O Ecuador, o Ecuador! – aus Heft 10/2012

Assange
Wohl jeder kennt die Situation aus eigener Erfahrung: Man sitzt zu Hause am Rechner, macht aus Versehen streng geheime Depeschen aus dem Pentagon öffentlich und wird anschließend von zwei schwedischen Nymphomaninnen zum Sex gezwungen, die später das genaue Gegenteil behaupten. Für viele Mittvierziger ist das Alltag.

Daher würde man sich über Julian Assange auch nicht weiter die Festplatte fusselig reden, hätte sich der australische Albino nicht zufällig in der ecuadorianischen Botschaft in London einquartiert. »Herrlich«, sagen die einen, »Hossa!«, singen die anderen. Seit Juni hält sich Assange nunmehr in Hans Crescent Nr. 3 auf.

Die, die täglich mit ihm verkehren, beschreiben ihn als leicht hospitalisiert, aber rundum happy. Mit 41 Jahren kann Assange noch einmal von vorn anfangen, ihm winkt ein neues Leben in einem neuen Land. Hinter sich lässt er dann die hässlichste aller Inseln. Scheiß-Wetter, Scheiß-Essen, Scheiß-Linksverkehr. Wer an England denkt, fragt sich, worauf der ansteigende Meeresspiegel eigentlich noch wartet. Kein Fleckchen Erde lädt offensiver zum Exodus ein als das Vereinigte Königreich.

Nun ist Deutschland nicht England, aber auch hier lassen sich ausreichend Gründe finden, einfach Leine zu ziehen und das graue Dasein im drögen Parlamentarismus gegen den abenteuerlichen Fun in der autokratischen Wohlfühloase einzutauschen. Einfach mal einen Assylange-Antrag stellen und ab geht die Post. Die Botschaft von Ecuador ist nicht umsonst eine beliebte Anlaufstelle für Menschen mit Fernweh. Der sympathische Andenstaat bietet alles, woran es uns fehlt: Vulkane, den Pazifik und einen Regierungschef mit Charisma. Auch wirtschaftlich geht es bergauf. Die erfolgreichsten Exporte sind Erdöl, Schnittblumen und Malaria. Dass das Internet in Ecuador nur etwa halb so schnell Daten überträgt wie eine halbseitig gelähmte Brieftaube, wird da sicherlich auch Hackerfresse Assange gerne in Kauf nehmen.

Nun hat die Sache allerdings einen Haken. Im Gegensatz zu nerdigen Australiern mit dem Talent, Machtblöcke gegeneinander aufzuwiegeln und einen dritten Weltkrieg anzuzetteln, ist der gemeine Deutsche in dem lateinamerikanischen Land nicht sonderlich gelitten. Schuld ist der alte Alexander von Humboldt. Noch immer nehmen die Ecuadorinten unserem Bildungsreisenden übel, dass er bei ihnen einst den Humboldt-Strom eingeführt hat. Seither ist das Land in zwei Klimazonen geteilt. Kaum vorstellbar, dass wir Urenkelinnen und Urenkel dieses Spalters in Ecuador mit offenen Blusen empfangen würden.

Aber wie heißt es so schön in einer postkolonialistischen, spanischen Seemannsweise: »O Ecuador, o Ecuador. Dann fahr’n wir halt woanders hin« (im Original: »Viva la viva lo viva la Mexico«). Allein in Deutschland warten Hunderttausende von Botschaften darauf, verzagten Westbürgern neue Perspektiven zu bieten. Warum nicht mal an der Perleberger Straße 62 (Berlin) Sturm läuten, schaun, ob Seine Exzellenz Dilshod Akatov zufällig zu Hause und nüchtern ist. Die Öffnungszeiten der usbekischen Botschaft (montags bis freitags jeweils von 9 bis 13 Uhr) sind bürgerfreundlich, sofern man sich nicht wieder die ganze Nacht am PC um die Ohren geschlagen hat. Auf alle Fälle kann man Botschafter Dilshod auch eine E-Mail schreiben (DilBo@uzbekistan. de) oder man hackt sich gleich in den Botschaftsserver ein und kommuniziert bequem übers Intranet.

