Das denken der Micky Mäuse – aus Heft 1/2013

Schwoerer

Vor ein paar Jahren noch kam Otto Normalotto mit Philosophie nur dann in Berührung, wenn er vorm Fernseher eingeschlafen war und mitten in der Nacht aufwachte. Dann sah er einen Typ mit dünnem Schnauzbart und strohigen Haaren, der – Lehrstuhl für Ästhetik hin oder her – wie ein abgeranzter Penner aussah und seine minutenlangen Sätze so umständlich formulierte, dass nicht mal er selbst merkte, wie banal sie eigentlich waren.

Das philosophische Quartett
war keine gute Werbung für die Philosophie. Um Philosophie verkaufen zu können, musste die richtige Verpackung her: Richard David Precht. Seit er aufgetaucht ist, verkaufen sich Philosophiebücher wie geschnitten Brot. Unter anderem das von Philipp Hübl. Hübl sieht aus wie ein Klon von Precht, konnte aber bislang dessen Erfolg nicht so gut kopieren wie die Frisur. Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie heißt sein Werk. Dort erklärt er, wieso sein Fachgebiet momentan so beliebt ist wie Fußball und Traumdeutung: »Man kann da großzügig sein: Wir sind alle Philosophen, so, wie wir alle Psychologen sind oder Fußballtrainer vor dem Fernsehschirm. Wie unter Fußballtrainern gibt es auch unter Philosophen gute und schlechte. Die guten arbeiten nach hohen wissenschaftlichen Standards.« Hübl ist dabei nach eigener Auskunft so was wie der Jürgen Klopp unter den Philosophen.

Er erklärt den Amateuren zu Hause mal, wie das so läuft bei seiner Zunft, denn wie überall gibt es solche und solche. Zum Beispiel gibt es da die Micky-Maus-Philosophen, schreibt er. »Statt dem weißen Kaninchen zu folgen, schießen einige Micky-Maus-Philosophen mit Kanonen auf Spatzen in einem Wald, den sie vor lauter Bäumen nicht sehen.« Dann machen sie das Fass, in dem Diogenes wohnt, zum Krug und tragen diesen solange zum Brunnen, bis der Leser bricht. Denn, ganz wichtig laut Hübl: »Gute Philosophen streben in ihren Texten nach einem Ideal aus Klarheit und Verständlichkeit.«

Quod erat demonstrandum. Doch es gibt noch viel schlimmere Kameraden, zum Beispiel die Heißluftballon-Philosophen. »Die Heißluftballon-Philosophen ... blasen ihre Thesen auf. Im Höhenflug, wenn die Luft ganz dünn wird, verwechseln sie dann ihre Halluzinationen mit echten Einsichten. Den Mangel an Sauerstoff machen auch sie wie die Rotweinphilosophen mit metaphorischem Süßstoff wett.« Ganz im Gegensatz zu Hübl, der gekommen ist, um zu heilen: »Heute sind Philosophen Ärzte ohne theoretische Grenzen, die nicht nur Sprachverwirrungen therapieren, sondern Unsinn in allen Lebenslagen entlarven.« Womit gezeigt wäre, dass entweder der Autor Hübl ein selbstironischer Scherzkeks ohne Grenzen oder zumindest der zuständige Lektor bei Rororo kein Philosoph ist, der Sprachverwirrungen therapieren kann.


