Sinn und Sinnlichkeit – aus Heft 9/2012

SinnDer Mann will Deutschland retten. Und er hat allemal das Zeug und den Bart dazu. Mit einer Gesichtsbehaarung wie Käpt’n Ahab und das Sandmännchen ist er quasi zum Helden geboren.

Dabei sah es am Anfang gar nicht gut aus für ihn. Hans-Werner Sinn hatte nämlich eine sehr schwere Kindheit. Als er 1948 in der Nähe von Bielefeld geboren wird, soll er erst einen anderen Vornamen erhalten: Wahn, Un oder Schwach sind die Favoriten der Eltern. Als Freunde jedoch intervenieren und meinen, das könne man dem Jungen nicht antun, einigt man sich auf Uhrzeiger. Erst ein Standesbeamter macht diesem Blödfug ein Ende und tauft das Kind eigenmächtig auf Hans-Werner.

An der Universität dann der nächste Rückschlag. Sinn will unbedingt etwas Wissenschaftliches studieren, schreibt sich aber aus Versehen für Volkswirtschaftslehre ein. Er ist am Boden zerstört. Erst als er merkt, dass Leute mit Geld ihm einiges davon abgeben, wenn er ihnen erzählt, was sie hören wollen, bekommt sein Leben wieder Sinn, und sein steiler Aufstieg beginnt. Über Christiansen, Will, Maischberger, Plasberg und Jauch schafft er es schließlich bis in die Sendung von Markus Lanz, wo er jetzt angeblich wohnt.

Neben dieser seiner Haupttätigkeit leitet er seit 1999 das Ifo-Institut, das regelmäßig den sogenannten Geschäftsklimaindex bekannt gibt. Um den zu ermitteln, rufen Sinns Mitarbeiter, die sogenannten Sinnologen, alle paar Wochen in Unternehmen an und fragen, wie es denn so läuft, ob es wohl so bleibt und ob alles frisch ist untenrum. Die Antworten werden ausgewertet, und aus den Ergebnissen lässt sich dann exakt ablesen, wie es in den Unternehmen so läuft, ob es wohl so bleibt und wie viele der Angerufenen die Frage, ob untenrum alles frisch sei, taktvoll übergehen oder einfach auflegen. Diese Daten werden auch der Bundesregierung vorgelegt, die dann auch genau weiß, wie es in den Unternehmen so läuft, ob es wohl so bleibt und wie viele der Angerufenen die Frage, ob untenrum alles frisch sei, taktvoll übergehen. Bisher war das immer sehr wichtig für die Regierung. Doch seit Sinn Deutschland retten will, indem er auf die »permanente Retterei« schimpft, die die Regierung betreibt, ist er im Kanzleramt nicht mehr gerne gesehen. – Das spricht für ihn. Einer, von dem sich die Kanzlerin abwendet, kann kein schlechter Mensch sein.

Auch den Finanzminister hat er schon gegen sich aufgebracht, indem er ihm ständig sinnige Statistiken mailt, die zur Verdeutlichung der Lage mit grimmigen Smileys versehen sind, wie Sinn sie auch gerne bei Powerpointpräsentationen verwendet, um die Wissenschaftlichkeit des Anliegens zu untermauern. Obendrein wird die deutsche Misere neuerdings auf der Internetseite des Ifo-Instituts mit einem Bildchen des Bundesadlers verdeutlicht, der in den Fluten der Rettungsmaßnahmen, deren Höhe an einem »Haftungspegel« abgelesen werden kann, versinkt.

Das ist so eindeutig, dass es selbst jemand wie Wolfgang Schäuble verstehen sollte. Schäuble allerdings behauptet seitdem, Sinn habe eine Klodeckelfrisur, und offenbar habe jemand sie auch als Klodeckel benutzt.

Üble Worte, die Hans-Werner Sinn jedoch nichts anhaben können, weil er weiß, dass er recht hat und dass die Frisur geil aussieht. In solchen Momenten holt er immer eines dieser großen Gläser aus dem Kühlschrank, die auch alle Kellerräume, den Schuppen im Garten und zwei Doppelgaragen füllen, öffnet es und schiebt sich den Inhalt mit einem großen Löffel in den sinnlichen Mund. »Aaah«, schwärmt er dann, »Weisheit! Superlecker! Besser als jede ausgedachte Statistik.«

Woher der Sinneswandel der Bundesregierung kommt, kann sich Sinn schon denken. Denn wie sein Vorbild Käpt’n Ahab hat auch Hans-Werner Sinn einen bösen Gegenspieler, der nicht wie Moby Dick nur weiß, sondern sogar Wirtschaftsweiser ist: Peter Bofinger. Der soll der Kanzlerin gesteckt haben, dass Sinn neuerdings mit seinen Thesen die Anti-Euro-Kampagne der CDU-Konkurrenzpartei NPD stützt.

