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Schöne Menschen
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Unsere Besten
Vom Ghetto ins Solarium von Andreas Koristka
Wenn du auf Tour bist, verlierst du irgendwann jedes Gefühl für Raum und Zeit.
Vergangenheit und Zukunft verschwimmen ineinander.« Mit diesen Worten, die das komplexe Konzept der sogenannten »Gegenwart« eindringlich verbildlichen, beginnt
der erste Film des deutschen Großmeisters der Wortakrobatik: Bushido. Dieses Wunderwerk deutscher Filmkunst sei hiermit jedem Freund stockend vortragender Off
-Stimmen und von Schimpansenhand gefertigter Drehbücher wärmstens empfohlen. Ich bin fasziniert vom Hauptprotagonisten, und in einem Moment, in dem
Vergangenheit und Zukunft ineinander verschwimmen, suche ich Bushidos alte Buddies auf. Ich reise dahin, wo verlassene Seelen in aus Rattendung gefertigten
Behausungen unter dem matten Lichtschein des RTL-II-Programms vegetieren: Berlin-Tempelhof. In diesem Ghetto wuchs der Rap-Star auf. weiter
Pistentod trotz Nackenschmerz von Angeley D. Eckardt
Es klingelt, es ist das Festnetztelefon. Ein einfaches Klingeln – wie
banal! Würde das Telefon auch nur ahnen, wer sich dahinter verbirgt, es würde glühen, explodieren oder ejakulieren. Ich hebe ab: Der
Telefonhörer fühlt sich trügerisch kühl an, als wisse er nicht, wer am anderen Ende ist. Ich weiß es auch noch nicht und kaue an einem Donut. Doch dann schießt es mir durch den Kopf wie ein
vagabundierendes Karosserieteil mit 250 km/h: ER ist am Apparat. ER atmet souverän, beinahe ohne Anstrengung, die Sprechmuschel kratzt über sein mächtiges Kinn und ich werde ganzkörperfeucht, als er
sagt: »Schumacher.« Michael Schumacher, 41 Jahre alt, von denen er »sechs Fünftel auf der Piste« verbracht hat, der letzte deutsche Held nach dem Tod von
Rudi Hess, der größte Wagenlenker seit Ben Hur. Michael Schumacher hat meinen Interviewtermin bestätigt! ER hat »ja« gesagt, dabei nur
sanft gestottert und dann aufgelegt. Mir wird schlecht. Ich erbreche den Donut. weiter
Alle Macht dem Mittelstand
von Peter Köhler
Im Unterschied zur Union, den Grünen und vor allem der gewerbsmäßigen Sozialdemokratie,
die ihr wahres Gesicht vor der Wahl in der Hose verstecken, tragen die Liberalen ihre Meinung offen. Während anderswo der Wähler nach der Wahl mit staunendem Gehirn erfährt,
was er gewählt hat, und eine treulose Tomate wie die SPD, sobald sie die Regierung geentert hat, den Menschen draußen vor der Tür verklickern muss, warum sie plötzlich
gegen sie ist, bleiben die Freien Demokraten eisern in der Spur. Sie haben angekündigt, dass sie ihrer Kundschaft Gold, Schmuck und Elfenbein zuspielen werden, und das tun sie nun.
Einer der Täter: Rainer Brüderle. Seit 1998, als er bei der rheinland-pfälzischen Landesregierung kündigte und seinen
Wohnsitz im Bundestag nahm, hatte er auf seine Chance gelauert. Elf lange Jahre musste er auf den Buckel nehmen, bis im Herbst 2009 die SPD endlich verhungert war und die FDP ins
Kabinett vorrücken durfte. weiter
Rasse Weib
Mein Jahr mit Michelle von Robert Niemann
Der Kampf um die Präsidentschaft lief schon wochenlang, als Barack Obama
erstmals zaghaft seine Gattin Michelle präsentierte. Die genauen Umstände für diesen späten Zeitpunkt sind nicht so ganz klar; feststehen dürfte allerdings,
dass nicht Michelle es war, die so lange gezögert hatte. Denn als sie endlich vor die Kameras durfte, redete sie einleitend erst einmal über sich, dann ausführlich
über sich und schließlich, zur Abrundung gewissermaßen, noch ein wenig über sich. Obama kam allenfalls als Depp am Rande vor, der zu blöd ist, die Butter in
den Kühlschrank zu stellen. Das Echo beim Wahlvolk war verheerend: Ein Viertel gab zwar an, beim Anblick von Michelle »Wow!« zu denken, aber das denken die
meisten Amerikaner ja auch am 11. September, am 4. Mai sowie in der dritten Juniwoche vormittags. Der Rest hingegen äußerte »Hilfe!« bzw. von der wolle er lieber nicht gebissen werden. weiter
VER GEIGT
Adieu, Rieu! von Rolf Schilling
Pünktlich zu jener Jahreszeit, in der Tröpfcheninfektionen und Spekulatius
Hochkonjunktur haben und das Girokonto noch immer an den Folgen der vorjährigen Weihnachtseinkäufe laboriert, taucht ein Typ wie aus der Schmalzbäckerei auf
unseren Bildschirmen auf und verlässt sie erst wieder, wenn die letzten Schneeglöckchen verwest sind, nicht ohne schreckliche Schlieren in unseren Seelen und auf unseren Mattscheiben zu hinterlassen.
