Evangelisch verklemmt

Der deutsche Presserat hat kürzlich »aus aktuellem Anlass« seine Richtlinien präzisiert.
»Präzisiert« ist lustig – es bleibt nämlich alles beim Alten: Nach einer Straftat dürfen die Nationalität (z.B. Finne), die Religion (z.B. Buddhist) oder die sexuelle Veranlagung des Täters (z.B. Peitsche und Fangeisen) in der Zeitung nur genannt werden, »wenn sie in einem Sachzusammenhang« mit der Tat stehen.

Die Bild-Chefredakteurin hat sofort reagiert – den Sachzusammenhang stelle man doch lieber immer selber her, das sei doch der Job bei Bild, hat sie, wenn ich sie richtig verstanden habe, gesagt.

Recht hat sie! Außerdem taucht hier das Wort »Rasse« gar nicht auf. Die Rasse des Täters ist aber oft entscheidend. Als Praktikant bei der Zweiten Hand (gibt’s die noch?) habe ich einmal von einem Hundebiss berichtet. Der Täter war ein reinrassiger Dobermann. Da kann man sich die Wunde vorstellen – sie ist jedenfalls tiefer, als wenn ein Chow-Chow zugeschnappt hätte.

Aber ich will bei dieser politisch sensiblen Problematik nicht auf Hunde ausweichen, sondern mich ihr aus persönlichem Erleben stellen. Einmal wollte ich in der Wilmersdorfer Straße nachts noch Zigaretten holen und merkte erst, als die Polizei die Bude stürmte, dass ich in einem Bordell gelandet war. Es ging um Frauenhandel (dabei handele ich prinzipiell nicht mit einer Frau, der Preis wird vorher ausgemacht und fertig!). Am nächsten Tag stand in der BZ: »Der bekannte Hauptstadtjournalist A.S. (evangelisch) wurde der Vernehmung zugeführt.« Das hat mich sehr empört, denn ich fand, damit würden alle meine Glaubensbrüder unter Generalverdacht gestellt.

Mein Anwalt, ein pfiffiges Kerlchen, hat mich aber beruhigt. Wenn man mir doch was vorwerfen würde, könnte ich immerhin sagen, ich würde nur deshalb in den Puff gehen, weil es mir meine protestantische Erziehung unmöglich macht, locker vom Hocker Frauen auf der Straße anzusprechen. Protestanten sind nämlich verklemmt, während Katholiken vögeln, was das Zeug hält und dann im Beichtstuhl die Vergebung abholen. Aber ich möchte mich nicht daran beteiligen, aus der Religionszugehörigkeit Vorurteile abzuleiten. Also – wie man’s macht, ist es falsch. Aber eine Schlussfolgerung habe ich gezogen: Ich rauche nicht mehr.

Atze Svoboda

 

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