Lebt eigentlich Günter Wallraff noch?

WallieJa, aber diesmal war es wirklich knapp. Nicht so wie damals, als er undercover bei der Bild fast an einem Fischbrötchen erstickt wäre. Denn diesmal, so erzählte er in einem Interview, hatte er sich als Austauschgeisel für einen vom IS entführten US-amerikanischen Soldaten angeboten.

Der Soldat hätte freigelassen werden sollen, Wallraff hätte seinen Platz eingenommen. Die Amis lehnten dankend ab. Der IS wollte sich zu den Vorgängen offiziell nicht äußern.

Was Wallraff bei den Islamisten wollte, ist nicht so ganz klar. Vielleicht war er eifersüchtig auf Jürgen Todenhöfer, der schon dort war. Vielleicht wollte er auch aufdecken, dass der IS gar nicht der tolle Arbeitgeber ist, wie die meisten denken, sondern dass die Steinigungen dort noch bestialischer sind als in den Verteiler-Zentren von DHL.

Ob er viel rausbekommen hätte, ist ohnehin fraglich. Schließlich hätten die Islamisten bei einem Austausch wahrscheinlich erfahren, dass es sich um Wallraff handelt. Von einem bunten Hemd und ein bisschen Farbe im Gesicht hätten die sich nicht lange täuschen lassen. Nach eigener Aussage war sein Plan aber eh ein anderer: »Das würde die doch beschämen, dass einer freiwillig dahin geht, auch noch ein Älterer.« Denn wie steht es schon im Koran: Dem älteren Wallraff aber schlage den Kopf nicht ab, denn die öffentliche Wirkung wird eine beschämende sein!

Seinen Tod hatte er auch tatsächlich einkalkuliert: »Hätte man mich öffentlich massakriert, hätte es in Deutschland eventuell muslimische Jugendliche, die sich zum IS hingezogen fühlen und für die ich wegen meiner Initiativen für Einwanderer vielleicht eine Orientierung bin, nachdenklich gemacht und sie am Ende von Ihrem Entschluss abgebracht.« – Ja, eventuell vielleicht hätte es Dialoge wie diesen gegeben: »Ey, haste gehört? Der IS hat den Wallraff geköpft!«
»Was? Den Wallraff? Der mit den vielen Initiativen für Einwanderer?«
»Ja, genau den!«
»Na, dann mach ich jetzt doch die Lehre bei der Bank.« Eventuell vielleicht.

Aber noch ein Banker mehr? Das kann der Wallraff doch auch nicht wollen.

Carlo Dippold

 

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