So geht das schon ein halbes Jahrhundert lang. Ich kenne ihn aus frühesten Kindertagen. Aber auch mein Großvater kannte ihn bereits. Er benutzte gern und oft
das Wort »Arschgeige« – aber ich wusste nie, wer oder was damit eigentlich gemeint war. Ich schlug im Lexikon nach, vergebens. Doch eines Tages sah ich IHN! Das heißt
, nachdem ich mich in der frühkindlichen Phase dauernd vor ihm im Hühnerstall versteckt hatte, nahm ich all meinen kleinen Mut zusammen und sah ihm ins Gesicht:
diese schreckliche Visage. Und da wusste ich: Das ist dieArschgeige, der Prototyp derArschgeige, das Original! weiter
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Lebenshilfe
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Wann ist ein Mann ein Mann?
Wie der Verzehr von roher Schweineleber dein Leben verändert
Wer irgendwo dazugehören will, wo er noch nicht dazugehört, sollte sich das gut
überlegen. Vielfach wird einem nämlich vor der Aufnahme in den Kreis der Auserwählten irgendetwas abgeschnitten. Oder man muss Dinge essen, die eigentlich kraft Gesetzes
von Spezialfirmen entsorgt werden müssten. Oder die einem abgeschnitten wurden. Bei einem solchen Aufnahme- oder Initiationsritual geht es niemals darum, irgendwelche
besonderen Fähigkeiten oder ein bestimmtes Können nachzuweisen. Sondern um die praktische Umsetzung dessen, was den Menschen vom Tier unterscheidet: die Freude
an Erniedrigung, Angst und Schmerzen. Die Beschneidung ist keine Seepferdchen-Prüfung.
weiter
65 PLUS
Krieg in der Küche
Das Schöne an unserer Altherren-Skatrunde ist: Wir vier haben keine Geheimnisse voreinander, sprechen ganz offen
über alles. Und dass wir in unseren Ansichten meistens vollkommen übereinstimmen, ist der Harmonie sehr
bekömmlich, besonders in unserer geistig anspruchsvollen »Gehobenen Stunde«, die jeden Skatabend beschließt
und die immer dann anbricht, wenn sich im Spiel die Fehler häufen, wenn falsch bedient wird und die Skatkarten beim Whiskytrinken zu stören beginnen.
Das letzte Mal hatte Schorsch die »Gehobene Stunde« mit gehobenen Gläsern und einer Frage eingeleitet, die für
meine Begriffe das übliche Niveau unserer Disputationen deutlich unterschritt. »Haben unsere Frauen versagt?«,
wollte er mit uns erörtern. Heinrich verlangte umgehend, das Fragezeichen zu streichen, noch bevor Schorsch
erläutern konnte, was er meinte: »Kann es sein, dass Frauen gar nicht können, was sie sich seit Jahrhunderten
anmaßen – einen Haushalt führen? Gibt es eine strukturelle weibliche Unfähigkeit zur Planung und Leitung der Hauswirtschaft?« weiter
Kind & Kirche
Geist ist geil!
Mit meinen Nichten kam ich neulich auf dem Weg zum Kiosk (der Kleinen stand der Sinn nach Naschzeug, der
Größeren nach einer Pferdezeitschrift) an der Kirche vorbei. Das Portal zierte ein großes, violettes Pappschild mit der Aufschrift »Geist ist geil«.
Neugierig geworden, wie sich die blanke Geilheit nun auch in der Kirche niederschlägt, las ich, dass es sich um einen
Familiengottesdienst mit anschließender Feier handele, am nächsten Sonntag um 10 Uhr. Mädchen dürften ihre
Barbiepuppen mitbringen, die dort getauft würden. Jungs dürften bei »Haut den Lukas « mit dem Hammer einen
Heiligen desselben Namens vermöbeln, und Frauen könnten sich in Erziehungsfragen Rat bei der »Supermary« holen,
einer theologischen Supernanny, die als Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, verkleidet sei. Für Männer gab es
Kelchsaufen zu einem zivilen Literbierpreis. Wir beschlossen, uns das Spektakel mal näher anzusehen. weiter
ETHIK DEBATTE
Impf oder stirb trotzdem!
