Inverkehrbringer

Wenn man über ein Wort stolpert, das einem unbekannt gewesen ist, täuscht man sich oft über dessen Alter. Kürzlich lief mir das gräuliche und mir ganz neue Adjektiv »prioritär« über den Weg: Dafür, das »der Ausverkauf der deutschen Wirtschaft gestoppt« werde, müssten Angela Merkel und Sigmar Gabriel sich »prioritär« einsetzen, hatte die Meckerpartei AfD verkündet. So wie das Wort »vorrangig« bezeichnet »prioritär« die Priorität einer Priorität, doch es ist nicht so neu, wie ich geglaubt habe. »Eine gebrauchs wert orientierte Gesellschaftlichkeit wäre eine, die das Prinzip Eigeninitiative/Selbstbestimmung als erste prioritär setzt«, hatte der RAF-Mann Lutz Taufer 1992 in konkret erklärt, und bereits 1958 war in den Verfassungs- und Verwaltungsgesetzen der Bundesrepublik die Rede von Gefahrenbeurteilungen, die zur Gefahrenabwehr »als notwendig, aber nicht prioritär« angesehen würden.

Als der übermütige Fallschirmspringer Felix Baumgartner Ende Januar 2016 die Kritik an seinen Statements zur Ausländerpolitik als »untergriffig« bezeichnete, glaubte ich es abermals mit einer Neubildung zu tun zu haben, und zwar mit einer ungelenken Variante des Ausdrucks »übergriffig«, doch es zeigte sich, dass »untergriffig « schon vor langer Zeit aus dem Kampfsport, wo er für einen verbotenen Griff steht, in die Umgangssprache von Menschen übergegangen war, die nicht zu meinem Bekanntenkreis zählen.

Wie aber sieht es mit dem Hauptwort »Inverkehrbringer« aus? Ich habe es jüngst auf der Rückseite eines Pflanzenstärkungsmitteltütchens entdeckt, das an einen Blumenstrauß aus dem Supermarkt geheftet war (»Inverkehrbringer: Chrysal International BV«). Klingt es nicht wie eine irgendwo in Brüssel neugeborene Missbildung aus dem Laptop eines Bürokraten, der sein Broca-Zentrum mit Geschmacksverstärkern aus der geschäftsenglischen Giftküche pulverisiert hat?

Ja und nein. »Hersteller und Inverkehrbringer« von Falschgeld wurden schon 1901 in der juristischen Fachzeitschrift Der Gerichtssaal angeprangert. Es scheint nichts Neues unter der Sonne zu geben. Das einzige, was schmerzlich fehlt, ist die poetische Überhöhung des Inverkehrbringers in einem Gedicht, denn weder Rilke noch Benn, weder George noch Brecht, weder Rühmkorf noch Gsella haben sich einen Reim auf ihn gemacht. Robert Gernhardt hat immerhin den »Weinreinbringer« gewürdigt, den fünften Mann, der dem Tod, der Pest, dem Leid und dem Hass auf dem Fuße folgt und stumm Wein hereinbringt (»das wird der / Weinreinbringer sein«). Welcher Dichter erbarmt sich nun prioritär, und sei es auch untergriffig, des Inverkehrbringers?

Gerhard Henschel

 

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