Selbstresponsibilisierung

Ständig drängen sich dem Auge neue Scheußlich - keiten auf, die sich bei näherem Hinsehen dann doch wieder als Schnee von gestern erweisen – der »Megatrend Kultur« zum Beispiel, die »Glokalisierung«, die »Entrepreneurship« oder die »Transfeindschaft« –, und selbstverständlich schicken Journalisten jeden Monat Tausende von Formulierungen ins Rennen, die mindestens so laut nach Beachtung schreien wie zuletzt die Schlagzeile »Waffen-Verkäufer von Amokschütze gefasst«. Gemeint war natürlich, dass jemand, der einem sogenannten Amokschützen Waffen verkauft hatte, von der Polizei gefasst worden sei, und nicht, dass ein Amokschütze einen Waffenverkäufer gefasst habe, doch man wird ja nicht Journalist, weil man in der Lage wäre, einen Sachverhalt korrekt wiederzugeben, sondern weil es zu einem anständigeren Beruf nicht gereicht hat.

Ganz oben auf dem Siegertreppchen steht diesmal ein Begriff aus dem Forschungsfeld der Soziologie: die Selbstresponsibilisierung. Man soll sich nicht mehr darauf verlassen, dass der Staat einem schon helfen werde, sondern Eigenverantwortung übernehmen, sich um die persönliche Daseinsvorsorge kümmern, Weiterbildungseinrichtungen besuchen, unaufgefordert den Müll nach unten bringen und vielleicht sogar in die Freiwillige Feuerwehr eintreten oder, falls man selbst ein Staat ist, vor der eigenen Türe kehren: Das ist Selbstresponsibilisierung.

»Selbstresponsibilisierung und andere Formen der Arbeit am Selbst sind oft schwer zu unterscheiden«, hat der Historiker David Kuchenbuch im August 2016 im Merkur festgestellt – eine der wenigen Belegstellen, die sich finden lassen. International hat es die »selfresponsibilty« viel weiter gebracht als die schwer - fällige deutsche »Selbstresponsibilisierung«, die sich nicht so anhört, als ob sie außerhalb von Seminarräumen lebensfähig wäre.

Und wie ist es um ihre Lyriktauglichkeit bestellt? »Vorwärts und nicht vergessen / Worin unsre Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen / Vorwärts, nie vergessen / Die Selbstresponsibilisierung!« Nein, das wirkt noch etwas sperrig. Nächster Versuch: »Einsamer nie als im August: / Erfüllungsstunde – im Gelände / die roten und die goldenen Brände / doch wo ist deiner Gärten Selbstresponsibilisierung?« Klingt auch nicht unbedingt hitverdächtig. Dritter und letzter Versuch: »Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Selbstresponsibilisierung« – ja, so funktioniert’s.

Gerhard Henschel

 

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