Der Herbst ist da, und die Vorfreude auf die bevorstehende zweite Schweinegrippewelle steigt ins Unermessliche.
Experten zeigen sich optimistisch und schätzen die Anzahl der bald Infizierten vorsichtig auf zig Millionen. Andere
halten das noch für untertrieben. Möglicherweise könnten Impfungen eine Lösung sein, aber die Vorräte sind nicht
unendlich – da muss man sich die Frage nach der Priorisierung stellen. Und weil in der Bundesrepublik traditionell
alles im Konsens der gesellschaftlich relevanten Gruppen entschieden wird, haben wir die wichtigsten davon
angeschrieben und sie gefragt: Welche Bevölkerungsgruppe sollte bevorzugt mit Impfstoffen versorgt werden? Die
Antworten waren interessant und aufschlussreich, ein Konsens scheint allerdings nicht in Sicht. weiter
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Autodidakten
Genau so klingt Sex!
Leider profitieren vom wissenschaftlichen Fortschritt nicht nur rechtschaffene Bürger, sondern auch jene Wesen, die
anstelle eines funktionierenden Gehirns widerwärtige Eiterkrater zur Zierde tragen: Jugendliche. Diese zum Bersten gefüllten Hormonbomben waren bis in die 90er Jahre vor große Probleme gestellt: Zum
einen mussten sie erotische Aufnahmen von Teenie-Idolen wie Nena Kerner ausfindig machen, und zum anderen eine noch unklebrige Tennissocke. In den allermeisten Fällen war die Kombination dieser beiden
Aufgaben nahezu unlösbar, der Jugendliche war rund um die Uhr beschäftigt und in seiner emsigen Ruhelosigkeit für seine Mitmenschen unsichtbar. weiter
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HiStory
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Gespielin, Gattin, Muse Wer in Wahrheit den Blitzkrieg erfand
Wenn sie
nicht 1945 gemeinsam mit ihrem Gatten überraschend verstorben wäre, könnte Eva Braun am 30. April dieses Jahres ihren 65. Todestag feiern. Wir erinnern an den »Enzian vom Obersalzberg«, wie Martin
Bormann sie gern nannte.
Leicht wie eine Feder und völlig unpolitisch windet sie ihren Leib auf dem Barren, den ihr der
Führer in den Garten des Berghofs hat stellen lassen. Ihre Goldlocken wiegen sich dicht geschlossen in der Bewegung des Felgaufschwungs, und die stahlhelmförmigen Brüste unter
dem beinfreien weißen Badeanzug lehnen sich erfolgreich gegen die Fliehkraft auf. Ihr Lächeln verliert selbst dann nichts von seiner kindlichen Unbekümmertheit, als ihr Hinterkopf gegen die
Reckstange knallt und sie für einen Moment bewusstlos zusammensackt. – So kennen wir sie aus zahllosen Seifenopern, Pinupkalendern und Spiegel-Essays: Eva Braun, Hitlers Hupfdohle, die in ihrer kunterbunten Welt auf dem Obersalzberg macht, was ihr gefällt, und von Tuten und
Vergasen keine Ahnung hat. weiter
Sieben Tage, die die Mark erschütterten
Potsdam
(von unserem Augenzeugen). Heute bietet Potsdam ein Bild des revolutionären Friedens. Der Regen hat das Blut von den Straßen gespült. Die Barrikaden sind fast alle beseitigt und liegen als
Müllhäufchen am Straßenrand, eine Aufgabe für die revolutionären Stadtwerke. Es herrscht Ruhe, tiefe Ruhe: Der Rat der Volkskommissare hat alle Spritreserven konfisziert, zum Schutz der noch jungen
Volksdemokratie. Doch ruhig wird es nicht bleiben, weiß das Volk (»Anklagen ist gut, hinrichten ist besser!«) aus leidvoller
Erfahrung. Die Konterrevolution schläft wahrscheinlich nicht. Die Regierung hat sich sicherheitshalber auf dem Brauhausberg verschanzt, wo einst der sogenannte Landtag untergebracht war. Seit
sechs Tagen bewachen revolutionäre Truppen – Minderjährige aus der bis vor kurzem verächtlich so genannten »Unterschicht« sowie SchülerInnen der städtischen Musikschule –
den Kreml (so heißt das Gebäudewieder) und halten sich an der Kantine der früheren Staatskanzlei (»Gourmet-Tempel«)
schadlos. weiter
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