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 DAS SATIREMAGAZIN - Unbestechlich, aber käuflich!

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FDP

Der Niebel der Welt

Heidi Klum und Mario Barth wollten nicht, und von der Conny Pieper vermutet man, dass sie zu gern mit Schwarzen schnackselt, also – »and the winner is ...« – ging das Entwicklungshilfeministerium an Dirk Niebel. Schließlich hatte seine Vorgängerin Heidi Wieczorek- Zeul bewiesen, dass man in diesem Amt nicht viel Schaden anrichten kann. Niebel (von Westerwelle in sexistischer Herablassung nur »Der Nippel« gerufen), dem jede Sozialbehörde das Nachholen seines Hauptschulabschlusses finanzieren würde, erklärte anlässlich seines Einzuges ins Ministerium im Deutschlandfunk, er sei »Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, so heißt das Ressort, was ein Unterschied ist zu einem Weltsozialamt«.
Darüber echauffierte sich Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Chefin von »Brot für die Welt«. »Sein Blick gilt nicht primär den Armen und der Frage, warum sie arm sind und was ihnen helfen würde, ihre Armut zu überwinden … Er denkt von der Frage her, was die deutsche Wirtschaft braucht, speziell der Mittelstand und die Pharmaindustrie – also denjenigen, denen die FDP nahesteht…Anders kann ich beispielsweise die Zurverfügungstellung von 14 Millionen Euro aus dem Entwicklungsetat für den Ankauf deutscher Impfdosen zur Bekämpfung der Schweinegrippe in Afrika nicht interpretieren.«
Dass die FDP ein Lakai der Wirtschaft ist, ist so originell wie der Vorwurf, dass Uli Hoeneß die Interessen von Bayern München vertritt. Die Einkünfte von Hoeneß heißen allerdings Gehalt und nicht »Spenden«, und er verdient es nicht mit Hotelbetten – und Hoeneß kann sich auch nicht auf Steuerzahlers Kosten die Welt ansehen. Dirk Niebel kann das. Beispiel Goma im Kongo, Hilfswerk »Heal Africa« für vergewaltigte Frauen. Was zum Teufel hatte Niebel dort zu suchen? Er ist weder als Frauenarzt noch als Psychologe hervorgetreten; folglich hätte er die 850 000 Euro Unterstützung auch von seinem Berliner Schreibtisch aus zusagen können. Aber wann hat man schon das Glück, für lau in den Kongo zu kommen?
Nun ist aber Niebel kein reiner Polit-Urlauber: Die Industrie will schließlich etwas für ihr Geld sehen, und so verspricht er, an Länder wie Indien und China nur noch Geld rauszurücken, wenn nicht die Armen und Hungernden dieser Welt, sondern die deutschen Unternehmen profitieren, getreu seiner Maxime, Entwicklungshilfe müsse »zusätzliche Chancen für die deutsche Wirtschaft eröffnen«. Dies allerdings erreicht er wohl kaum, wenn er am Bakschisch spart. Schließlich sind wir Exportweltmeister und die Asiaten dem schnöden Mammon nicht abgeneigt. Also, nicht sparen an der falschen Stelle!
Man darf aber nicht zu hart mit dem Dirk umspringen, denn als blutiger Laie –Diplomverwaltungswirt (FH) – ist er ein schönes Beispiel für die Bildungsfähigkeit von Menschen, mit denen es die Natur nicht so gut gemeint hat. Niebel hat sogar Abitur, obwohl er mit einer Sechs in Latein vom Gymnasium geflogen war. Seine Eltern und Geschwister rätseln heute noch, wie er zum Abizeugnis gekommen ist. Niebels Vita – ein Dasein voller Herausforderungen und Abenteuer. Von 1984 bis 1991 war er Zeitsoldat und 1988 sogar Jahrgangsbester der Division beim Feldwebellehrgang für Fallschirmjäger – Ex-Parteifreund Möllemann lässt grüßen. Seit 1990 ist er FDP-Mitglied und Gründungsmitglied der Jungen Liberalen in Heidelberg, von 1993 bis 1998 Arbeitsvermittler beim Arbeitsamt Heidelberg, zuletzt als Verwaltungsoberinspektor. »Meine spannendste Zeit«, sagt er rückblickend, »jeden Tag die Frage: Was gibt es heute in der Kantine?« Seitdem sitzt er wie festgewachsen im Bundestag. Er ist Träger des Fallschirmspringerabzeichens der Bundeswehr und der US-Army, das Schwimmabzeichen in Gold schmückt seine Badehose und das Sportabzeichen in Silber seinen Jogginganzug. Er fühlt sich auch zum Essayisten der Marktwirtschaft berufen. 2006 überrascht er die literarische Welt mit seiner» Niebel-Fiebel«.Das Werk von 66 Seiten trägt den Titel »Freiheit für Einsteiger«. Die Restauflage wird er wahrscheinlich in Zentralafrika verhökern und sich dafür zwei Kamele einhandeln.
Niebels Hang zu Gemeinplätzen macht ihn unberechenbar wie Möllemann in seinen besten Tagen. Manchmal spielt er dabei sogar den Linksaußen des Neoliberalismus. So kommentierte er im Oktober 2008 die Finanzkrise mit dem mutigen Kalauer:»Der Staat hat versagt, nicht die Politik«, was ihn weltweit zur gefragtesten Plaudertasche bei Maybritt Illner und Anne Will avancieren ließ. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Beispielsweise sehr schlechte Kabarettisten. Die scherzen, der Mann dürfe nicht Niebel, sondern müsse »Nebel« heißen. Aber was Carmen Nebel nun mit dem Kerl zu schaffen hat, können sie auch nicht erklären.

