DAS SATIREMAGAZIN - Unbestechlich, aber käuflich!

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Die Bahnbrecher

Was wird dieser Tage nicht alles über die Berliner S-Bahn geredet: Mal soll sie nicht fahren, dann wieder fällt sie aus oder aber sie kommt nicht. Auch ihre Chefs, so heißt es, seien so überfordert wie sonst höchstens noch hauptstädtische S-Bahn-Chefs. Na, na, na, können wir da nur abwiegeln: Zum einen kennt wohl jeder selber einen Chef, der noch viel überforderter ist, zum anderen müsste sich die S-Bahn schon ganz schön anstrengen, um ihr Unternehmen auch nur halb so kaputt zu kriegen wie andere Schreckensbetriebe, zum Beispiel die Berliner Regierungskoalition. Trotzdem wollen wir mal die Probe aufs Exempel machen und selber ausprobieren, was bei der S-Bahn alles positiv zu Buchner schlägt.

So nämlich heißt der Mann, der seit letztem Jahr den Laden schmeißt, und der schon viel in Bewegung gebracht haben soll – vor allem seine Kundschaft auf eigenen Füßen. Doch keine voreiligen Schlüsse, unser erster Blick auf den Bahnhof Friedrichstraße zeigt eine überaus friedvolle Szene: Es ist Donnerstag, halb zehne in der Frühe, und gerade mal achthundert Leute lümmeln entspannt am Gleis 6 herum. Oben auf der Tafel wird als Reiseziel »Spandau« angegeben. Unten kommt Freude auf: Offenbar sind mehrere Anwesende mit der etwas verbohrten Absicht erschienen, tatsächlich dorthin fahren zu wollen.
Allzu lange hält ihr Frohsinn jedoch nicht vor, denn ohne jede Warnung schaltet die Anzeige plötzlich um auf »Potsdam Hbf«. Geraune macht sich breit, besonders unter den etwa dreihundert neuen Interessenten, die inzwischen eingetroffen sind.
Damit es der weiter anschwellenden Menge nicht langweilig wird, gelangt nunmehr »Westkreuz« zur Vorführung. Einen Zug kann die Bahn zwar zu keinem ihrer annoncierten Angebote vorführen, aber abwechslungsreich sind die Offerten immerhin, denn als nächstes wird »Olympiastadion« eingeblendet. Besonders pfiffige Mitglieder des Publikums schließen bereits Wetten ab, ob jetzt vielleicht noch die New Yorker Central Station kommt, aber völlig unvermittelt erlischt nun das Buchstabenfeld komplett.
Eine halbe Stunde geht, und fünfhundert weitere Leute kommen. Das Gedränge auf dem Bahnsteig ist inzwischen so groß, dass die Tür zur Aufsicht dem Druck nicht mehr standhält und zerbricht. Vierzig Neugierige fallen nach innen und erschrecken den Bahnhofsvorsteher so heftig, dass es ihm die Sprache verschlägt. Eine Lautsprecherdurchsage muss daher aus gesundheitlichen Gründen unterbleiben, aber wenigstens kann eine Auskunft als stille Post von Mund zu Mund weitergegeben werden, und die heißt: kein Zugverkehr wegen Stellwerksstörung.
Schon nach zwei Stunden weiß auch der Letzte Bescheid. Die Warteschlange ist nun so lang, dass unten auf der Friedrichstraße die Autos im Stau übereinandergestapelt werden müssen. Die S-Bahn-Reisenden sind das ja schon gewöhnt.
Oben rollt derweil zur allgemeinen Überraschung ein Zug ein. Den müssen interessierte Passagiere wohl über das Stellwerk gehoben haben. Wohin er fährt, steht zwar nicht dran, aber trotzdem wird er von den Wartenden dankbar gestürmt. Er hat nur zwei Wagen, doch wer weiß schon, wann überhaupt mal wieder was vorbeigerollt kommt.
