DAS SATIREMAGAZIN - Unbestechlich, aber käuflich!

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Es ist Donnerstag in Honeckers stickigem Büro,in dem es noch immer nach seinen Hausschuhen müffelt. Hinter den Fenstern lärmt das politische Berlin. Blass und aufgedunsen, fast regungslos hockt Guido Westerwelle hinter dem Schreibtisch. Seine Mitarbeiter überlegen fieberhaft, wohin sie ihn schnell mal verreisen lassen könnten. Eine unschöne Frauenperson, die von allen »Wessä« gerufen wird (»Westerwelles Sekretärin«), berichtet, der Herr Minister sage nur noch alle zehn Minuten »Ach, lasst mich doch in Ruhe!«, nur einmal – im Telefonat mit Lindner – kehrte Leben in seinen geschundenen Leib zurück, als er »Du kannst mich mal an der Rosette!« rief.
Dieser Lindner!Das Musikkorps der Bundeswehr übt bereits den Großen Zapfenstreich, zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen: das vierstimmige Arrangement des Village-People-Hymnos »YMCA«. Das hat er sich gewünscht, »als Henkersmahlzeit«, wie man sich im Café Einstein erzählt. Eigentlich sind Zapfenstreiche nur für den Führer oder für Bundespräsidenten, Kanzler und Verteidigungsminister vorgesehen. »In diesem Fall werden wir wohl mal ein Auge zudrücken und ihm, wie gewünscht, was blasen«, sagt der Dirigent im Rang eines Obersten mit schalkhafter Freude an der zwielichtigen Formulierung. Hat Westerwelle tatsächlich in einem Anfall von Resignation selbst den Zapfenstreich in Auftrag gegeben? Oder war das eine »Gefälligkeit« von dem stets zuvorkommenden Lindner?
Es herrscht Westerebbe. Flaute in der liberalen Windmaschine. Der Tsunami namens Guido hat sich zu einer Pfütze verdünnisiert, die vor sich hin dünstet und aus dem Mund zu riechen beginnt. Als sie ihn nach seiner Lustreise nach Lateinamerika mit Häme übergossen hatten, war er noch erigiert durch Berlin getigert, um in jede Kamera zu rufen, dass er sich den Schneid nicht abkaufen lasse. Jetzt bietet er seinen »Schneid« – wahrscheinlich so etwas wie ein Sekret, ein Hormon oder eine getragene Unterhose – zum Schnäppchenpreis feil.
Seit er erklärt hat, sich nicht mehr in die Innenpolitik einzumischen, schweigen sein Blackberry und sein Diensttelefon. Und wenn es dann doch mal bimmelt, dann hat er sich aus Langeweile selbst angerufen oder ein verplanter Zeit-Redakteur hat sich mal wieder in der Nummer geirrt und bittet darum, mit dem »schönen Herrn Lindner« verbunden zu werden. Der sei so jung, so schlagfertig, so herrlich neoliberal verdorben, perfide, hinterhältig und aggressiv wie hochprozentige Salzlauge. – »So wie ich früher«, denkt Westerwelle, »früher, noch vor sechs Monaten.« Als er Lindner zum neuen Generalsekretär ernannt hatte, war er zunächst davon ausgegangen, es handle sich um diesen freundlichen Lindner aus dem Musikantenstadl. Ihm gefiel, dass Lindner offenbar noch zu haben und Oberleutnant der Reserve war – Leder, Stiefel, Lederstiefelwichse, derbe Stoffe, so was braucht der Liberalismus auch. Inzwischen nennt er ihn Lindwurm. Wurmartig bohrt sich Lindner ins Gefüge der Macht, seiner, Westerwelles Macht. Und legt Eier ab, viele Eier, viele Lindners.
Die FDP ohne Westerwelle? Das war bis vor Kurzem wie Beachball ohne Guido, Mobil ohne Guido, einfach, niedriger und gerechter ohne Guido oder Götterspeise ohne Gott. Er verschliss sich für die liberale Idee, war jahrzehntelang Mädchen für alles, bis die Reifen rochen. Mit seiner quietschgelben Vespa fuhr er schon frühmorgens zur Tanke, um für Brüderle einen Tetrapack Rotwein zu besorgen, damit dieser die trockenen Weinbrandpralinen herunterbekam. Er staubte den Gerhardt ab, zupfte der Hamm-Brücher die Nasenhaare, bügelte Genscher die Ohren, und hat bis zuletzt treulich Möllemanns Fallschirm gefaltet. Er war es auch, der Niebel auf die erste Afrikareise vorbereitete und aus dem großen Buch der Negerwitze vorlas.
