Lebt eigentlich Beata Szydło noch?

BeataNiemand in Polen hat die Ministerpräsidentin für tot gehalten, als sie kürzlich wochenlang verstummt war. Selbst im Lager der Opposition glaubte man nicht, dass der böse Geist hinter ihrem Rücken, Jarosław Kaczyński, so weit gehen würde. Oder sagen wir: Man hoffte es. Denn der Mann ist zu allem fähig. Früher galt er nur als sprunghaft. Seit dem Tod seines Zwillingsbruders über dem russischen Smolensk 2010 (russische Verschwörung!) aber muss jedes Lebewesen, das sich ihm nähert – auch Zimmerpflanzen, Katzen und Einzeller –, seine Rache fürchten.

Als er nach dem Sieg seiner PiS-Partei im Herbst vorigen Jahres die Spitzenkandidatin für das Ministerpräsidentenamt, Beata Szydło, in sein Arbeitszimmer zu einer »Privataudienz« rufen ließ, hielten die Polen den Atem an. Würden sie Beata je wiedersehen? Nach fünfzehn Minuten traute sich ein Mann vom Geheimdienst in den Raum, als Lakai verkleidet, der Tee bringen wollte. Beata nutzte den Spalt in der Tür, um zu entkommen.

Kaczyński soll hinter einem Vorhang am Waschbecken gestanden, sich die Hände eingeseift und schwer geatmet haben ... Also tot ist sie nicht, wenn sie schweigt. Aber die Tage der einstigen stellvertretenden Vorsitzenden der Freiwilligen Feuerwehr in der Gemeinde Brzeszcze sind gezählt.
Denn Kaczyński ist für die PiS das, was Helmut Kohl heute für die CDU ist – ein verbitterter Alter mit einem fulminanten Gedächtnis für »die Leichen im Keller der anderen« und mit einer beängstigenden kriminellen Energie. Schon einmal, 2006, hat er einen Ministerpräsidenten von seinen Gnaden nach einem Jahr im Amt über die Klinge springen lassen (seinen Namen kennt heute in Polen keiner mehr).

Beata ist übrigens am 7. Januar wieder aufgetaucht. Sie las eine Rede ab, in der sie ausländischen Konzernen hohe Steuern androhte, um die Lebensverhältnisse der Polen zu verbessern. Als nächstes kämen dann die ausländischen Betreiber von Supermarktketten dran. Polnische Beobachter sind sich sicher: In beiden Fällen sind ausschließlich deutsche Unternehmen gemeint.

Kaczyński verließ während Beatas Rede den Saal. Das war nicht unhöflich: Den Text kannte er schon.

Matti Friedrich

 

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