Damit das Einsteigen nicht so langweilig wird, hat die Bahn ein paar kleine Überraschungen vorbereitet. Eine heißt zum Beispiel »Türstörung«: Mit roten Schmierzettelchen werden allzu Einfältige davor gewarnt, hier eine normal funktionierende Öffnung zu erwarten. Auch der andere Wagen kommt nicht ungeschmückt: »Heizung funktioniert nicht!« steht daran. Obwohl dies eine sehr fürsorgliche Maßnahme der Bahn ist, um eine Überhitzung der reisenden Massen zu verhindern, melden sich prompt die üblichen Querulanten und Nörgler zu Wort. Lautstark fordern sie den völlig verdutzten Fahrer auf, gefälligst für Innentemperaturen im Plusbereich zu sorgen. Dabei könnten sie doch schon froh sein, dass wenigstens die Fensterscheiben dicht und sie vor Fahrtwind geschützt sind. Völlig zu Recht ignoriert der S-Bahn-Steuermann deshalb alle unbegründeten Beschwerden, was ihm umso leichter fällt, als er selber im gut geheizten Führerstand sitzt. Nachdem die letzten Mitfahrinteressenten per Schuhlöffel und Gleitcreme Zutritt erlangt haben, ertönt das Abfahrtssignal. Aus diesem feierlichen Anlass lässt sich auch die Anzeigetafel nicht lumpen und zeigt als Zugabe einen Spruch, der bisher nicht im Angebot war: »Zug fällt aus!« Und das tut er tatsächlich – zumindest für drei Rollstuhlfahrer und fünf Kinderwagenmütter, die sich zuvor geweigert hatten, im Gepäcknetz verstaut zu werden. Tja, Strafe muss eben sein!
Alle anderen rollen jetzt aber endlich hinaus, und wir sind mittendrin. Unsere Mäntel haben zwar keine Knöpfe mehr, außerdem fehlt irgendwo ein Ärmel, und ein Stiftzahn hat sich im Gerammel gelockert, aber das sind verschmerzbare Petitessen. Immerhin hat unser Zug dafür mehrere intakte Räder, und selbst die Bremse funktioniert – beileibe keine Selbstverständlichkeit! Trotzdem ist das Publikum auffallend undankbar und maulig. Dabei gibt es heute nicht mal eine Entgleisung – eigentlich Standard auf der Stadtbahn. Wir überlegen schon, ob wir deswegen unser Fahrgeld zurückverlangen sollen, als sich überraschend in voller Fahrt die Türen öffnen. Es sind genau die, die im Bahnhof gestört waren, woran man sieht, dass sich am Ende im Leben doch alles ausgleicht. Am überraschendsten ist aber die Platzreserve, die sich jetzt im Wagen auftut: Da sich alle ängstlich von der Tür wegdrücken, hätten hier getrost noch zweihundert weitere Leute eingeworfen werden können.
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Leider können wir uns an dieser schönen Kapazitätserhöhung nicht lange erfreuen, denn unser Zug bleibt auf einmal abrupt stehen. Keiner weiß warum, und unser S-Bahn-Kutscher, der vielleicht doch was weiß, leidet unter bahntypischen Sprachstörungen (lingua transportus interruptus). Trotzdem nimmt das undankbare Publikum keine Rücksicht auf seine schwere Berufskrankheit und verlangt bereits nach zwei Stunden mit rhythmischen Sprechchören Auskunft. »Is ne Weichenstörung!« gibt unser Schienenschelm daraufhin bekannt, doch anstatt sich über so viel unvermuteten Wortreichtum zu freuen, seilen sich die ersten Fahrgäste nach unten auf den Gleiskörper ab, um noch vor Erreichen des Rentenalters in der nächsten Station einzutreffen. Von den Insassen eines benachbarten ICEs werden sie dabei interessiert beobachtet: Infolge des hohen Fußgängeraufkommens im Gleis hat die Bahnverwaltung nämlich den Strom abgeschaltet, und das hauptstädtische Unkraut kann deshalb sogar mit Hochgeschwindigkeit an Hochgeschwindigkeitszügen hochwachsen. Doch wieder ist da keiner, der sich zum Beispiel über die Naturverbundenheit der Bahn freuen würde – im Gegenteil: Es wird gemeckert, dass die S-Bahn-Radscheiben wackeln. Dabei sind doch gerade die besonders knapp, und man könnte von den Reisenden wirklich etwas mehr Rücksichtnahme erwarten.
Wir selbst sind übrigens zwei Tage später mit einem Ersatzzug auch noch an unserem Fahrziel eingetroffen – und zwar bei bester Laune. Man soll ja nicht unverschämt sein – und was sind schon lumpige zwei Tage im Vergleich zu den zwei Jahren, die die S-Bahn bis zur Rückkehr zum Fahrplan noch braucht!

