So machen wir das! – aus Heft 12/2012

McAllisterUnser Häuptling ist ein Schotte, und wir sind ein starker Clan!«, dröhnt es aus den Lautsprechern. Um sich aufzuwärmen, schunkeln einige der Zuschauer unverdrossen zu den Dudelsack-Klängen der aktuellen niedersächsischen CDU-Wahlkampfhymne So machen wir das. Hier in Bad Bederkesas Ortsteil Fickmühlen hat der neue Star am konservativen Polithimmel ein Heimspiel. Die feierliche Eröffnung einer Energiegewinnungsanlage aus Fischrückständen nutzt David McAllister, um Werbung in eigener Sache zu machen.

In Anlehnung an den berühmten Kennedy-Ausspruch »Ick bin een Balina, wa!«, ruft er in seinem derbsten Oxford-Schottisch: »I am a Fickmüller! « Anschließend bringt er den Saal mit einem kleinen Seitenhieb auf ausländische Billigfischstromanbieter zum Kochen: »Warum wird die niedersächsische Fischenergie immer besser sein als die kanadische? In Kanada schwimmen die Lachse gegen den Strom!«

So lieben sie ihren ehemaligen Bürgermeister, den sie hier alle nur den »Mac« nennen. Der David-McAllister-Stil ist bodenständiges Niedersachsen, gepaart mit britischer Noblesse und noch mal ganz ganz viel Bodenständigkeit. Nachdem sein politischer Herausforderer Stephan Weil ihn einmal den »Wackel-Dackel auf der Hutablage der Kanzlerin« genannt hatte, erwiderte McAllister, dass es ihm seine britische Erziehung verbiete, »den politisch Andersdenkenden mit Tiernamen zu belegen«. Und weil Fische keine Tiere sind, verkündet die Wahlkampfhymne im Hintergrund: »Bist du eine linke Sprotte, leg dich niemals mit uns an!« Dieser lockere britische Humor kommt gut an in einem Bundesland, in dem Schweigen bloß Silber und Stillschweigen Gold ist. Unter schweigsamem Applaus verlässt der Mac die Bühne. So machen wir das.

David McAllister ist nur noch selten im beschaulichen Bad Bederkesa, das laut Wikipedia auf der dritten Silbe betont wird. Denn wenn er nicht gerade irgendwo in den Weiten Niedersachsens eine Gesamtschule für Orgelpfeifen oder ein Heim für missbrauchte Schafe einweihen muss, frisst ihn die Regierungsarbeit mit all dem Wein, Weib und Gesang förmlich auf. So musste zum Beispiel das Urlaubsfoto, das ihn mit seiner Familie in einem Nordsee-Strandkorb nahe seiner Heimatstadt Bad Bederkesa zeigt, aus Termingründen in einer Bluebox am hannoverschen Maschsee aufgenommen werden.

Umso mehr genießt das fleischgewordene Grinsen der Mona Lisa eine kleine Auszeit im Kreise seiner Familie. Bevor er zu seinem nächsten Wahlkampftermin hastet, schaut er sich daheim, nur mit einem kleinkarierten Kurzarmunterhemd und einem Joggingkilt bekleidet, seinen Lieblingsfilm Braveheart an, während seine Ehefrau eine traditionelle schottische Suppe aus Single-Malt-Whiskey und Schafsinnereien serviert. Seinen beiden Töchtern ist die Suppe zu salzig, doch MacVater weist seine Schäfchen am Tisch und draußen auf dem platten Land liebevoll zurecht: »Nörgeln und Dagegensein sind gerade jetzt keine guten Tugenden.« Diese ansteckende Art des alternativlosen Optimismus hat inzwischen die ganze niedersächsische CDU infiziert, und so ist man gerne bereit, die Suppe auszulöffeln. So machen wir das.

Dunja McAllister steht voll und ganz hinter dem Hobby ihres Mannes. »Privat ist er ein umgänglicher und völlig unpolitischer Mensch, aber er weiß natürlich, dass man auf der großen Bühne der Politik nicht ganz ohne Themen auskommt.« Damit niemand merkt, dass ihr Mann sich eigentlich nicht für Politik interessiert, schreibt sie nachts seine Reden, wenn sie mit der Bügelwäsche fertig ist. »David kann besser lächeln, ich kann besser nachdenken.«

Doch manchmal wird auch ihr die Doppelbelastung zu viel: »Immer wenn Mac von einer Wahlkampfschlacht nach Hause kommt, habe ich mindestens zwei, drei Trommeln Feinwäsche zu liegen.« Da bleibt natürlich keine Zeit mehr, jeder Zeitung ihr eigenes Interview zu geben, weshalb Redaktionen ungefragt auch schon mal vorgefertige Interviews zugeschickt bekommen. So machen wir das. – Der folgende Aufschrei der Presse war bis nach Peine zu hören.

