Lass es wie einen Unfall aussehen! – aus Heft 9/2012

mappusDer eine war mal Ministerpräsident der Bank Morgan Stanley, der andere Vorstandsvorsitzender von Baden- Württemberg: Dirk Notheis und Stefan Mappus – das schwäbische Powerpaar, das auf eigene Faust den Atomenergie-monsterkonzern EnBW verstaatlichte, während der Stuttgarter Landtag im Winterschlaf weilte. Ganz und gar unschwäbisch – nämlich mit einem großzügigen Milliardenaufpreis – und per E-Mail und SMS wurde der Hammerdeal in trockene Windeln gebracht.

Dr. Notheis schrieb: »Zieh die Sache genau so durch, wie ich es dir sage!«, Mr. Mappus mein te: »klaro«; Dr. Notheis schrieb: »Kann jetzt keinen Sand im Getriebe gebrauchen!«, Mr. Mappus antwortete: »jo. lg stefan «; und als Dr. Notheis ihn anhielt, mit den Verhandlungspartnern »nicht über Multiples zu reden, weil das nicht authentisch rüberkommt«, simste Mr. Mappus: »lol«.

Nach diesem hoch effizienten E-Mail-Verkehr ist nun auch ein früher Briefwechsel zwischen den beiden aufgetaucht. Beobachter schwärmen von den wichtigsten politischen Bekenntnissen seit Guttenbergs Vorerst gescheitert und der noch unveröffentlichten Selbstbezichtigung Eckart von Klaedens Mein, nun ja, Leben. Entdeckt wurden die Briefe im Keller eines Pforzheimer Reihenendhauses von der Hausfrau M., die ihren vollständigen Namen lieber für sich behält und nur so viel sagt: »Wenn ich mich wegen meines Sohnes schon nicht mehr vor die Haustür trauen kann, dann will ich mit seiner Hinterlassenschaft wenigstens noch Kasse machen.« Und das wird sie!

Vom Stuttgarter Vetterles Verlag hat Frau M. ein lukratives Angebot erhalten. Dort wird das Buch Der Dirk und der Stefan. Briefwechsel. Die ganz frühen Jahre erscheinen. Es enthält anrührende Zeugnisse einer politischen Männerfreundschaft, klar wie ein Sommermorgen, rein wie ein Gebirgsquell. Die ersten Krakelbriefe stammen aus der Zeit, in der der kleine Dirk fünf Jahre alt und soeben der Jungen Union beigetreten war. Dort traf er den noch kleineren Stefan. Die Junge Union war schon damals ein Schmalz tiegel der Kulturen und sozialen Schichten. Hier traf der Mittelstands-Spross auf den Sohn eines mittelständischen Unternehmers, um sich dann im coolen Kohl-Camp mit einem Burschenschaftler das Zimmer zu teilen.

Ihre ganz spezielle Form der Arbeitsteilung zeichnete sich bereits im Bundestagswahlkampf 1980 ab, als die Junge Union fleißig Plakate für Franz-Josef Strauß klebte, und der Dirk dem Stefan schrieb: »Lieber Moppel, du kannst die 5000 Plakate bei mir jetzt abholen. Lass dir dann ruhig Zeit. Es reicht völlig, wenn sie bis übermorgen hängen. Beachte, dass du die Längsseiten tatsächlich auch mit jeweils zwölf Reißnägeln befestigst. Vergiss das nicht wieder, Schussel! Dein Dirk. PS: Lustig, der Strauß hat auf den Plakaten ja gar keinen Hals. Wie du.« Drei Tage später schrieb der Stefan an den Dirk zurück: »Erledigt.«