Es ist ein harter Kampf, den Bofinger und Sinn austragen. Sinn sagt beispielsweise, durch die Bankenunion werde die Krisenpolitik für die Steuerzahler teurer. Bofinger dagegen sagt, sie werde durch die Bankenunion billiger. Beide berufen sich auf ökonomische Begründungsmuster ihrer Wissenschaft. Doch während Sinn den klassischen Vogelflug bemüht, liest Bofinger seine Prognosen aus dem Weinstein Würzburger Winzererzeugnisse. – »Eindeutig ein Punkt für Sinn«, meint der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup und erklärt: »Diese Weinsteinprognosen sind kompletter Mist, sagt mein Taschenkobold … Na, du kleiner Racker? Soll ich dich mal wieder rausholen?«

Und während Sinn für den Ausschluss verschuldeter Euro-Länder plädiert und sich dabei auf seine Studien von Igelgekröse, das er vor seiner Hofeinfahrt gefunden hat, stützt, fordert Bofinger den Verbleib verschuldeter Länder in der Euro-Zone und beruft sich dabei auf die statistische Verteilung der blauen Dreiecke auf seiner Tapete im Büro. – »Tapetenmuster sind zwar nach wie vor die beste Methode, um Immobilienblasen vorherzusehen«, so abermals Bert Rürup, »aber für die Analyse von Währungskrisen geht nichts über Rauchmuster aus einer stattlichen Marihuana- Zigarette. Das hat mir Adam Smith verraten, der mir im Traum erschienen ist.«

Bald allerdings könnte der Streit beendet sein. Seit gestern nämlich lässt Sinn seine Mitarbeiter bei Bofinger anrufen und ausrichten, man werde Bofingers Kinder zu Wirtschaftswaisen machen, wenn er nicht die Backen halte. Der Grund für die Feindschaft: Den lukrativen Markt der Wirtschaftsvorträge hätte Sinn gerne für sich allein. Bei solchen Vorträgen lässt er seine berühmten Sinnsprüche los wie z.B.: »Deutschland war nach China der Hauptkapitalexporteur der Welt. Dort, wo das Geld hinfloss, war Party.« Um das zu beweisen, hatten seine Institutsmitarbeiter extra eine Methode entwickelt, mit der man herausfinden konnte, wo Party war und wo nicht. Dazu schickte Sinn seine Mitarbeiter dem Geld hinterher in den Süden, und tatsächlich: Immer wenn Sinn einen von ihnen anrief, war dort gerade Party und bei ihm zu Hause nicht.

Für Sinn war damit klar, dass er unbedingt den »mediterranen Lebensstandard« in »Lateineuropa « besiegen und das deutsche Volk vor dem Geld verprassenden »Club Med« beschützen muss. Was zuerst nach völkischem Ressentiment klingt, ist in Wahrheit ein Appell für den Frieden. Denn Sinn weiß: Es wird Krieg geben in Europa! »Meine Kinder und Enkel«, erklärte er der FAZ, »werden zu Gläubigern der Südländer gemacht. Und irgendwann müssen sie auf politischem Weg von Italienern und Griechen das verliehene Geld wieder eintreiben. Das kann ich mir nicht als friedlichen Prozess vorstellen.«

Diese brisante Information habe er aus einer Analyse der Ampelschaltung in der Münchner Leopoldstraße. Ob das allerdings auch für Kinder und Enkel anderer Leute gelte, könne er nicht sagen.

Vielleicht kommt es aber auch gar nicht erst so weit. Denn was passiert, wenn irgendwann doch noch Eurobonds eingeführt werden sollten, hat er – wie immer um wissenschaftliche Exaktheit bemüht – in der Sendung von Günter Jauch verraten: »Dann gibt es einen riesengroßen Knall, und dann ist alles zu Ende.« Dann hätten auch Rettungsversuche keinen Sinn mehr.



Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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