Thomas Wieczorek


Lebt eigentlich Edmund Stoiber noch?

Äh, ja, er, äh, lebt noch. Manch einer bedauert das allerdings sehr. Dem bayerischen Ministerpräsidenten z.B. wäre es lieber, sein Vorvorgänger wäre schon längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen, wie man in Bayern sagt. Oder nein, »verreckt« sagt man in Bayern, ihm wäre es recht, Stoiber wäre schon längst verreckt. Qualvoll am besten. Denn Stoiber hat den Bayern ein kostspieliges Erbe hinterlassen, und zwar den Erwerb der Bank Hypo Group Alpe Adria , ein von Vetternwirtschaft durchsetztes, vor allem auf dem Balkan in kaum durchschaubaren Unternehmungen involviertes, mit – so vermutet die österreichische Nationalbank – Geldwäsche beschäftigtes, bodenloses Finanzloch, das die bayerische Landesbank unter Stoiber erworben hatte und das mittlerweile für einen symbolischen Euro an die Ösis verschenkt wurde.
Stoiber allerdings behauptet in jedes Mikrofon, das nicht schnell genug vor ihm versteckt wird, von nichts zu wissen, damals von nichts gewusst zu haben und eigentlich überhaupt niemals nicht informiert worden zu sein, wenn es um Milliardengeschäfte im Freistaat ging. Und dem Stoiber nimmt man das ab. Vor allem weil er noch nie überzeugend den Eindruck erwecken konnte, ganz klar im Kopf zu sein.
Nun muss also Seehofer nicht nur seinen bayerischen Wählern erklären, weshalb sie für einen Fehlkauf in stattlicher Höhe von 3,7 Milliarden Euro aufkommen sollen. Viel schlimmer: Obwohl die CSU momentan vor sich hinsiecht und bei Abstimmungen im Landtag auf die Stimmen der widerlichen Speichellecker von der FDP angewiesen und Stoiber als stoibereiner der Hauptschuldigen für die aktuelle Schwäche der Partei ausgemacht ist, gilt der ehemalige Vorsitzende den CSUlern als eine Art Übergott, der frenetisch gefeiert wird, egal wo er auftaucht.
Doch wieso ist Stoiber noch immer so beliebt? Daran, dass er als Kanzlerkandidat versagt hat, kann es genauso wenig liegen wie an seiner Rolle als Chefverantwortlicher für Bürokratieabbau bei der EU, womit er so erfolgreich war, dass er sein Team in Brüssel aufstocken musste.
Die Begeisterung für Stoiber rührt alleine daher, dass er nichts mehr zu melden hat. Das Volk muss von ihm nichts Schlimmes fürchten, z.B. dass er mir nichts dir nichts 3,7 Milliarden Euro versenkt. Edmund Rüdiger Stoiber ist harmlos geworden. Und Irre, die keine Macht haben, wirken ja schon irgendwie drollig.