Der Dirk gehörte zu den Schlausten auf dem Gymnasium, der Stefan besuchte derweil die Pforzheimer Realschule. In einer Schulaufführung von Schillers Die Räuber bekam ein Juso die Hauptrolle, nur weil er Karl hieß. Stefan spielte einen Fliegenpilz. Kurz vor der Premiere schrieb der Dirk: »Stefan, du Knollengewächs, wie kannst du es zulassen, dass dir ein Sozi die Hauptrolle wegschnappt? Die Aufführung muss gestoppt werden. Lass es wie einen Unfall aussehen! Und schreib dir für die Zukunft hinter die Ohren: Nimm nie wieder Rollen an, ohne mich vorher zu fragen! Dein Dirk. PS: Wobei der Fliegenpilz figurmäßig schon zu dir gepasst hätte.« Zwei Monate nach dem abgesagten Schultheater erhält der Dirk vom Stefan die Nachricht: »Karl isst immer noch Brei. Mama meint, dass der Karl nie wieder der wird, der er mal war. Gestern habe ich für ihn den JU-Mitgliedsantrag unterschrieben, so wie du es mir aufgetragen hast.«

Dann kam die Konfirmation. Die Vorbereitung auf dieses für die evangelische Persönlichkeitsentwicklung so maßgebliche Großereignis ist vergleichbar mit der Aufnahmeprüfung bei den Navy Seals. Selbstverständlich ließ der Dirk seinen Freund in dieser Phase nicht im Regen stehen und schrieb: »Lieber Stefan, wenn dich morgen der Pfarrer zum entscheidenden Vorgespräch empfängt, ist es von großer Bedeutung, dass du die Sache eiskalt durchziehst. Lass dich auf keine Fragen zum Katechismus ein und schon gar nicht aufs Kreuz legen. Grundsätzlich gilt auch hier: Sprich nicht über Multiples! Dein Dirk. PS: Und solltest du zwischendurch den Glauben an eine höhere Autorität verlieren, denk einfach an mich.« Nur einen Tag später antwortete der Stefan: »Gesegnet seist du, Dirk!«

Inmitten des Kalten Krieges mussten die beiden zur Musterung. Der Dirk hatte gleich doppeltes Glück. Zum einen konnte er eine Sehschwäche von minus 15 Dioptrien vorweisen; zum anderen machte er gerade eine Banklehre und galt somit als systemrelevant. Kein Kreiswehrersatzamt dieser Welt hätte ihn eingezogen. Der Stefan hingegen musste zum Bund – trotz Übergewichts, Schweißfüßen und Enuresis. Bevor er den Wehrdienst antrat, erhielt der Stefan vom Dirk den Befehl: »Lieber Stefan, achte darauf, dass du die kommenden zwanzig Monate nicht sinnlos verstreichen lässt. Eigne dir Fähigkeiten an, die dir auch bei deiner politischen Karriere nutzen. Lass dich unbedingt am Wasserwerfer ausbilden. Das schadet nie. Dein Dirk. PS: Gewöhne dir an, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Besonders beim Duschen.«

Als Banker in Frankfurt lagen dem Dirk die Frauen zu Füßen. Sie liebten ihn und seinen Gestank nach Geld. Der Stefan dagegen roch immer noch nach Pforzheim. Als er dann doch endlich sein erstes Date hatte, wollte Freund Dirk nichts dem Zufall überlassen und schrieb: »Lieber Stefan, du musst die Sache jetzt konsequent durchziehen. Deine Leute von der Fraktion kannst du immer noch später einweihen. Was wir jetzt gar nicht brauchen können, ist Sand im Getriebe. Lade das Mädchen zum Essen ein und gib dem Kellner ein sehr, sehr üppiges Trinkgeld. So was macht Eindruck. Dein Dirk. PS: Erzähl ihr nicht gleich beim ersten Treffen von deiner CDU-Mitgliedschaft.« Am Morgen danach schrieb ein dankbarer Stefan an seinen Dirk: »Großartiger Dirk, ich stehe zutiefst in deiner Schuld. Eines Tages werde ich mich revanchieren. Dein Moppel.«

So endet der Briefwechsel. Aber für alle Fans von Dr. Notheis und Mr. Mappus gibt es eine frohe Botschaft: Fortsetzung folgt. Der Stammheim Verlag hat sich bereits die Rechte für die Knast-Konversation gesichert, die allerspätestens in dreißig Jahren in den Buchläden landen wird.

Florian Kech
Zeichnung: Burkhard Fritsche

 

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