Reinhard Ulbrich


Meine schöne Zeit im PENNY-Beirat

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, ich sei elektrisiert gewesen, als ich nach einem Einkauf bei PENNY auf dem Packtisch den Prospekt erblickte, aus dem hervorging, dass die Geschäftsführer dieser süßen, wenn auch vielleicht ein wenig schmierigen, jedoch wie wir alle um ihr Leben kämpfenden Supermarktkette die Absicht hätten, einen Kunden -Beirat zusammenzutrommeln. »Mitbestimmen, verändern und verbessern! «, hieß es da, und ich las mir spaßeshalber auch das Kleingedruckte durch. »Werden Sie Mitglied im PENNY-Kunden-Beirat: Als Repräsentant unserer Kunden bestimmen Sie die Zukunft aktiv mit. Das ist Ihre Möglichkeit, Ihren Einkauf bei PENNY mitzugestalten, und Ihre Chance, uns regelmäßig mitzuteilen, wie wir noch zielgenauer und individueller auf Ihre Wünsche und Bedürfnisse beim Einkauf bei PENNY eingehen können ...«
Unter uns gesagt: Ich hegte Zweifel daran, obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt schon viele Möglichkeiten der Mitgestaltung meines Einkaufs wahrgenommen hatte. Normalerweise war ich zuerst zum Hundefutter gelaufen und danach zum Plastikbier, aber mitunter war ich auch umgekehrt vorgegangen. Ich konnte mir jedenfalls nicht vorstellen, dass die Heinis, in deren Filialen ich mich mit meinen Grundnahrungsmitteln zu versorgen pflegte, tatsächlich Lust darauf hätten, sich von mir anzuhören, dass es mir persönlich lieber wäre, wenn die Joghurttheke nicht in der allerhinterletzten Ecke stünde, sondern vorn neben der Kasse. Denn ich kannte diese Brüder doch aus langjähriger Erfahrung: Alles, was ich zum Leben brauche, verstecken sie irgendwo am Ende ihres Ladens, am liebsten hinter den winddichten Jogginghosen für den modernen Herrn, so dass ich meinen Einkaufswagen zwischen Abitur und Herzinfarkt hochgerechnet dreitausend Stunden lang an den Regalen mit überteuerten Schrottprodukten vorbeischieben muss und bei jedem Einkauf stoßbete: Herr, unser täglich Brot gib uns heute!
pennyDeshalb stand ich der Einladung zur Teilnahme an den Tagungen des PENNY -Kunden-Beirats zunächst skeptisch gegenüber, doch ich hatte mich geirrt: Bereits beim ersten lockeren Stelldichein des Kunden-Beirats in einer Mehrzweckhalle am Stadtrand von Düsseldorf ging es höher her, als ich erwartet hatte. Ein professioneller, von der Geschäftsleitung ausgewählter Coach animierte uns dazu, die Kleider abzulegen und anschließend nackt über glühende Scherben zu laufen, mit einer Blindschleiche um den Hals und einer geschlechtsreifen Wespe unter der Zunge. Zugegeben, ich schielte dabei nach links und nach rechts, weil ich mitbekommen wollte, wie die weiblichen Mitglieder des Beirats auf meine Performance reagierten. Doch schon wenig später wälzte ich mich mit einer Zahnarzthelferin aus Bad Fallingbostel und einer Hartz-IV-Empfängerin aus Dresden -Neustadt auf einer künstlichen Liegewiese, und eine PENNY-Sekretärin reichte uns Fruchtsäfte und Salatschüsseln, während wir über einen Kunstrasen rollten.
Allmählich kamen auch die anderen Tagungsteilnehmer in Fahrt. Bei einem gemeinsamen Dampfsaunagang erörterten wir die Frage, welche Zutat aus der breiten PENNY-Angebotspalette am besten schmecke – die Knoblauch-Grillsauce, die Salat-Mayonnaise oder eben doch die Sprühsahne mit Traubenzucker und Vanille-Extrakt. Wir berieten auch darüber, wo die jeweiligen Zutaten im Laden stehen sollten, also in Augenhöhe oder in Kniehöhe oder irgendwo mittendrin, auf der Strecke zwischen dem Wurstregal und den Aufstellern mit den Sonderangeboten.