Carlo Dippold


Wörtliche Betäubung

Von Bismarck blieb der Bismarckhering

Sagense mal, gibt’s die SPD eigentlich noch? Und wenn ja, wozu? Wenn nein … na, dann ein letztes Lebewohl der teuren Toten!
Es ist noch gar nicht lange her, da schockten die Medien uns mit der Sensation, es gebe eine geheime Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD (AGSS). Das Willy-Brandt-Haus dementierte. Diese Gruppe sei, wenn sie tatsächlich existieren sollte, völlig unbedeutend. Ex-Finanzminister Steinbrück jedenfalls gehört ihr nicht an. Er hat nach dem Regierungswechsel einen besseren Posten abgegriffen. Er macht da weiter, wo er aufgehört hat: als Genosse der Bosse. Neuerdings sitzt er nicht mehr nur im Geiste, sondern auch körperlich im Aufsichtsrat des Thyssen -Krupp-Konzerns. Wie so viele vor ihm, ist auch er auf die einträgliche Seite der Barrikade hinübergewechselt. Dass seine Partei bei den nächsten Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde von oben nach unten durchbrechen wird, ist nicht mehr sein Problem.
In hellen Scharen und die alten Lieder singend, sind Genossinnen und Genossen von der Fahne gegangen, so dass mittlerweile in jedem Ortsverein der dritte Mann zum Skat fehlt. Und nun haben sie auch noch Franz Müntefering zurückgetreten, haben ihn gnadenlos in die Wüste geschickt – in die Rente mit 67. Der vitale Schwerenöter jedoch hat sich, schlau wie er ist, noch fix eine entzückende kleine Freundin zugelegt, die seine Tränen trocknet und ihm die Wärmflasche ins Bett legt. Der Franz, der kann’s. Parole: Mit den dritten Zähnen in den zweiten Frühling!
Von Bismarck blieb der Bismarckhering, was aber bleibt von Müntefering?
Immerhin trug er einen roten Schal und war lupenreiner Demokrat. In die Wahlen des Jahres 2005 ging er mit dem Versprechen, er werde nicht zulassen, dass die CDU die Mehrwertsteuer erhöhe. Mit drei Prozent Erhöhung kam er wieder raus. Entgegen dem allgemeinen Eindruck war dieser Wahlbetrug jedoch kein Wahlbetrug. OTon Münte: »Dass wir an unseren Wahlkampfaussagen gemessen werden, ist nicht gerecht.«
Der »eiserne Franz« war ein Volkstribun und Mann der offenen Worte. Er nannte Crash-Banker »Pyromanen« und »Gangster«. Er nannte Stubenfliegen »Stubenfliegen« und Heuschrecken »Heuschrecken«. Er war der »Parteisoldat, die Integrationsfigur, der erfahrene Fahrensmann, der Motivator«. Als Herbert-Wehner-Verschnitt war er der »Zuchtmeister«. Und keiner war fester entschlossen als er, den Raubtierkapitalismus zu »zähmen«
Er galt als großer Redner immer dann, wenn er gar nichts zu sagen hatte. Seine größte Stärke waren kurze, bildhafte, sinnfreie Sätze: »Heißes Herz und klare Kante! Das ist besser, als Hose voll. Opposition ist Mist, Parteivorsitzender ist das beste Amt neben Papst, Glück auf!«
Auf dem Dresdner Parteitag nutzte er seine lahme Abschiedsrede, um die Delegierten zunächst einzuschläfern und sie dann mit einer ungeheuerlichen Enthüllung zu wecken. Gnadenlos warf er den schwarz-gelben Wahlsiegern Alkoholmissbrauch vor: »Sie predigen Wasser, saufen selbst aber Sekt!«
Sigmar Gabriel, der Neue, will Müntes roten Klassenkampfschal nun endlich einmotten. Der rote Schal ist für ihn nur Schal und Rauch. Er will mehr, und jetzt geht’s lohos, jetzt geht’s lohos: »Der Mantel, den wir schneidern, Genossinnen & Genossen, muss wetterfest sein, und er soll eine rote Farbe haben.« Mit dem Siggi hat die SPD nun endlich den rechten Kantonisten gefunden. Der passt, der ist okay, der hat keine Zukunft. Ernst Röhl


Lebt eigentlich Matthias Platzeck noch ...