Wie kann man nun selbst ein Philosoph werden – sofern man nicht wie Hübl davon ausgeht, dass alle schon welche sind? Dabei hilft Gerhard Ernst mit seinem Buch Denken wie ein Philosoph. Eine Anleitung in sieben Tagen. In guter alter Manier unterhalten sich hier Leser (L.) und Philosoph (Ph.) in einem sokratischen Dialog. Das klingt dann so:
»Ph.: Haben Sie Lust, heute noch eine kleine Überstunde zu machen?
L.: Warum nicht? Wir sind ja gerade gut in Schwung.«
Das ist schön ranschmeißerisch und füllt die Seiten. Wohlan!
»L.: Man kann sich aber ... doch nie am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen!
Ph.: Man kann sich aber auch nicht am eigenen Bein hineinziehen!
L.: Interessant.«
Allerdings. Und es wird sogar noch viel interessanter.
»L.: Gibt es denn eine Definition von Philosophie?
Ph.: Das Problem dabei ist, dass die Frage, was Philosophie ihrer Natur nach ist, selbst eine philosophische Frage ist, zu der es unterschiedliche Antwortversuche gibt.«
Ob das den L. enttäuscht, wenn er sich zu einer solchen Lektüre entschlossen hat? Die Antwort fällt nicht leicht, und auch Gerhard Ernst könnte wohl keine befriedigende Lösung bieten, weshalb er gegen Ende des Buches in seiner Zwiegespaltenheit aus L. und Ph. selbst feststellen muss:
»L.: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich aus unseren Gesprächen mehr Fragen als Antworten mitnehme.« Woraufhin der Ph. dreist antwortet: »Das finde ich ganz in Ordnung.«
Deutliche Aussagen sind des Philosophen Sache also nicht. In Gesprächen öfter mal ein abwägendes »Naja«, ein »Die einen sagen so, die anderen so« oder auch ein freundliches »Ja, was weiß denn ich, du Spack!« einstreuen und schon gilt man als weise.

Doch wozu eigentlich das ganze Philosophieren? – Ja, was weiß denn ich, du Spack! Gert Scobel weiß es. Sein Buch heißt deshalb auch Warum wir philosophieren müssen. Die Erfahrung des Denkens. Doch bevor Scobel mit der Erfahrung des Denkens loslegt, revolutioniert er erst mal die Rechtschreibung: »Ich schreibe denken meistens lieber klein als groß, weil es ›das‹ Denken nicht gibt. Was es gibt, ist denken als Vorgang, als Tätigkeit, als Erfahrung, die sich in der Zeit entwickelt.« Und schon ist man drin, in Scobels verrückter Welt des »denkens«. Obwohl oder gerade weil es bei Scobel »das« Denken nicht gibt, führt es bei ihm zu Sätzen wie: »Nur selten aber kehren wir diese Blickrichtung um und denken über das Denken nach und über das, was unser denken bewegt und treibt.«

Das Stehen, das Sitzen, das Liegen – alles Vorgänge, die nun klein geschrieben werden müssen. Zumindest manchmal, wenn dem Autor gerade danach ist. Wir wollen an dieser Stelle den Vorgang des lesens lieber nicht fortsetzen und wagen stattdessen ein kleines Gedankenexperiment auf dem Feld der Ethik, um wenigstens ein wenig praktischen nutzen aus all dem philosophieren zu ziehen: Zwei Gleise. Ein Zug naht mit hoher Geschwindigkeit. Auf einem Gleis spielt ein Kind. Auf dem Nebengleis spielen Angela Merkel und vier ihrer Kabinettsmitglieder. Der Zug rast auf die Fünfergruppe zu. Zu weit weg, um direkt eingreifen zu können, stehen Sie an einer Weiche und haben die Möglichkeit, den Zug umzuleiten. Sie können entscheiden: Soll ein Menschenleben geopfert werden, um fünf Leben zu retten? Jetzt die moralische Frage: Schimpfen Sie das Kind anschließend aus, weil es auf den Gleisen nichts verloren hat oder überlassen Sie das den Eltern? – Na, hätten Sie’s gewusst?

Philosophie kann ganz schön kompliziert sein. Doch sie lohnt sich. Philipp Hübl zählt Absolventen der Philosophie auf, »die etwas aus ihrem Leben gemacht haben: Bruce Lee, Martin Luther King, Papst Benedikt XVI.« Was die geschafft haben, kann jeder nach der Lektüre dieser Bücher auch schaffen. Nur wer nichts aus seinem Leben gemacht hat, muss zur Strafe Philosophiebücher schreiben.

Gregor Füller
Zeichnung: Matthias Schwoerer

 

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