Und dabei kamen wir ganz schön ins Schwitzen. Puh! Es war uns allen eine Freude, gleich danach in das »Entspannungsbecken« einzutauchen, wo wir von philippinischen Entertainern unterschiedlichen Geschlechts empfangen und mit Unterwassermassagen aus Heizölstrahlern verwöhnt wurden. Im Anschluss daran gab es einen kleinen Imbiss auf der Dachterrasse und sofort danach ein Relaxingprogramm für die Herren. Die Damen aus dem Beirat wurden unterdessen in einen separaten Bereich verbracht, in dem sie wahrscheinlich diverse Rechtsvorschriften für die Beiratstätigkeit studierten.
Was ich gut fand, war die Offenheit, mit der wir Männer aus dem PENNY-Kunden-Beirat uns in den folgenden zwei Stunden zu unseren Kundenwünschen bekennen durften. Und damit meine ich nicht zuletzt meinen uralten Traum der Begegnung zwischen mir und einer Asiatin, die in mein Hotelzimmer gestürmt kommt, um mit der Zunge eine Erdnuss aus meinem Bauchnabel aufzulesen. Die Tatsache, dass dieser Wunsch so prompt in Erfüllung ging, erfüllt wiederum mich mit Ehrfurcht vor der Logistikabteilung dieser kundenorientierten Firma. Hier hat sich der von sinnlich abgestumpften Marxisten jeder Couleur so oft angefeindete Kapitalismus einmal von seiner menschenfreundlichen Seite gezeigt, auf eine ganz persönliche Weise.
Was ich dann auch noch sehr gut fand, war das gemeinsame Schlammbadmit drei Filialleitern und vierzehn jungen, von einer Modejournalistenjury ausgewählten Kassiererinnen. Als Kunde fragt man sich ja oft, ob man nun gerade mit dieser oder jener Kassiererin irgendwas anfangen möchte. In den meisten Fällen hätte man sowieso gar keine Zeit dafür, und wenn dann doch mal eine attraktive Frau an der Kasse sitzt, fehlt einem normalerweise die Traute, einfach zu sagen: »Dürfte ich Ihnen nachher, wenn Sie hier Feierabend haben, ein Getränk aus Ihrer Filiale anbieten?«
Umso schöner war es für mich, mit dem PENNY-Personal in das Schlammbad zu steigen und gleich anschließend mit allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen auf Kosten von PENNY nach Las Vegas zu fliegen. Dort erhielten wir jeder ein Zimmer in einem Fünf-Sterne-Hotel und eine üppig bemessene Summe Spielgeld, die wir nach Gutdünken verpulvern durften. Es versteht sich von selbst, dass wir binnen kurzem blank waren, aber das störte die Geschäftsführer nicht. Schwupps, schon saßen wir alle wieder in einem klimatisierten Privatjet und flogen nach Saudi-Arabien, wo man extra für uns eine Formation erstklassiger Bauchtänzerinnen auf die Beine gestellt hatte.
Zum Abschluss unserer Weltreise trafen wir in Hamburg zusammen, im Vier Jahreszeiten, und wir bekamen nicht nur jeweils einen PENNY-Wimpel ausgehändigt, sondern jeder auch einen Sack voller Glasperlen, einen Piccolo und einen feuchten Händedruck des Geschäftsführers der Hamburger Konzernzentrale.
Ich bin danach noch lange an der Außenalster spazieren gegangen und habe mich gefragt: Weshalb gibt es nicht viel mehr Unternehmen, die ihre Kunden so liebevoll verwöhnen wie PENNY? Wie gern, o wie gern, wäre ich auch Mitglied im Saturn-, im Siemens-, im Telekom- und im RTL-Kunden-Beirat! »Schafft zwei, drei, viele Kunden-Beiräte!«, rief ich den Menschen zu, die an mir vorübertrotteten, doch sie achteten meiner nicht.
Ich habe dann noch in derselben Nacht den Bundespräsidenten angeschrieben, von dem ich weiß, dass er mit vielen Großunternehmern in Kontakt steht, und ich warte gespannt auf seine Antwort. Und morgen werde ich wieder bei PENNY einkaufen gehen, den Joghurt aus dem Regal gleich vorn an der Kasse klauben und der Kassiererin einen Heiratsantrag machen.
Hoch lebe die Soziale Marktwirtschaft! Und hoch lebe PENNY!