Die Forderung seines politischen Kontrahenten Stephan Weil nach mehr Fernsehduellen im Niedersachsen-Wahlkampf findet Dunja McAllister »gemein«. »Der Stephan weiß ganz genau, dass mein Dave das nicht kann, und er will ihn nur blamieren.« Solche windigen Wahlkampfmanöver kommen auch beim sturmfesten und erdverwachsenen Wähler nicht gut an. Wahlforscher von der Universität Hannover erklären: »Wenn David McAllister ein beliebiger deutscher Spitzenpolitiker wäre, würde ihn das Volk mit Häme überschütten, wenn es ihn wahrnehmen würde.

Aber da er gleichzeitig so ein drolliger Schotte ist, interessiert es sich viel mehr dafür, wie es wohl unter seinem Rock aussehen könnte.« Dunja McAllister weiß es, möchte dazu aber keine Stellungnahme abgeben – »die Wäsche wartet ...«.

Als Spitzenpolitiker mit doppelter Staatsbürgerschaft liegt McAllister voll im Trend. Er selbst macht allerdings keinen Unterschied zwischen Schotten und Niedersachsen: »Die Menschen hier wie da sind robust und stumpfsinnig, und saufen den ganzen Tag«, behauptet er natürlich nicht. Stattdessen erklärt er lieber: »Ein gutausgebautes Verkehrsnetz ist wichtig für Niedersachsen«, oder: »Persönlich stehe ich für eine Politik von Menschen für Menschen«, oder sogar: »Die Bugwelle eines Motorbootes hat das Drachenboot erwischt«. Knallharte Argumente, die der politische Gegner nur schwer widerlegen kann. So machen wir das.

Er selbst und ein Gemälde über seinem Kamin erinnern ihn stets daran, wie schicksalhaft Schottland und Niedersachsen miteinander verbunden sind. »Diese Szene zeigt, wie sich die einstigen Bündnisgenossen Robert the Bruce und Hermann der Löns nach der gewonnenen Schlacht gegen die Schnucken bei Schneverdingen high fiven.« Das Bild ist ein Erbstück seines Vaters James, der im Krieg nach Deutschland kam, um den demokratischen Nährboden für die politische Karriere seines ungeborenen Sohnes zu bereiten. Dieser trat in die militärischen Stiefelstapfen seines Vaters und diente im Panzerbataillon 74 in Cuxhaven. Er beendete seinen aktiven Dienst, als er feststellen musste, dass sich sein Panzer und die Nordsee nur schwerlich vertrugen.

Seitdem nennt ihn die Presse den »Anti-Seehofer«, denn Seehofer wäre schon aus Trotz mit dem Leo bis Dover durchgebrettert. McAllister trocknete sich stattdessen ab und ließ sich häuslich nieder. Seitdem ist der hohe Norden seine »Heimat im Herzen«, wie er gerne betont. Da wundert es nicht, dass der Hoffnungsträger einer desinteressierten Generation über sich selbst sagt: »Ich bin ein Ministerpräsident, der sich sehr um das Land Niedersachsen bemüht, und der sich auf das Land Niedersachsen konzentriert.« Anstatt zum Beispiel auf die Oberpfalz, wie das alle anderen Ministerpräsidenten tun.

Angela Merkel muss sich also offenbar keine Sorgen machen, dass es den Prinzipal von der Leine irgendwann nach Berlin ziehen könnte, um ihr die Kanzlerinnenschaft streitig zu machen. Wo Berlin ohnehin ein heißes Pflaster ist für Schwiegersohntypen vom platten Land. Doch Vorsicht: Hunde, die wackeln, bellen nicht! Und wenn es die Deutschen irgendwann nach einem Regierungschef verlangt, der auch gerne mal Röcke trägt, sich aber sonst nicht weiter für Politik interessiert, könnte es mit Merkel schnell vorbei sein. Dann wird es auch in Berlin heißen: »So machen wir das. Bei uns in Niedersachsen.«

Michael Kaiser
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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