sich mein braver Botenjunge Asmussen zu meiner persönlichen und juristischen Erleichterung wieder auf dem Weg der Genesung, nachdem ich ihn vor zwei Tagen aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes gerammt hatte; zuvor hatte er mir die sechste Bankenpleite binnen eines Vormittages serviert. Zum Frühstück gab es Blutwurst mit einem doppelten Cognac, schließlich stand mir eine schier endlose Nacht mit der Kanzlerin bevor, die später gewiss einmal als Stunde der Patrioten in die Geschichtsbücher eingehen würde, was freilich zu allerletzt ein Verdienst der Regierungschefin war. Merkel, das alte Schrapnell, verbarrikadierte sich im Schützengraben ihres Schreibtischs und drückte sich mal wieder vor einer Entscheidung. Bald sah ich keinen anderen Ausweg, als die Kanzlerin zum Wohle des Landes vorläufig im Besenschrank zwischenzulagern. Im Morgengrauen schritten wir dann zu zweit vor die wartende Presse und verkündeten höchst feierlich eine Garantieerklärung für die verunsicherten systemrelevanten Banken. Das tiefe Dekolleté lenkte indes überzeugend davon ab, dass sich hinter der merkelschen Maskerade Sigmar Gabriel verbarg.

Montag, 28. September 2009
Kaum ein Jahr ist es her, dass ich die Krise im Alleingang niedergerungen habe. Eine gigantische Materialschlacht liegt hinter uns. Ich habe mehr Milliarden verbrannt als sämtliche Kriegsminister vor mir zusammen. Zum Dank haben sie mich gestern abgewählt. Für Heroen hält die Vorsehung eben nur selten ein Happy End bereit. Am Vormittag schlurfte ich ins Willy-Brandt-Haus. Die Tür stand weit offen. Behutsam stieg ich über die niedergezechten Leiber von Struck und Wiefelspütz, die auf dem kalten Plattenboden den Schlaf der Gerechten schliefen. Der Blut-Schnaps-und-Tränen-Dunst im Foyer der Parteizentrale verursachte einen Brechreiz, auf einen Schlag fühlte ich mich fiebrig, alles um mich herum begann sich zu drehen und schien in einen gewaltigen Trichter zu stürzen. Da war er wieder, jener Abgrund. Mit letzter Kraft umklammerte ich den überdimensionalen Schuh der Willy-Statue, als sich plötzlich eine vertraute Stimme erhob. »Fürchte dich nicht«, hallte es durch das Foyer. Aus Willys Augen und den Innenseiten seiner Hände floss Blut oder Gewürztraminer vom Vorabend. »Fürchte dich nicht«, wiederholte er, »denn du sollst unser nächster Kanzler werden!« Ich brach in Gelächter aus und fragte, wie ER sich das vorstelle, zumal ich in all den Jahren nicht eine einzige Wahl gewinnen konnte, weder als Ministerpräsident in NRW noch in meinem Wahlkreis in Mettmann, wo ich gegen ein vollkommen unbekanntes CDU-Mädchen verloren hatte. Das Willy-Denkmal stieß kurz auf, dann fuhr es fort: »Schreibe ein Buch und rede in einer Talkshow darüber, am besten beim Beckmann.« Das waren Willys letzte Worte, ehe er wieder zu Stein erstarrte. Wenn man mich so drängt, kann ich ja schlecht jein sagen.

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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