Einzahl, Mehrzahl, Rübezahl – aus Heft 11/2012

Kat WeidnerArbeitslos trafen wir uns seit je um sechs früh im Wald: der Philosoph, ein Slawist und ich. Still rauchten wir im Nebel zum Start am Steinpilzfleck, dann kroch jeder für sich in die Schonung. Um acht gab’s am Findling ein Pils, um zehn das Ei mit Senf – ein spartanischer Sport ohne Stress und Strapazen. Am Nachmittag fragte einer: »Wie lange noch?«, und die anderen antworteten: »Bis es finster wird.«



Während der Fußballweltmeisterschaft ist der Slawist dann nach Kamtschatka geflohen, vor den Public Viewings, dem Knattern der Fahnen, den Tröten. Kurz nach ihm ging auch der Philosoph seines Wegs; es hieß, er hätte sich mykologisch vertan. In Wahrheit war es das Seppuku eines Schrats alter Schule. Seitdem muss ich sehen, dass es ohne sie geht. Wer auch sollte die schweigsamen Männer ersetzen?

Arno vielleicht, der immer noch spitzelt und die Macke wettzumachen sucht, indem er andauernd lacht? Ein sympathischer Zug vielleicht für seine PR-Lehrlinge. Kriegt er Hunger, packt er Speck und Gurke zwischen Stullen, jede Scheibe telefonbuchstark, hängt wie eine Eierschlange den Kiefer aus, beißt rein, fragt dumm rum und schnurpst – eine Verhörmethode, wie sie selbst die CIA nicht kennt.

Weniger problematisch wäre da Gregor, der seit seiner Zeit bei den Raketen in der Sternwarte sitzt. Wenigstens er könnte Abstand zu sich halten, aber aus Angst zu erkranken, süffelt er neuerdings Tee, mampft Erde, Zwieback, Haferschleim – ein Zweimetergerippe mit Lust auf Lolitas. Im Pack könnte er sie haben, doch der Blutspenderpass ist ihm wichtig. Auch interessiert ihn der Shiitake-Pilz, von dem Chinesen meinen, dass er gegen Magen und Leberleiden hilft, gegen Krebs, Kopfschmerz, Sklerose; das Silberohr, das bei Tuberkulose und Hypertonie nützen soll, zumal in Verbindung mit Reis. Spaßeshalber erzähl ich ihm, wie auch der heimische Wald vor Heilpilzen strotzt; seitdem krieg ich ihn nicht mehr vom Hacken.

Mit Nolte ginge es, läge er nicht immerzu im Clinch mit sich, ein Misanthrop im Dienst am Patienten. Lehrbuchgemäß sitzt die Krux auch bei ihm klar in der Kindheit. »Du wirst Arzt, dann machst du den Opa gesund!« Leider hatte Opa als Künstler kein Glück, wurde auf Parteiweisung Werbezeichner für Malzkaffee, brachte es zu einem Gehilfen, einer Datsche, einer Yacht und starb – zum Pech für Nolte – zu früh. Dass Nolte mit Vierzig nun Maler sein will, ist klar ein Fall für die Couch. Dummerweise ist er selbst Psychiater.

Verrückt, dass sich auch ein berühmter Schriftsteller wie Erich mir nun anschließen will, ein alter Kämpfer auf der stets falschen Seite. Hat er Heimweh nach den Wäldern, macht er endgültig schlapp? Vorm Zusammenbruch Werwolf, unter Pieck Genosse und unter Ulbricht Knast, bei Honecker Dissident, nach der Wende Walhall. Verwirrend sein Gang zur Geschichte, die noch qualmt – nichts für einen, der sich zu besänftigen sucht, demes um Pilze geht, um die Ruh untern Wipfeln.

Bleiben Olaf und Ronny; keine Ahnung, was sie treibt, mich zu nerven. Sie würden den Fleck im Wald und den Wald als solchen verfehlen, vom verabredeten Zeitpunkt zu schweigen.

Wäre dem anders, und es käme zum Treff, gäbe es am Findling statt Bier nur Bordeaux, statt Eiern mit Senf iberische Schinken-Baguettes mit Trüffeln, statt f6 kubanische Bolzen. Zudem müsste Olafs Fahrer mit, was ihn nach drei Jahren Hartz IV nicht störte: in Livree Picknickkorb und Klimabox durch Moskitoschwärme schleppen, nachschenken, Ascher halten, »Chef« sagen. Gut möglich, dass ich sie tief in den Wald hinein führte, schweigend hülfe, ihre Sussex- Körbchen zu füllen: einen Champignon ins linke, einen Knollenblätterpilz ins rechte, einen Perlpilz, einen Pantherpilz, einen Wulstling; Hexenröhrling, Satansröhrling, Schleimling, ein jedes Exemplar taufrisch. Risspilz, Rußkopf, Rübling. Als Rübezahl ist man ja entweder so oder so, mal schalkhaft, mal bieder – störrisch und beugsam, bescheiden und stolz, freundlich oder rabiat. Käme der eine Karl-Marx-Städter Thälmannpionier noch mit Infusionen davon, fiele der andere vielleicht später der Gerechtigkeit zum Opfer: gestern rot, heute tot.

Mehrzahl, Einzahl, Rübezahl. Unterm Strich bleibt jede Rübe für sich. Nur meine Frau kommt immer wieder auf Nolte.

Rainer Klis
Zeichnung: Kat Weidner

 

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