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Ja, er lebt noch – aber gefährlich. Kürzlich hat er seine Hinwendung zu den in seinem Flächenland vegetierenden Freunden der DDR damit begründet, auch Adenauer habe sich nach der Niederlage der Faschisten der unschuldigen SS -Männer angenommen. Damit hat er seinem neuen Koalitionspartner DIE LINKE natürlich eine Riesenfreude gemacht. »Endlich sind wir in der BRD so geschätzt wie die SS-Männer Günter Grass, Dieter Hildebrandt und Walter Jens«, jubelte es aus der Parteizentrale. Nur Kerstin Kaiser, die linke Fraktionschefin in Potsdam, murmelte etwas betripst: Schade, dass ich nur bei der Stasi und nicht Reichsmädelnführerin war, da hätte ich jetzt bei dem Matthias noch bessere Karten.
Matthias Platzeck weiß, dass 60 Prozent der Erwachsenen in seiner »kleinen DDR« auch zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch in ihren Herzen von einem schönen Sozialismus träumen (der Rest sind nach Kleinmachnow zugezogene Wessis). Sie wählen nur zur Tarnung SPD. Was die Kräfteverhältnisse betrifft, haust der Deichgraf mit seinen Windhunden Joop und Jauch ziemlich einsam in seiner Residenz. Deshalb ist die sozialistische Menschengemeinschaft Platzecks Alterswerk. Es ist ja wahr: Er braucht keine Parteien mehr.
Platzeck ist der Mao Zedong Brandenburgs. Zwar geht in seinem Reich die Sonne doch am Abend hinter Werder unter – aber nur, um am Morgen um so prächtiger über Frankfurt/O. wieder aufzugehen. Und es gab zwar eine Mao-Bibel, es gibt aber keine Platzeck-Bibel. Zitatwürdiges aus seinem Munde ist nicht überliefert. Doch öffnet er die Lippen, um freiweg zu formulieren, so kommt viel Gefühl dabei heraus. Dann raunt er von der schattigen Schönheit Brandenburger Alleen, den Falten im Antlitz der Fenchelbäuerin, dann schmeckt er die sandige Krume nach, jauchzt in Erinnerung an die erotische Erfahrung, die ihm Hebungen und Senkungen der Uckermark bereiteten, oder preist die Einfalt der landesüblichen Küche. »Lasst tausend Blumen blühen!« – das könnte glatt von ihm sein. Gewiss – alles, was er anpackte, ging schief, nicht nur fast alles. Man kann die Großprojekte singen. Anders gesagt: Er hat ein Händchen fürs Misslingen (der gescheiterte Rettungsversuch an der SPD war noch seine sympathischste Pleite). Matthias Zedongs Brandenburg auf dem großen Sprung: Jetzt ist es das gefragteste Billiglohnland der westlichen Hemisphäre, und es bleiben nur noch Inseln übrig, so viel wie Finger an einer Hand, über denen Platzecks Sonne scheint.
Er ist nun fast so lange der große Führer der Brandenburger, wie Mao Häuptling der Chinesen war. Viele heute erwachsene Brandenburger haben schon im Kindergarten seinen Namen gehört. In Interviews beginnt er jetzt immer öfter seine Antwort mit der Floskel: »Ich bin so’n Mensch, der ...« Er sieht sich schon als Epoche. Man sollte am Fuße des Brauhausberges anstelle einer Schwimmhalle ihm vorsorglich ein Mausoleum errichten. Matti Friedrich


