Als dauernd ein Nicht verschwand – aus Heft 10/2012


LanzMarkus Lanz, der smarte Junge mit den glattgewichsten Grinsebäckchen, hegt offenbar einen verwegenen Plan. Kurz vor dem Start der ersten Wetten, dass ...?-Show ohne richtigen Showmaster wird der Saubermann vom Dienst frech. Mit seinem gekonnten Schlag gegen den Altmeister Gottschalk wagte er das Unfassbare. Einer Zeitung sagte er: »Ich bin mir ganz sicher, dass er Wetten, dass …? schaden will.« Eine naheliegende Vermutung – denn Gottschalk produziert sich zeitgleich mit Lanzens Wetten, dass …? bei RTL. Aber so was sagt man doch nicht!

Nachdem seine Frau die Koffer gepackt und ihm Gütertrennung angedroht, die Mutter ihn enterbt und der Sendechef die Espressomaschine aus seinen Büro entfernen lassen hat, kamen dem dreisten Wüterich Zweifel, und er verwünschte im Stillen seinen Todesmut und seine seit der Kindheit in ihm pochende Neigung zu denken, dass er den Größten hat und der Größte ist. Plötzlich war er wieder das feige, hinterhältige Würstchen, als das wir ihn kennen, und bereute tief: Jemand habe ihm aus jenem Satz über den großen Gottschalk das »nicht« geklaut! Tja, die Leute stehlen ja alles, was nicht niet- und nagelfest ist. »N i c h t schaden wolle«, müsse es heißen.

Dass Nichts wegkommen, geschieht häufiger, als allgemein angenommen. Viele Aussagen der Weltgeschichte müssten in diesem Lichte noch einmal überprüft werden: Seit 5:45 Uhr wird nicht zurückgeschossen, niemand hat nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten, wer nicht zu spät kommt, den bestraft das Leben bzw. wer zu spät kommt, den bestraft das Leben nicht, vielen wird es nicht besser gehen, keinem schlechter usw.

Lanz kam noch mal mit einer Bremsspur im Armani-Anzug davon. Aber vielleicht ist die ganze Nummer nur Teil einer Selbstinszenierung, mit der Lanz endlich seinen schlechten Ruf als Schwiegermutters Liebling loswerden will – er will ein Ekel werden. Schließlich kam der Gottschalk mit seiner Großfresse auch ganz nach oben. »Jetzt mach ich mal auf Badboy«, muss Lanz gedacht haben. Und ging ins Studio, und zwar um die Markus Lanz vom 5. September zu moderieren.

Jürgen Trittin ließ sich protestlos neben Dieter Thomas Heck platzieren. Neben diesem fanden sich die wohl unbekanntesten und völlig überflüssigen ZDF-Moderatorengesichter Micky Beisenherz und Joachim Llambi ein. (Diese beiden werden in Kürze das ZDF mit einer Neuauflage der Sechziger-Jahre-Show Die Pyramide blamieren.) Daneben hockte eine Petra Joy, Regisseurin und Produzentin (wie es auf der ZDF-Presseseite heißt). Tatsächlich dreht die Lady Pornos. Mit Niveau, versteht sich! Der letzte im Stuhlkreis ist der Soap-Senior aus Gute Zeiten schlechte Zeiten Wolfgang Bahr.

Diese illustere Runde will Herr Lanz nun aufmischen. Frech, provokant, subversiv und ironisch – ein Tausendsassa aus dem ZDF-Selbstbaukasten. Und ganz der Gottschalk eben. »Herr Trittin, mögen Sie sich selber?« Oi, das hat gesessen! Zufrieden sucht Lanz Blickkontakt zur Kamera. »Ja, ich komm gut klar mit mir«, antwortet der eiskalte Hund, seit geschätzten 40 Jahren im Politikgeschäft. »Wann haben Sie sich das letzte Mal über sich geärgert?«, giert Lanz weiter. Er hofft, Trittin würde nun über seine Kanzlerkandidatur aussagen. Doch welche Überraschung, »über einen misslungenen Fischtopf« hat er sich gegrämt. Und schon ist die Luft raus. Markus, der dreiste Klassenprimus, ist sichtlich verunsichert, findet keine Anschlussfrage und muss Rettung beim alten Heck suchen: »Wann würden Sie die Grünen wählen?« Aber Heck denkt nicht daran, dem Buben aus der Patsche zu helfen. Da spürt Lanz es siedend heiß: Es ist höchste Zeit für ein paar Tittenwitze!

Ob der Trittin, der olle Zausel, als Darsteller für Sie in Frage käme, wanzt er sich an die Pornotante. Sie sagt »ja«, und keiner lacht. Die Sendung, vermutet man, ist damit schon an ihrem furchtbaren Ende. Doch Lanz hat ein Ass im Ärmel: Ein Einspieler zeigt, wie Trittin einer knackigen Parteifreundin auf den Hintern stiert. Erwischt, freut sich Lanz, denn das Leben beweist ja: Wer einer Frau auf den Hintern schaut, ist ein Pornowicht. Doch Trittin bleibt unbeeindruckt, und das Publikum auch.

Dann ist Heck dran. Der soll erzählen, wie er von seinen verarmten Rentnerkumpels angepumpt wird. Aber ach, da hat wohl jemand ein Nicht geklaut: Heck wird gar nicht von seinen Freunden angepumpt. Wieso auch? Er ist ja völlig inprominent, seit er in Spanien als Hütchenspieler lebt. Jetzt ist die Show endgültig tot. Aber Markus hat noch Sendezeit zu füllen.

Der Soapdarsteller in der Runde, so Lanz eifernd, soll gesagt haben, bei GZSZ gebe es hinter den Kulissen mehr Sex als davor. Und schon wieder hat einer ein Nicht geklaut: Dieser Schauspieler will das nämlich nicht gesagt haben. Lanz, dieser Lausbub, gibt kokett zu, er habe sich das ausgedacht.

Nun spielt er mit den beiden schlaffen Nachwuchsmoderatoren Begrifferaten. Das Wort beginnt mit »Geschlechts...«. Na, wer weiß es? Der Heck bekommt Stressflecken. Niemand? Lanz, ganz Kumpel, hilft: »Anderes Wort für ›bumsen‹!« Das Studiopublikum beginnt zu kichern, und der Lanz sieht im Geiste seinen Handabdruck schon neben dem von Thommy in den Hollywoodboulevard gepresst. So frech, so wild, so spritzig fühlt er sich. Die Pornofilmerin soll beschreiben, was sie beruflich so treibt. »Wir machen alles; oral und blasen und lecken und vertikal und anal und in Po, in die Nase und unter Wasser auch.« Heck schüttelt das Toupet. »Dat hättes bei mir nischt jejeben.«

Dann ist es Gott sei Dank vorbei. Wer jetzt noch sagt, der Lanz, das sei der Thomas Gottschalk von heute und morgen, der tut dem Herrn Gottschalk wirklich bitter Unrecht.

Felice von Senkbeil
Zeichnung: Andreas
Prüstel

 

 

Kommentare 

 
#1 C.San 2014-06-25 19:36
Das Fernsehen war mit Gottschalk schon die Notlösung . Wer genau fünfmal Wetten dass ... ganz gesehen hat , oder vielleicht achtmal, hatte die Hoffnung auf den Samstag im ZDF verloren.
Die Hoffnung in dieARD für war für schmerzunempfin dliche
noch wach.
Nach Lanz und Co.ist auch für diese Zielgruppe Hoffnung nicht festzustellen.
Zitat
 

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