Greise in die Kohlegrube! – aus Heft 12/2012

pruestelFrüher war es regelrecht ein Vergnügen, alt und gebrechlich zu sein. Man hatte ein Sippe, die für einen sorgte. Wenn man spätestens mit Mitte 30 die letzten Zähne verlor, versammelte sich die Familie und kümmerte sich mit Knüppeln so lange um den unnützen Esser, bis der dahin ging, wo es besser für ihn war. Davon hatten alle was.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Einstellung zu den Greisen kaum. Überall wurde ihre gesunde Skepsis gegenüber den neuesten technischen Errungenschaften begrüßt, und ihre Meinung über die Jugend hatte Gewicht. Noch vor einigen Jahren fand man in jedem Autobahnrastplatzrestaurant zu Dutzenden »vergessene« Rentner, die wahllos kleine Kinder knuddelten, bis die anfingen zu betteln: »Bitte bitte, Mami, dürfen wir die behalten?« Natürlich durften sie, denn pflegebedürftige Menschen waren ein Quell der Freude. Es war eine schöne Zeit.

Heute dagegen sind die Maßstäbe andere. Gebrechlichsein gilt nicht mehr als in. Zwar wurden schon die ersten Hipster gesehen, die mit absichtlich vollgekleckerten Hemden, demonstrativer Vergesslichkeit und mutwillig wundgelegenem Rücken einen neuen Trend setzen wollen, doch so richtig Fahrt aufnehmen will die Entwicklung (noch) nicht. Lediglich die bis unter die Achseln hochgezogene Hose und Haare in den Ohren erfreuen sich großer Beliebtheit.

Schuld an der um sich greifenden Glorifizierung der Gesundheit ist die steigende Anzahl der Siechen. Um der für die Zukunft absehbaren Überproduktion Herr zu werden, verlangt es nach neuen, kreativen Lösungen. Eine scheint dabei Deutschland in besonderer Weise gerecht zu werden: der Export. Pflegedienste im Ausland reißen sich geradezu um die Qualitätsware made in Germany.

Doch nicht alle Länder eignen sich gleichermaßen. Während man in islamischen Staaten solchen Pflegefällen besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, die bereitwillig über ihre Aktivitäten zur Zeit der Vierzigerjahre berichten, bevorzugt man in China rüstige Alzheimerpatienten, denen die Arbeit in den örtlichen Kohleminen als Bewegungstherapie verkauft werden kann.

Doch Deutschland als Exportweltmeister hat auch einen Ruf zu verlieren. Hier und da kommen schon die ersten Beschwerden, die gelieferten Chargen seien zu fit. Vor Kurzem, beschwerte sich der Leiter einer Einrichtung auf Menorca, habe man einen »Pflegefall« gehabt, der jeden Tag die Anlage verlassen habe, um eine Runde Golf zu spielen. Für derartige Fälle reiche natürlich die auf 200 ml Salzlösung streng limitierte Energiezufuhr bei Weitem nicht aus. Man habe über einen Monat gebraucht, um den Mann mit Hilfe verschiedener Krankenhauskeime und einem induzierten Oberschenkelhalsbruch auf die für die Finanzierung seines Platzes notwendige Pfelgestufe III zu bringen.

Die positiven Erfahrungen mit dem Export überwiegen allerdings. In vielen Ländern entstehen neue Einrichtungen, Träume in Beige und Hellbeige, die ihren Pflegekunden nicht nur regelmäßige Unterbodenwäsche bieten, sondern auch Spezialfriseure für Blumenkohlfrisuren.

Die oft vorhandenen Sprachbarrieren zwischen Pflegepersonal und Pflegegästen sind meist zum Glück nicht weiter schlimm, da man ein paar Minuten später ohnehin vergessen hat, wo das Aua gewesen ist.

Den Angehörigen der solcherart ausgelagerten Alten Herzlosigkeit vorzuwerfen, greift zu kurz. Schließlich sind sie es, die einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich nehmen müssen, um Oma zu besuchen, und vor allem, um zu überprüfen, ob sie überhaupt noch da ist.

Dass Angehörige sich für diese Variante der Pflege entscheiden, hat viele Gründe. Manchen sind die Heime in Deutschland zu teuer, andere können sich deutsches Pflegepersonal nicht leisten, und wieder andere scheitern an der Finanzierung. Oft ist auch einfach nicht genug Geld da.

Für die Befürworter liegen die Vorteile auf der Hand. In fremder Umgebung mit fremden Menschen konfrontiert zu werden, fördert die geistige Beweglichkeit, die Kunden blühen noch mal so richtig auf. Schnell treten Lernerfolge ein, und schon nach wenigen Wochen kommen ihnen Sätze wie »Bitte nicht schlagen!« und »Wrgstlpffpffröchl« problemlos über die Lippen.

Doch nicht nur Pflegeeinrichtungen boomen dank deutscher Kunden. Auch Firmen, die mit den Einrichtungen oft sehr eng zusammenarbeiten. Denn nur selten kommt es vor, dass sich ein ehemals bettlägeriger Mensch ein Flugticket in die Heimat kauft und als Racheengel mit einer Flinte bewaffnet zu Hause bei den Angehörigen auftaucht. Meist werden sie im Anschluss an die Pflege Kunden sogenannter Liegeplatzvermieter. Kritiker bemängeln, dass es nicht im Sinne der ehemaligen Pflegebedürftigen sein könne, im Ausland begraben zu werden. Die Anbieter solcher Liegeplätze haben jedoch das bessere Argument: Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert.

Gregor Füller
Zeichnung: Andreas Prüstel

 

 

Kommentare 

 
#1 Steffi 2012-12-03 01:00
Ich freue mich jetzt schon auf mehr Tatendrang dieses Autors und hoffe auf ein ganzes Buch. Es gibt zu wenige, die mit Worten so viel Kurzweile und Happyness vermitteln. Es ist eine große Kunst, Leute in wenigen Worten zu fesseln, danke Dir :-)
Zitat
 

---Anzeige---