Schon auch

Als ich während der EM zum erstenmal den Bundestrainer Joachim Löw reden hörte, sagte er in fast jedem Satz mindestens einmal »schon auch« – eine schaurige Marotte, die er sich nicht erst kürzlich zugelegt hat, wie ein Blick ins Internet beweist. »Ich verbiege mich nicht, ich stehe zu allem, was ich mache. Wobei man als Jugendlicher schon auch gewisse Trends mitgemacht hat, an die man sich heute nicht mehr so gern erinnert«, erklärte er 2011 im Gespräch mit der Welt. Und: »Im Winter, abends, wenn ich nach Hause komme nach einer langen Reise, nehme ich schon auch gern mal ein warmes Bad.« Denn: »Ein schönes Bad gibt schon auch ein gutes Gefühl, keine Frage.« Und: »Heute kann ich mich schon auch mal abgrenzen.«

Es scheint kein einziges Interview zu geben, in dem Löw auf diese zwei Wörter verzichtet hätte. »Aber wir müssen schon auch sehen: Unsere Gegner stehen meist ziemlich tief hinten drin.« – »Aber ich bin der Meinung, dass die Innenverteidiger schon auch einige Duelle gewonnen haben.« – »Argentinien, Spanien, Italien und sicherlich Deutschland sind jedoch schon auch Mannschaften, die den Titel gewinnen können.« – »Auf einigen Positionen haben wir schon auch Probleme.« – »Auf der anderen Seite muss man schon auch mal irgendwie auf den Nach-Vorne-Modus umschalten. « Und was hält Joachim Löw von Jürgen Klinsmann? »Er hat sich vieles, vieles erarbeitet in seinem Leben. Und ich glaube, dass er schon auch insgesamt in seinem Sportlerleben als Trainer oder als Fußballer auf Großes zurückblicken kann.«

Auch andere sind hellhörig geworden. Auf Youtube hat 78Matzelinho eines dieser Interviews mit dem Kommentar versehen: »Ich mag Löw nicht. Nicht schaden würde zudem ein leichter Stromschlag bei jedem ›auch‹, ›schon auch‹, oder ›eben auch‹, damit er sich das mal abgewöhnt.« Und bereits 2012 postete fctunnel auf www.tooor.de: »Ich zähle immer, wie häufig er bei Interviews ›schon auch‹ sagt. Manchmal ist das Ergebnis höher als die Anzahl der gesprochenen Sätze.«

Im selben Jahr gab sein damaliger Co-Trainer Hans- Dieter Flick wiederum bekannt: »Intern sind wir schon auch mal anderer Meinung, nach außen nie.« Löws Tick färbt nämlich ab. »Beim Sieg zum Auftakt gegen Portugal profitierte Löws Team schon auch sehr vom Spielverlauf«, berichtete beispielsweise der Tagesspiegel 2014, und vor dem EM-Halbfinalspiel gegen Italien war auf RP online zu lesen, dass der Bundestrainer aus der WM gelernt habe: »Seither schaut Löw zwar ›schon auch‹ auf den Gegner, aber er versucht viel mehr als früher, die eigenen Stärken durchzubringen.« Und auch der Stürmer Thomas Müller kann’s: »Die Niederlagen im Golf, die ist der Bastian Schweinsteiger schon auch mit schuld.«

Werden wir das nichtsnutzige Füllwortpärchen jemals wieder los? Oder wird es uns alle noch bis ins Grab verfolgen?
Gerhard Henschel

 

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