Gerhard Henschel
Zeichnung: Reiner Schwalme


Wie ich Guido lieben lernte

Endlich will die Weltregierung den Planeten und die Glühbirne für immer aus der Fassung drehen. Aus der selbigen vor Glück rufe ich mein Weib und meinen Buben herbei, und wir drei feiern ein kleines, ökologisches Freudenfest. Den Vorschlag meiner Frau, jetzt gleich eine Glühlampe rituell auf dem Küchentisch zu schlachten, weise ich allerdings zurück. Auch dass mein Sohn das Auswerfen von Straßenlaternen als eine energiepolitische Maßnahme rechtfertigt, findet nicht mein Verständnis. Die Welt retten, ja, aber bitteschön mit Augenmaß.

Wir haben unsere Wohnung vollständig entosramisiert, inklusive Kühlschrank und Weihnachtsdeko. Als wir im OBI mit unserem prall gefüllten Einkaufswagen quasi im Alleingang ein ganzes Braunkohlekraftwerk überflüssig machten, schauten wir verächtlich auf die Hamsterkäuferschlange in der Glühbirnenaktionshalle, die der Baumarktbesitzer aus schnöder Geldgier eingerichtet hat. »Klimakiller, Ozonmörder, FDP-Wähler«, rufe ich und schreite stolz mit meinem Energiesparwagen zur Kasse. Die 1359 Euro für alle Birnen erscheinen mir dann aber trotz allem Willen zur Energiewende doch ein wenig üppig. Die Lichterkette kann noch warten, entscheide ich, oder dieses Jahr fällt Weihnachten der Umwelt zuliebe einfach mal aus. Der Junge weint. Dabei retten wir doch seine Zukunft!

Wir können es kaum erwarten, unser trautes Heim im Klimaschutz-Lichtanlagen-Schein zu betrachten. Endlich ist es so weit. Ich trete zum Schalter und knipse: So muss sich Franck Ribéry fühlen, wenn er in die hell erleuchtete Allianz -Arena einläuft. Mehr Licht! Das wird Goethe auf dem Sterbebett gemeint haben, als er in einer letzten Vision die erste Energiesparlampe sah. Weiß, hell, schimmernd, überirdisch, Hosianna, Erzengel Sigmar Gabriel. Nur meine Frau mäkelt, ihre Stehlampe habe nun die Aura einer Straßenlaterne. Ich werde Dimmer einbauen.

Meine Energiesparbilanz wird von der Familie mit schwindender Begeisterung zur Kenntnis genommen. Selbst meine Berechnungen, dass alleine wir, dank der Umrüstung, in 56 Jahren einen Quadratmeter Polareis gerettet haben werden und von dem gesparten Geld theoretisch zweimal pro Jahr in einen Freizeitpark fahren könnten, wenn das nicht so eine Energieverschwendung wäre, verfangen nicht. Auch ist meine wunderschöne Frau bei Energiesparlicht betrachtet um Jahre gealtert. Ich dagegen fühle mich hervorragend, 3 Kilo abgenommen. Das Abendessen sieht in letzter Zeit so unappetitlich aus.

Habe meine Frau mit einer Kerze erwischt. Zur Strafe zwinge ich sie, mit mir bei vollem Deckenlicht zwei Stunden Mau -Mau zu spielen. Ohne Sonnenbrille, die ich selber zugegebenermaßen nur noch zum Schlafen ausziehe. Das schrumpelige Weibchen, dass noch vor Wochenfrist meine herrliche Ehefrau war, schreit klagend nach Glühlampen. Sie muss eine Art Energievampir sein, der sich von der sinnlosen Schleuderwärme der Glaskolben ernährt. Weiche von mir, Weib, schreie ich zurück, und scheuche ihren Wechselbalg im Keller auf, wo es sich der kleine Stromterrorist mit Mickymaus-Heften unter der Kellerlampe gemütlich gemacht hat.

