|
AMOK ist ihr Hobby
Reportage aus dem Zentrum des Grauens! Von unserem überlebenden Korrespondenten Gregor Füller vor Ort
Nichts ahnend und friedlich sitzen die Schüler der 11 b der Christian-Pfeiffer-Gesamtschule in ihrem Klassenzimmer.
Plötzlich betritt ein völlig in Schwarz gekleideter Mann den Raum. Panik bricht aus! »Nein, oh bitte nicht! Nein!«, kreischt eine der Schülerinnen und duckt sich ängstlich, aber auch vergeblich unter
den Tisch. Verzweifelt versuchen zwei Jungen, durchs Fenster zu fliehen, doch sie kommen nicht weit. »Herr Bröselschmitt«, ruft der Klassensprecher mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, »das ist
doch schier Wahnsinn! Sie können doch nicht einen Tag vor den Osterferien einen Test schreiben!«
Doch, er kann. Und zufällig sitze ich mit all diesen
unschuldigen Opfern in diesem Klassenzimmer, um direkt vor Ort eine Studie zu überprüfen, der zufolge in den letzten Jahren, vor allem in den Schulen, ständig alles schlimmer geworden ist.
Während die Schüler aufgesprungen sind, durcheinanderrufen und auf Herrn Bröselschmitt
einreden, er möge die Prüfung doch ausfallen lassen, fällt mir ein Junge auf, der fast alleine in der letzten Reihe sitzen geblieben ist und schweigt. Auf
Nachfrage erzählt der Lehrer später, dass zwar auch ihm die Unauffälligkeit des Schülers Christoph K. schon aufgefallen sei, er dem allerdings keine Beachtung geschenkt habe. Als ich von Herrn
Bröselschmitt erfahre, dass der Schüler obendrein Mitglied in einem Schützenverein ist, scheint die Frage mehr als berechtigt, ob hier mal wieder ein Verantwortlicher die offensichtlichsten Anzeichen
übersieht. Wird hier einmal mehr Kuschelpädagogik angewandt, wo eigentlich eine gestrenge Hand gefragt wäre?
Als ich am Samstag nach dem unangekündigten Test Christoph K. zu Hause aufsuche, ist die Wut immer
noch nicht verflogen. »So eine Schweinerei! Direkt vor den Ferien! So eine Drecksau! Das muss dich doch furchtbar aufregen.« – »Na ja«, entgegnet Christoph und
zuckt mit den Achseln, »der Bröselschmitt macht solche Sachen eigentlich öfter.« Doch so einfach lässt sich ein
Vollblutjournalist nicht täuschen. Ich hake nach. »Aber eine Frechheit ist es schon. Findest du etwa nicht?« – »Na
ja, ach Gott.« – »Aber er hätte euch den Test ja wohl wirklich ersparen können, oder nicht.« – »Ja, das natürlich schon.«
Ein Schauer läuft mir den Rücken hinab. Für einen kurzen Augenblick blitzte Christophs wahres Ich auf. Dieses
unbegründete Gefühl, unfair behandelt worden zu sein. Dieser unvermittelt auftretende Argwohn den
Entscheidungen des Lehrers gegenüber. Diese Verachtung! Dieser Junge ist ein Vulkan. Ein Vulkan, der jeden Augenblick ausbrechen kann!
Christophs familiäres Umfeld scheint auf den ersten
Blick normal: Ein Einfamilienhaus im düsteren Schatten des angrenzenden Waldes. Dem geschulten Auge jedoch entgeht nicht, dass das Lachen der Familienmitglieder auf den Fotos an den
Wänden aufgesetzt wirkt. Ganz klar: Hier wird eine heile Welt vorgetäuscht, eine Idylle, die es in Wahrheit nicht gibt. Als ich kurz alleine in Christophs
Zimmer bin, bemerke ich, dass er sich die Mühe gemacht hat, alle Killerspiele sorgfältig zu verstecken, so dass ich sie nicht finden kann. Offenbar hat er allen Grund, seine Neigungen vor mir
zu verbergen.
