wohl

Wenn Journalisten nichts Genaues wissen und dennoch ihr Mitteilungsbedürfnis befriedigen wollen, schreiben sie gern, dass »offenbar« dies oder das passiert sei – »›Offenbar‹ ersetzt die Recherche durch Offenbarung « (Hermann L. Gremliza) –, oder sie verlegen sich auf das Wörtchen »wohl«: »Vermisste Berlinerin wohl tot«, »in beiden Fällen waren die Täter wohl dieselben«, »Fahrdienstleiter wohl verantwortlich«, »Barschel-Tod wohl aufgeklärt«, »Täter wohl organisierte Kriminelle«, »Politikerin darf wohl nicht mehr am Parteiprogramm mitarbeiten«, »Drei weitere Täter sollten wohl mit Sturmgewehren um sich schießen«, »Dritter Attentäter wohl gefasst«, »Opferzahl wohl höher als bekannt« oder so ähnlich. Sollte sich das alles als haltlos erweisen, können die Autoren sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass sie ja nur Vermutungen geäußert hätten. Und welcher Journalist käme auf die ausgefallene Idee, sich in Schweigen zu hüllen, bis er die Fakten kennt? Hier sind meine Top Ten:

10. »Nach dem Poker-Raub bleibt das Geld wohl verschwunden « (Berliner Zeitung, 24.3.2010).

9. »Ursache für Legionellen-Infektion wohl entdeckt« (Die Welt, 27.8.2013).

8. »Beim Queen-Besuch wird es wohl regnerisch werden « (Südkurier, 21.6.2015).

7. »Polizei: Gaststätte Nähe Hanau wurde wohl angezündet« (Bild, 5.5.2015).

6. »Polizei: Gaststätte Nähe Hanau wurde wohl angezündet « (Focus, 5.5.2015).

5. »Polizei: Gaststätte Nähe Hanau wurde wohl angezündet « (Frankfurter Neue Presse, 5.5.2015).

4. »Der Erbstreit um die elf wiederentdeckten Oldtimer, die jahrzehntelang im sogenannten Hausmann-Haus in der Passauer Theresienstraße schlummerten, ist wohl endgültig beendet« (Passauer Neue Presse, 16.3.2016).

3. »Flug AH5017 wohl abgestürzt – Offenbar auch vier Deutsche an Bord« (Stuttgarter Nachrichten, 24.7.14).

2. »Dollar hat Ruf als Krisenwährung‹ zumindest vorerst wohl verloren« (Handelsblatt, 18.11.2003).

1. »Basisches Wismutnitrat, Magisterium, Bismuti, Bismutum subnitricum, ist gänzlich unlöslich in kaltem oder heißem Wasser und in Alkohol, ebenso unlöslich in Glycerin, nur löslich in Säuren. Es kommt heute wohl praktisch nicht mehr direkt zur Herstellung von Haarfärbemitteln in Frage« (Fred Winter: Handbuch der gesamten Parfumerie und Kosmetik, Wien 1927, S. 657).

Auch »praktisch« ist so ein Schummelbegriff. »Salzengpässe praktisch ausgeschlossen«, meldete die Walsroder Zeitung am 7. Dezember 2015 im Hinblick auf den Winterdienst, was natürlich bedeutete, dass die Salzengpässe eben doch nicht ausgeschlossen waren, sondern nur »praktisch ausgeschlossen«. Was für ein Beruf!

Gerhard Henschel

 

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