Oral alles super

Die Bimbesrepublik Deutschland genießt in der Welt eine Mordsanerkennung für ihre zungenbrecherischen Verbalkreationen, für die Zahnersatzzusatzversicherungsleistung etwa. Auch für den Eierschalensollbruchstellenverursacher, das Parkraumbewirtschaftungskonzept, die Bundesrasenmäherlärmschutzverordnung, die Dorferneuerungsbedürftigkeitsuntersuchung, das Registerverfahrensbeschleunigungs-, das Rentenversicherungsnachhaltigkeits- sowie das Besoldungs- und Versorgungsnichtanpassungsgesetz. Als vor kurzem ruchbar ward, Vorstandsbosse der DAX-Firmen legten ihre Gehälter, Bezüge, Einkünfte, Einkommen, Prämien, Boni und sonstigen Saläre nur widerstrebend bis gar nicht offen, kam prompt das Vorstandsvergütungsoffenlegungsgesetz hinzu.
Der Schreck über dieses so unversöhnlich klingende Gesetzeswerk hielt sich jedoch in Grenzen; denn mit der Bundestagswahl 2009 sind auf wunderbare Weise gleich mehrere Herzenswünsche in Erfüllung gegangen. Dr. Westerwelle hat als Spaßpolitiker mit Startnummer 18 und Guidomobil jahrelang auf den jüngsten Wahltriumph hingearbeitet, Frau Dr. Merkel ihrerseits konnte sich nichts Schöneres denken als eine schwarzgelbe Tigerenten -Koalition: auf der einen Seite sie, die Kanzlerin, auf der anderen Seite der Guido, auf der einen Seite weibliche Schönheit und modische Eleganz – auf der anderen Seite, nun ja, tut mir leid, eben Angela Merkel.
Bei Strafe ihres Untergangs müssen die Hartz-IV-Hartzis all ihre Reichtümer auf Heller und Cent deklarieren; zum Glück verhalten sich die beiden Hübschen vom Biene-Maja-Bündnis diskreter, wenn es um die unantastbaren Ersparnisse der Bestverdiener geht. Wunschpartner der Kanzlerin ist Westerwelle seit langem. Zur allgemeinen Überraschung jedoch lobt sie neuerdings weniger seine Zungenfertigkeit als »seine Verschwiegenheit«. Sie weiß, warum.
Ist vielleicht gar ein bisschen Neid im Spiel? Immerhin spricht der designierte neoliberale Außenminister geflossen englisch und ist darüber hinaus ein Großmeister der Worthülsen und Sprechblasen: Deutschland kann mehr, Deutschland kann es besser, Leistung muss sich wieder lohnen, Arbeit muss sich wieder lohnen, der deutsche Mittelstand muss gefördert werden, mehr Brutto vom Netto, wir sind eine Partei, die sich der Mitte verpflichtet fühlt, wer lari sagt, muss auch fari sagen. Botschaft für missgelaunte Aufstocker: »Eine Stunde mehr arbeiten, ohne dass einem etwas genommen wird, ist doch absolut akzeptabel.« Den Linken gewidmet ein Sprachbild aus der Fleischerbranche: »Einen demokratischen Sozialismus kann es ebenso wenig geben wie einen vegetarischen Schlachthof.«
Ein Knaller für die Brüder Grimm wäre sein Märchen von der unaufhaltsamen Steuersenkung.
Vater Staat, mit 1,6 Billionen Euro eindrucksvoll verschuldet, muss bloß entschlossen die Steuern senken, dann haben die Unternehmen wieder mehr Geld für Investitionen und die Bürgerinnen und Bürger mehr Spielraum für den Konsum! Ein steuerliches Perpetuum mobile setzt sich in Gang, die deutsche Wirtschaft wächst von ganz allein, der nicht enden wollende Strom frischer Steuermilliarden ergießt sich, einem Tsunami vergleichbar, in den Staatssäckel …
»Guido Westerwelle ist Deutschlands bester Redner«, schwärmen die Radebrecher vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), »seine Sprache ist klar und einprägsam.« So isses, Seine Eloquenz Guido Westerwelle scheut sich nicht, das Wort zu ergreifen, ohne dass er dann wirklich was sagt. Der redet nicht bloß die politischen Gegner an die Wand, sondern geht sogar den Sympathisanten auf den Sack. Wenn der dir in die Hosentasche fasst, Kumpel, interessiert ihn einzig und allein der Inhalt deines Portemonnaies. Die Sozialreformen, droht er, werde er »zu einem guten Ende bringen.« Mit anderen Worten: Macht euch keine Sorgen, es kommt alles noch viel schlimmer.
Ernst Röhl