Es hat ja gedauert, aber noch rechtzeitig sind mir die wärmedämmenden Lichter aufgegangen. Während ich meine Familie mit energiesparenden Todesstrahlen traktieren soll, fährt Trittin mit der Dienstlimo und lacht sich eins. Am Ende steht der dicke Gabriel in vier Jahren als Kanzlerkandidat rußverschmiert vor irgendeinem Stollen und rettet die deutsche Braunkohle, während ich mein soziales Umfeld kaputt energiegespart habe. Darum habe ich den Westerwelle gewählt. Weil, der hat ein Herz für den kleinen Mann! Energie gibt es für alle satt, wozu also sparen, wenn man den Strom doch geruchlos und Co2-frei im AKW herstellen kann! Ich schmeiße eine Runde Heizen bei offenem Fenster auf meinen neuen Freund Guido. FDP – Fuck Die Polkappen. Michael Kernbach


»Weh dem, der Dienstleistungswüsten in sich birgt!« - Friedrich Nietzsche

Wollt ihr den totalen Kunden?

»Dafür mache ich die Maschine nicht mehr schmutzig!«, »Das verkaufen wir nur im Hunderter-Pack« oder: »Wenn Sie den Kuchen anlecken, müssen Sie ihn auch kaufen!« – Kompetente Kundenberatung zeichnet sich in Deutschland durch Prägnanz und Hinwendung zum Individuum aus, vorausgesetzt sein Konsumbedürfnis erweist sich als berechtigt und moralisch einwandfrei.
CW30Nicht selten jedoch gerät der Endverbraucher in Versuchung, überflüssige Artikel, die überflüssige Verkäufer ihm überfüssigerweise aufgeschwatzt haben, zweckzuentfremden und damit überflüssige Löcher im retrograden Servicebereich der Servicekraft zu stopfen. Um diese Kauf-Wut einzudämmen, setzen führende Dienstleistungsunternehmen verstärkt auf qualifizierteres Fachpersonal, nämlich den Kunden selbst.
SB-Tankstellen, Fahrkartenautomaten, Onlineshops, Paket-Stationen, das selbständige Einscannen seiner Einkäufe bei IKEA – überall heißt es: Wer kaufen will, soll auch gefälligst was dafür tun. Dieses Geschäftsmodell kommt dem Dienstleister und dem Serviceanbieter gleichermaßen zugute. Das entlastete Fachpersonal kann sich verstärkt um seine eigentlichen Aufgaben kümmern, z. B. Tratschen, Mobben, Kaufhausdiebe vermöbeln oder sich arbeitssuchend melden. Und der Kunde macht einen weiteren Schritt heraus aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Doch all diese kleinen Erziehungshilfen zur Selbsthilfe können nur eine Vorstufe sein auf dem Weg zum totalen Kunden. In absehbarer Zukunft werden daher noch weitere Möglichkeiten des Selbstmanagements unseren Alltag bereichern:

