Gestern noch auf stolzen Rossen – aus Heft 11/2012

WulffSeine Nase trägt schwer unter der Last der Buße: Christian Wulff hat sich zur Selbstkasteiung eine schwarze Rahmenbrille aufgesetzt. Ein Zeichen, eine Demutsgeste nur, jedoch eine, die ihn mehrere tausend Euro gekostet hat. Spät abends, wenn er das Nasenfahrrad, das er gegen den Dienstwagen eingetauscht hat, absetzt, zeigen sich auf der Haut über dem Os nasale rote Schlieren. Dann fragt er sich, wie lange er das alles mitmacht: seine Rolle als Sündenbock der Politik, als Watschenmann des Lobbyismus, als schwarzer Peter der Patchwork-Väter in Geldnöten. Doch will er seine Immobilie in Großburgwedel abbezahlen, muss er da durch. Denn Christian Wulff ist Deutschlands einziger Berufstunichtgut.

Sicherlich, der Job ist nicht schlecht bezahlt. Zudem gibt es Diensträume und zwei Mitarbeiter auf Staatskosten. Aber was für welche! Aus Wulffs wunder Nase spritzt das Blut, wenn er sie über seine tumben Büttel rümpft. Angestellter eins hat Ohrenhaare, der zweite einen schwarzen Zahn, und den dritten gibt es nicht. Und die Büroräume erst! Verbannt wurde er in das letzte Loch. In Berlins schäbigster Ecke musste er hausen, vis-à-vis des menschlichen Elends, das täglich Einlass in die britische Botschaft begehrt. Nicht mal roter Klinker ziert die uralte Fassade. Und als er sich kleinlaut und lauthals darüber beschwerte, vertrieben sie ihn auch von dort. Beinahe hätte er sich dafür noch bedanken müssen.

Machte er aber nicht. Stattdessen zog er unter Schimpf, Schande und mit einem Umzugsunternehmen an die Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße. Ein Reihenendhaus – natürlich vermutete er das. Doch weit gefehlt. Statt ausgesuchter Schlafdorfidylle erwartete ihn ein öffentlicher Pranger. Nicht zufällig so gelegen, dass ihn der Plebs problemlos vom Hotel Adlon aus anspeien kann. Als wäre das nicht genug, muss der Bundesheini sich die drei 18-m2-Zimmer mit den Ausdünstungen seiner Angestellten teilen. Die Räumlichkeiten sind hellhörig, und nachts vernimmt man die Angstschreie des fettleibigen Altkanzlers, der sich zum Schutz vor seiner nymphomanen Gattin in die Räume unter ihm eingemietet hat. Eine Atmosphäre des Siechtums und der Tristesse liegt über dem Eichenparkettfußboden. Und blickt Wulff aus dem Fenster, stiert ihm die Viktoria auf dem Brandenburger Tor feindselig in die Augen.

Doch trotz dieser Widrigkeiten hat sich der Ferienhausgast a.D. seine Menschlichkeit und Warmherzigkeit bewahrt. Wenn man ihn in seinem Kabuff besucht, um mit ihm zu sprechen, lässt er mit der linken Hand einen seiner Mitarbeiter los, stellt mit der rechten die Febreze-Flasche auf den Schreibtisch und setzt höflich die Gasmaske ab. Er hat Gewicht verloren unter den Anstrengungen im neuen Beruf. Pferderennen, Paartherapie und Ausdauerpopeln; Wulff hetzt von einem Pflichttermin zum nächsten. Vorbei die Gemütlichkeit vergangener Tage. Früher, als er noch Bundespräsident war, saß er morgens oft stundenlang in Bellevue mit Kai Diekmann zum Frühstuck. Sie waren Müßiggänger, die in den Tag lebten, ihre Frühstückseier schaukelten, und manchmal gab der Bild-Chefredakteur sogar ein paar Puffgeschichten zum Besten.

Es bringt nichts, wenn man an der Vergangenheit hängt wie ein Hautlappen vom Kinn seiner Freundin Veronica Ferres, sagt Wulff heute. Jeder muss eben alles nehmen, wie es ist. Zum Beispiel seine Frau. Früher bestand ihre einzige Tätigkeit darin, ihn zu begleiten. Begleiten, das war quasi ihr Beruf. Wulff gab ihr dafür Geld. Heute muss sie Bücher darüber schreiben, um über die Runden zu kommen. Aber beschwert sie sich? »Ja, und zwar in ihrem Buch«, gibt Wulff zu. Aber das sei noch lange kein Grund, der Zeit auch nur ein klitzekleines Tränchen nachzuweinen. Höchstens einen Sturzbach, den schluchzt er dann doch schon mal weg, gesteht er.

Wulff hadert nicht. Er akzeptiert, dass an ihn andere Maßstäbe angelegt werden als an den Durchschnitts-Skoda-Roomster-Fahrer. Wenn der Preis für sein jährliches Gehalt von 220 000 Euro jener ist, dass seine Gattin private Details, wie ihr unbändiges Verlangen nach Gummibären, ihre zügellose Leidenschaft für Ü-Ei-Figuren und ihre Orgasmusprobleme preisgibt, dann akzeptiert er das, ohne mit der Brieftasche zu zucken. Er kann mit diesen Dingen mittlerweile umgehen, sagt Wulff. Er legt sein Kinn nach Elderly-Statesman- Art zwischen Zeige- und Mittelfinger und fährt nachdenklich mit der Zunge durch die Luft.

Schließlich muss es ja auch einer machen: sich von Altmaier beschimpfen lassen und den bösen Gegenpart zu Joachim Gauck, dem Freund der Menschen, der Freiheit und der Tiere des Waldes, spielen. Nur manchmal, wirklich ganz selten, findet er die gesellschaftliche Aufgabe als Buhmann, die ihm zuteil wird, doch ein bisschen ungerecht. Denken die da draußen denn wirklich, dass er der Einzige ist, der sich von reichen Freunden auf die Sprünge helfen lässt? Glauben die Leute ernsthaft, dass Angela Merkel ihre fünftausend Hosenanzüge selbst bezahlt hat? Hätte sie dafür nur einen Cent ausgegeben, müsste man jedenfalls an ihrer geistigen Unversehrtheit zweifeln, gibt Wulff zu bedenken. Wäre es da nicht recht und billig wie ein Hotelzimmer-Upgrade eines heimlichen Gönners, wenn man auch ihn, Wulff, in Frieden ließe?

Stattdessen quält man ihn weiter. Auch und gerade aus CDU-Reihen heraus. Jeder Hinterbänkler, Provinzdepp und Satirearsch darf sich an ihm vergehen, wie an einem Freudenhausmädchen mit Prollo-Tattoo. Neulich fand man heraus, dass Wulff der einzige Bundespräsident ist, der keine Ehrenbürgerwürde besitzt. Sofort standen sie Spalier und versuchten ihm die Ehrenbürgerschaft von Osnabrück überzuhelfen. Kann man einen Menschen perfider verhöhnen? Wulff ist realistisch genug, um zu wissen, dass das nicht geht. Und doch würde er den Belag auf seinen Stimmbändern dafür geben, die Unbeschwertheit vergangener Tage noch einmal genießen zu dürfen. Wie gern würde er wieder auf Maschmeyer- Parties gehen, Leute am Telefon zusammenscheißen und geile Werbegeschenke annehmen. Er kann sich einzig mit dem Gedanken trösten, dass er ja genau das jeden Tag macht.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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