Im Vereinsheim der Schützengilde »Einer steht immer«, das wir anschließend aufsuchen, begeben
wir uns in den Keller, wo sich der Schießstand und die Waffen befinden. Während Christoph sein Gewehr holt, frage ich einen älteren Schützen, ob er Christoph einen Amoklauf wie den von Tim K. in
Winnenden zutrauen würde. »So ein Quatsch! Niemals!«, grummelt der Mann und wendet sich empört ab. Über Tim K. hätten seine Vereinskollegen dasselbe gesagt. Oder herrscht unter den Sportschützen gar
stillschweigendes Einvernehmen mit Christophs Amokplänen?
Als Christoph zurückkommt, frage ich ihn wie beiläufig, ob er wegen seines Schießens schon einmal in der Zeitung
gestanden habe. »Schon häufiger sogar. Wir waren mal Zweiter bei den Regionalmeisterschaften.« – »Aber das war
doch bestimmt nur in der Regionalpresse. Möchtest du nicht auch mal überregional oder gar weltweit erwähnt
werden?« – »Dazu bin ich definitiv nicht gut genug.« Typische Minderwertigkeitskomplexe eines Jugendlichen. In Kombination mit einer Waffe allerdings tödlich.
»Aber schön wäre das schon, oder: mal ganz groß in der Bild?« – »Na ja, doch schon irgendwie.« Der typische
Größenwahn eines Jugendlichen, der glaubt, durch sinnloses Morden ein Stück Ruhm abzubekommen, der glaubt,
durch ein grausames Gemetzel unter Lehrern, Mitschülern, Eltern, Nachbarn, Versicherungsfuzzis, Schaffnern,
unhöflichen Verkäuferinnen, gierigen Ärzten und Markus Söder die Anerkennung zu erlangen, die ihm sonst verwehrt wird.
Als ich Christoph frage, ob ich denn tatsächlich neben ihm stehenbleiben dürfe, wenn er schießt, und ob das nicht
zu gefährlich sei, winkt er lächelnd ab mit der Bemerkung, dort, wo ich stehe, stünde normalerweise ein anderer
Schütze, er ziele vorschriftsgemäß nur nach vorne, und außerdem sei das hier ja nur ein Luftgewehr. Nur ein
Luftgewehr! Jugendliche Sorglosigkeit im Umgang mit Waffen, gepaart mit Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem
Leben! »Es könnte aber ein anderes Gewehr sein!«, rufe ich entsetzt angesichts solcher Fahrlässigkeit, bekomme
jedoch nur ein schnippisches »Wir schießen hier aber nur mit Luftgewehren. Andere Waffen haben wir gar nicht da
.« – »Als ob man damit niemanden töten könnte!«, schreie ich, doch Christoph K. scheint taub für meine Einwände:
»Es ist gefährlich, aber jemanden töten? Kaum.« – »Aber wenn man eine Person, meinetwegen Markus Söder, zu
Boden wirft, sein Bein auf ihre Brust stellt, ihr den Gewehrlauf gewaltsam in den Mund steckt, und dann immer
wieder und wieder umständlich nachlädt und ein ums andere Mal abdrückt, bis der Person, also dem Söder, das Blut aus den Ohren rausläuft, was dann?!«, versuche ich den Jungen zur Vernunft zu bringen.
Doch Christoph K. schaut mich nur verständnislos an. »Es ist wohl besser, wenn Sie jetzt gehen«, fährt mich der
ältere Schütze an, der mir zuvor schon unangenehm aufgefallen war. Als ich mich weigere, schieben mich drei Vereinsmitglieder unter meinem lauten Protest aus
dem Gebäude. Werden sie mich im nahegelegenen Wäldchen erschießen? Wie durch ein Wunder lassen sie von mir ab. Eine kritische Berichterstattung scheint in diesen Kreisen jedoch nicht erwünscht!
Mitten in Deutschland hat sich eine Subkultur gebildet, in der Perverse ihre kranken Mordphantasien
unbehelligt ausleben dürfen. In was für einer Gesellschaft leben wir, in der Bestien wie Christoph K. frei herumlaufen dürfen?
|