Jetzt lassen sie ihn fallen wie einen zu heiß gegessenen Furunkel. Ein besonders hässliches Beispiel: Niebel. Der rüffelte nach seiner lustigen Gaza-Reise die Israelis – eine gezielte Kompetenzüberschreitung: Ein erfrischender Antisemitismus mit menschenähnlichem Antlitz, der eigentlich zu den ureigensten Tätigkeitsfeldern des Außenministers gehört. Und die Demütigungen häufen sich. Insider wollen wissen, dass Westerwelle von seinen Kollegen immer seltener gefragt werde – etwa ob er sie in die Kantine begleite oder ob sie sich eine Büroklammer borgen dürfen. »Die behandeln mich wie ich den Wolfgang Gerhardt«, denkt Westerwelle und nimmt sich vor, in einer Art Patientenverfügung niederzulegen, dass die Apparate abgeschaltet werden, wenn für ihn nur noch diese blöde Naumann-Stiftung bliebe.
Selbst beim Volleyballtraining wollen ihn die Jungliberalen neuerdings nicht mehr dabei haben, weil sie von seinen Querschlägern, wie es heißt, die Nase voll hätten: Guido-Mobbing. Im Vatikan kursiert eine Akte, in der Praktikanten aus der Parteizentrale berichten, Westerwelle habe sie mit Watschen und Hardcore-Liberalismus traktiert und die Praktikumsvergütung an ganz konkrete »Gegenleistungen« gebunden! FDP-Abgeordnete erzählen, wie sie vom Parteivorsitzenden dazu gezwungen wurden, die Hotelsteuer unsittlich zu senken. Manche von ihnen können deswegen bis heute nicht mehr ruhig einschlafen, selbst dann nicht, wenn sie sich in der vergünstigten Mövenpick-Suite ins Samtlaken einwickeln.
Dennoch nehmen einzelne Freidemokraten ihren Vorsitzenden weiterhin in Schutz. Denn in seinen lichten Momenten ist er wie verwandelt. Seit Tagen hat er nicht mehr »Hier spricht man Deutsch!« gebrüllt und hat keinen Abteilungsleiter mehr »in den Kopf gebissen«. Für den Fall, dass er 2013 Kanzler wird, hat er sogar einigen jungen Kadern Staatssekretärs-Posten angeboten. Eine enge Mitarbeiterin beschreibt Westerwelle als freundlichen und äußerst hilfsbereiten Parteichef, bei dem sie – egal mit welchem Anliegen – stets auf offene Poren gestoßen sei. Am meisten wurmt den Chef-Liberalen der Vorwurf, er habe die FDP zu einer Ein-Themen-Partei verkommen lassen. Erstens wäre das im Vergleich zu früheren Zeiten eine Steigerung um hundert Prozent, und zweitens trifft es schlichtweg nicht zu. Er sei niemals jener monothematische Steuersenkungsfundamentalist gewesen, als den ihn die Kommunisten (also alle links des Seeheimer Kreises) darstellen, sagt Westerwelle. Seit Wochen setze er sich z.B. persönlich dafür ein, die Fünfprozentklausel zu kippen. Darüber hinaus sei er es gewesen, der die Koalition dazu bewegte, die AKW-Laufzeiten zu verlängern, Hartz-IV-Empfänger zwangssterilisieren zu lassen und das Pandabären-Abschussverbot in deutschen Wäldern aufzuheben.
Doch scheint das alles nun nicht mehr zu zählen. Der Parteichef, wie er da hockt und sich an Tic Tac berauscht, weiß, dass sein Stern verglimmt. Er weiß aber auch, dass er mit seinen 48 Jahren noch schamlos genug ist, Neues auszuprobieren. Nein, natürlich nicht in jenem Bereich, mit dem er möglichst wenig in der Öffentlichkeit kokettiert. Aber möglicherweise wechselt er zur EU, wo er gemeinsam mit Oettinger und Stoiber die Germanisierung der Brüssler Amtssprache vorantreiben kann. Oder er sucht sich ein Hobby, beispielsweise Fallschirmspringen. Dieser Lindner könnte ihm den Schirm packen.
Florian Kech

 

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