Im Arsch des schwarzen Ochsen

Stockfinster ist es in der Wohnung von Osram Röhre, als er die Tür hinter sich schließt. »Setzen Sie sich doch!«, sagt er lachend und deutet vermutlich irgendwohin. »Ich sitze auch schon«, fügt er hinzu. »Ich weiß ja, wo alles steht, haha.« Osram Röhre ist strikter Gegner des jüngst von der Armee der Finsternis, wie Röhre die EU nennt, durchgesetzten Glühbirnenverbots. Um ein Zeichen gegen die zunehmende Bevormundung durch Bürokraten zu setzen , verweigert er seitdem die Verwendung von Energiesparlampen. »Was wollen die uns denn noch alles verbieten?«, ruft er aufgebracht. »Demnächst darf ich wohl nicht mal mehr in der Kneipe kiffen!«
»Am liebsten«, so vermutet er, »wäre denen da oben doch ein Gremium aus so Faschos wie Karl Lauterbach, Günther Jauch und Gloria von Thurn und Taxis, die jedes Produkt noch vor der Markteinführung auf seine Tugendhaftigkeit prüfen.
« In völliger Umnachtung zu leben mache ihm nichts aus, sagt Röhre. »Die meiste Zeit hab ich eh die Lampe an, wenn Sie versteh’n.« Außerdem trage er seit Anfang September Strapse und Leder-Korsett. – »Sieht ja keiner.« – Vorsichtshalber ziehe er aber auch Schienbeinschoner und Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen und verstärkter Sohle an. »Wer weiß schon, wo meine Alte ihre Stricknadeln liegenlässt.«
»Das hab ich gehört.« –Aus dem Dunkel nähern sich schlurfend tastende Schritte. »Jetzt schimpft er auf meine Nadeln, aber wenn seine Leuchtstoffhosen kaputt sind, wer muss sie dann nähen?« Röhres Frau Sylvania lacht ihr glockendunkles Lachen.
strom»Hier, ich hab Ihnen Tee gekocht. Schwarzen natürlich. Vorsicht, heiß!«, sagt sie und stellt das Tablett mit der Porzellan-Kanne und den Tassen gut hörbar neben den Tisch. »Ach, macht nix, bleiben Sie ruhig sitzen«, beschwichtigt sie. »Ich hol Ihnen die Brandsalbe.« Nachteile habe diese Dunkelheit selbstverständlich schon, gesteht Osram Röhre. Vor ein paar Tagen zum Beispiel habe er plötzlich eine Hand auf seinem Knie gespürt. »Dabei war außer meiner Frau und mir niemand da. Das war schon unheimlich.«
Die Vorteile seien allerdings unübersehbar. »Die Energiesparlampen zum Beispiel«, erklärt er, »kann man nicht einfach wegwerfen. Da ist nämlich Quecksilber drin. Das verseucht unsere schönen Mülldeponien.«
Wütend fährt er fort: »Das sind doch alles keine großen Leuchten in diesen Parlamenten! Wenn ans Licht kommt«, kalauert er die Abgeordneten direkt an, »dass ihr Idioden uns alle nur hinters Licht führen volt, seh ich aber schwarz für Dunkeldeutschland. Hab ich recht oder watt!?« – Osram Röhre steht unter Hochspannung.
»Sollen die mich doch vergasen, nur weil im Backofen die alte Funzel brennt!«, ruft er kämpferisch. – Dass die Verwendung der Glühbirnen nicht verboten ist, sondern nur die Herstellung, ficht ihn nicht an. »Mir egal, wenn’s hier aussieht wie im Arsch eines schwarzen Ochsen bei Mondfinsternis«, zitiert er fast wörtlich aus einem Film, den er noch nie gesehen hat.
Seit dem Verbot forscht Osram Röhre auf dem Gebiet der alternativen Lichtgewinnung. Anfangs hatte er es mit einem Napalm-Sauerstoff-Gemisch versucht. »Da war aber der Vermieter gegen«, gesteht er zerknirscht.
Durch den anschließenden Wohnungswechsel und die Schadenersatzforderungen wurden ihm die Leuchtmittel knapp. »Dann hat mich ein befreundeter Starkstromelektriker auf die Halbleitertechnik aufmerksam gemacht. Aber als ich das Ding abgesägt hatte, kam ich nicht mal mehr an die Fassung an der Decke ran«, schimpft der
gelernte Leuchtkörper. Dann gibt er sich aber doch versöhnlich: »Na ja, immerhin wurden durch die ganze Aufregung meine Haare lichter.«
»Nun zeig ich Ihnen mal meine neueste Leuchttechnik «, ruft er begeistert. Tatsächlich wird es plötzlich taghell, und für einen kurzen Moment kann man deutlich erkennen, wie Herr Röhre auf der Lehne seines Sessels balancierend mit einer Rohrzange an den frei von der Decke hängenden Kabeln hantiert. Dann fliegt auch schon die Sicherung raus und verhindert Schlimmeres. »Um Gottes willen!«, schreit seine Frau. »Geh nicht ins Licht!«
Panisch zieht sie den Rollladen hoch und lässt die gleißende Mittagssonne den Raum durchfluten. – Scheint so, als wäre noch mal alles gutgegangen. Gregor Füller

 

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