Do-It-Yourself-Fleischereien
Hier bekommt der Zusatz »Aus eigener Schlachtung« einen völlig neuen Sinn: Bedienen Sie in der Selbstbedienungs-Schlachtbox einfach das Bolzenschussgerät, das bereits in Kopfhöhe des ausgewählten Tieres arretiert wurde, und schneiden Sie sich anschließend das Fleisch in gewünschter Menge aus dem noch dampfenden Kadaver. Einweg-Blutschürzen und Schneidewerkzeuge können selbstverständlich vor Ort ausgeliehen werden.
Zur Produktion von Wurstwaren müssen Sie einfach nur den Darm des verendeten Tieres ausspülen, an einem Ende verknoten und das andere Ende auf den Einfüllstutzen des Fleischwolfs stülpen. Denken Sie daran, dass Darmenden mit Schleimhäuten beim Räuchern ein besseres Aroma entwickeln. Befüllen Sie den Fleischwolf nach Belieben mit Fleischabfällen und Gewürzen, und drücken Sie den roten Knopf. Zahlreiche Industrie-Fleischwölfe machen »Muuh!«, wenn die Wurst fertig befüllt ist und Sie bis dahin nicht schon längst Vegetarier sind.
Die Vorteile von Selbstbedienungsfleischereien liegen auf der blutverschmierten Hand: Garantierte Frische, Würze nach individuellem Geschmack und ein unvergleichlicher Blutrausch. Zudem wird die alltägliche Einkaufstour zum Lern- und Erlebnistrip für Ihre Kleinsten. Weihen Sie sie spielerisch in die Mysterien von Mutter Natur ein. Helfen Sie ihnen, ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod aufzubauen. Und genießen Sie den Stolz, wenn Sie Ihrem Junior blutüberströmt eine selbstgeschlachtete Bockwurst in die Hand drücken.

Do-It-Yourself-Bordelle
»Das kann doch jedem mal passieren!«, »Ich will jetzt wieder zum Papi!« oder »Du helfen?! Ich nix Passport. Russisch Konsulat?!« – In kaum einem anderen Dienstleistungssektor ist die Motivation der Angestellten so dürftig wie in der Rotlichtbranche. Kein Wunder, dass sich nahezu hundert Prozent aller deutschen Bordellbesucher nach Verlassen der Dienstleistungsstätte schlapp und ausgepumpt fühlen.
Rücksichtslose Kommentare wie »Wenn du jetzt nicht gleich zu Potte kommst, muss ich eine weitere Stunde berechnen« wirken sich negativ auf das Selbstbewusstsein des Kunden aus und fördern die Produktion von Stresshormonen. Kundenunfreundliche Reglementierungen wie »Ohne Gummi läuft hier gar nichts« führen die eigentliche Dienstleistung ad absurdum.
Doch gerade das Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und Einsamkeit werden in Zukunft den Bordellbesuch zu einem unvergleichlichen Erlebnis machen. Schließlich ist Mann es gewohnt, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, und niemand weiß so gut wie Mann, was Mann braucht. Allerdings sollte Mann bedenken, dass Dienstleistungen wie Eigenflagellation, Eigennatursektspiele oder sich selber einen blasen je nach Anbieter extra kosten können.
Außerdem empfiehlt es sich, zur eigentlichen Dienstleistung einen Zuhälter als Schutz hinzuzubuchen. Preisgünstige Zuhälter aus dem osteuropäischen Raum können Sie bereits ab 50 Euro je angefangene Stunde mieten.

Do-It-Yourself-Begräbnis
Kein Begräbnis ist so schön wie das eigene. Schreiben Sie zunächst Ihren eigenen Nachruf, denn keiner kann Sie so sehr würdigen wie Sie selbst. Entwerfen Siemit der kostenlosen Open-Grave-Software »Deadline 3.0« geschmackvolle Beerdigungs- Einladungen im Stil des Fin de siècle. Wählen Sie für den Entwurf Ihrer Todesanzeige in der Internetdatenbank »LetzteWorte« aus mehr als 5000 verschiedenen Abschiedszitaten von JohannWolfgang von Goethe bis zu den letztjährigen Gewinnern von »Deutschland sucht den Superstar«, die für eine warme Suppe auch gerne auf Ihrer Beerdigung singen werden.
Achten Sie darauf, dass Tante Erni beim Leichenschmaus nicht neben Onkel Winfried zu sitzen kommt, und legen Sie sich dann ganz entspannt in Ihr Grab. Lassen Sie sich noch ein wenig von Ihren Liebsten beweinen, und essen Sie ein letztes Stück vom Kuchenbuffet, bevor Sie sich mit dem Sarglifter »Last Minute« selber in die Grube hinunterlassen.
Auf Wunsch können Sie sich natürlich auch in unserem leistungsstarken Hochofen »Glühfix« zur Filmmusik von »Some Like It Hot« spontan selbst entzünden.

Do-It-Yourself-Schlusspointe
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Michael Kaiser / Zeichnung: Fred & Günter

 

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