Unanständig und skrupellos ...

... ist die deutsche Medienlandschaft. Da ziehen auch in diesem Jahr, in diesen Zeiten, ein paar Promischabracken mit ihren Beautycases in den australischen Dschungel, und schon ist das Elend vor unseren Haustüren nicht mehr von Interesse. Das ist doch eine Schande, dass die Betontitten der Nielsen und die Entzugserscheinungen von Gunter Gabriel wichtiger sind als die Sorgen und Nöte der syrischen Campingfreunde.

Wieso die Kollegen von RTL, die mutigsten in unserer Gilde, noch keine Realityshow in einem Flüchtlingslager gemacht haben – z.B. »Gewinne einen Asylantrag oder wenigstens einen Schlafplatz in der Nähe der Essensausgabe« –, ist mir schleierhaft.

Zumal die Überwachungskameras aus der Gruppendusche in einer Flüchtlingsturnhalle einiges an Unterhaltungswert bieten würden, dramatisch, authentisch und erotisch. Wer braucht denn diese gekünstelten Konflikte, diese lächerlichen Lebensbeichten und gespielten Hungerattacken im Dschungelcamp? Das gibt es alles im Containercamp um die Ecke in echt und billiger.

Und wenn wir mal ehrlich sind, die Ekel- und Mutprüfungen der Dschungel-Kandidaten erscheinen doch mickrig im Vergleich zu dem, was die Flüchtlinge über sich ergehen lassen müssen: Schlauchbootfahrten über das Mittelmeer ohne Lichtschutzfaktor oder Mundzunähen mit Handyaufladekabeln oder Entbinden in der Turnhallentoilette. Aber nein – jeder Furz im Dschungelklo ist eine Schlagzeile wert!

Mein Berufsethos als Edelfeder des Hauptstadtjournalismus verbietet mir, über die trivialen Ergüsse am Dschungel-Lagerfeuer auch nur eine Zeile zu schreiben. Es sind ja dort immer auch die falschen Kandidaten. Würde man mich in den Dschungel schicken, ich würde dort John Lennon singen, Karl Marx zitieren und aus der Bibel lesen. Doch auf solche wirklich interessanten Charaktere wird auch im kommenden Jahr das Publikum vergeblich warten.

Atze Svoboda

 

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