Natürlich sollte man nie mit leeren Händen vor einer Botschaft aufkreuzen. Altes Diplomatengesetz.

Wer ein Assylange werden will, muss schon was bieten oder zumindest das Zeug mitbringen, ein bisschen Weltgeschichte zu schreiben. So konnte Julian Assange mit dem Pfund wuchern, im Namen der Aufklärung unterwegs zu sein. Dank der von ihm veröffentlichten Depeschen wissen wir nun, dass Soldaten auf alles schießen, was nicht bei drei auf eine Mine tritt, Politiker käuflich sind und die Wirkung von Globuli auf Einbildung basiert.

In der Perleberger Straße hat sicherlich derjenige höhere Aufnahmechancen, der wenigstens zwei Semester in angewandter Atomphysik vorweisen kann. Und wo man schon mal da ist, sollte man auch die Flugstunden beim Segelfliegerclub »Roter Baron« nicht für sich behalten.

Es gehört zu den vom Auswärtigen Amt gerne unterschlagenen Tatsachen, dass zwischen autoritären Regimen und schönem Wetter eine Korrelation besteht. Je dominanter der Potentat, desto höher die Anzahl jährlicher Sonnenstunden. Das mag vielleicht Zufall sein, ein Argument für einen überstürzten Umzug ist es allemal. Im bestens vertrauten Dschibuti beispielsweise herrscht ganzjährig Hochsommer. Heiligabend bei gesegneten dreißig Grad unter Palmen – da lässt sich dem Jesuskind gleich viel leichter huldigen. Von allzu sichtbarem Christbaumschmuck sollte in dem muslimlastigen Land allerdings abgesehen werden. Die dschibutische Botschaft (Dschibutschaft) befindet sich in der Kurfürstenstraße 84. Kommen Gäste, werden sie von Seiner Exzellenz Mohammed Dileita Aden mit Trockenobst aus der Heimat willkommen geheißen. Öffnungszeiten gibt es allerdings keine. Dafür ist Herr Aden rund um die Uhr telefonisch erreichbar (0153/3667985). Machen Sie den Test!

Klar ist leider auch: Wer von einer Botschaft aufgenommen wird, hat sein Ziel noch lange nicht erreicht. Um lästigem Anfragen und Winseln im Auswärtigen Amt zu entgehen, empfiehlt sich der abenteuerliche Abgang. Für die kostengünstigste Variante benötigt man im Grunde nicht mehr als einen handelsüblichen Hirtenstab, ein Kerkeling-Sachbuch sowie eine plausible Erklärung dafür, warum man den Jakobsweg ausgerechnet auf dem Umweg über Dschibuti zurücklegen will. Wer eher die passive Rolle bevorzugt und eine Schwäche für den Orient hat, dem sei geraten, sich in einen Perser einwickeln zu lassen. So muss er an den Grenzen nur noch darauf hoffen, dass seine Gehilfen den Text behalten konnten und glaubhaft versichern, dass es sich bei dem ranzigen Textil um einen unverzollten Teppich aus dem Entwicklungsministerium handle, den man auf diesem Wege ordnungsgemäß samt Minister retour bringen wolle.

Der sicherste Transport in die Schweiz (Otto-von-Bismarck-Allee 4A, Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr), jenen kleinen, klimatisch heilsamen Unrechtsstaat, der sich wohlweislich hinter den Alpen versteckt, erfolgt noch immer im Innern eines Geldkoffers. Kontrollen sind beiderseits ausgeschlossen. Der Komfort der Ausreise lässt freilich zu wünschen übrig. Wer daher im Yogakurs für fortgeschrittene Flüchtlinge gelernt hat, die eigenen Gelenke auszukugeln und sich zusammenzufalten, ist klar im Vorteil.

Natürlich lässt sich jede Flucht auch über TUI, Sonnenklar-TV oder den Vatikan (Lateinamerika) buchen. Vielleicht ist das die eigentlich frohe Botschaft.

Florian Kech
Zeichnung Burkhard Fritsche

 

---Anzeige---