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Unsere Besten
Pistentod trotz Nackenschmerz
Es klingelt, es ist das Festnetztelefon. Ein einfaches Klingeln – wie banal! Würde das Telefon auch nur ahnen, wer sich dahinter verbirgt,
es würde glühen, explodieren oder ejakulieren. Ich hebe ab: Der Telefonhörer fühlt sich trügerisch kühl an, als wisse er nicht, wer am anderen Ende ist. Ich weiß es auch noch nicht und kaue an einem
Donut. Doch dann schießt es mir durch den Kopf wie ein vagabundierendes Karosserieteil mit 250 km/h: ER ist am Apparat. ER atmet souverän, beinahe ohne Anstrengung, die Sprechmuschel kratzt über sein
mächtiges Kinn und ich werde ganzkörperfeucht, als er sagt: »Schumacher.«
Michael Schumacher, 41 Jahre alt, von denen er »sechs Fünftel auf der
Piste« verbracht hat, der letzte deutsche Held nach dem Tod von Rudi Hess, der größte Wagenlenker seit Ben Hur. Michael Schumacher hat meinen Interviewtermin bestätigt! ER hat »ja«
gesagt, dabei nur sanft gestottert und dann aufgelegt. Mir wird schlecht. Ich erbreche den Donut. Als ich ihm vierzehn Tage später dann endlich vor seiner Schweizer Villa gegenübersitze, bin ich
ruhig, konzentriert, professionell. Ich kauere zu seinen Füßen auf der mit malachitenen Intarsien geschmückten Eingangstreppe der Villa. Er selbst steht lieber: »In meinem Job kann ich
noch lange genug sitzen – ob im Fahrersitz oder« – jetzt umspielt ein typisch schumachersches verschwitztes Lächeln seine Kaumuskulatur – »im Rollstuhl, das ist mir
letzten Endes egal!« Ich lache von Herzen über seine lakonische Selbstironie. Er schaut mich verständnislos an, ein Speichelfaden tritt ihm auf die Stirn, und ich begreife: Hier hat nur
einer Humor zu haben. Aber nicht nur ER selbst ist sich der Risiken des Jobs voll bewusst. Schumachers persönlicher Arzt war aus
Sicherheitsgründen gegen dieses Interview – groß ist die Angst, dass bei schwierigen Fragen der Sportjournalisten
die Nacken- und Kopfschmerzen zurückkehren könnten, die Schumis letztem Comebackversuch bei Ferrari ein jähes
Ende bereitet hatten. »Aber Mercedes betreut mich viel besser, ärztlich und finanziell, deswegen klappt’s diesmal
sicher! Die zahlen sogar den Strafzettel, wenn ich privat rase«, freut sich der frischgebackene Silberpfeil. »Und ich
kann keinen Fuß aufs Pedal setzen, ohne dass mir die Ärzte über die breiten, gestählten Schultern gucken – die
wachen echt mit Artusaugen über mich«, plaudert der Kerpener. »Argusaugen!«, gebe ich zwinkernd zu erkennen,
dass ich sein Wortspiel verstanden habe. Und wieder zeigt er diesen vollkommen leeren Blick, der ihn so sympathisch macht.
»Ich fühl’ mich auch ein bisschen wie der kleine Prinz Eisenherz«, gesteht der Tausendsassa nach einer
Gesprächspause von 28 Minuten unvermittelt. »Eins meiner Lieblingsbücher übrigens, weil’s da ja auch um einen Piloten geht!« ER sammelt offenbar nicht nur Autobild in der Bibliothek seiner Villa, sondern auch Kinderbücher und
Softpornos aus der Reihe »Boxenluder geben (kein) Gummi«. Schumacher wohnt gerne hier, wo er in der
Abgeschiedenheit seines 400-Zimmer-Anwesens ein Mensch wie ich und ER sein kann. Laute Schüsse hinter mir
lassen mich kurz aufschrecken, doch Schumi winkt gelassen mit dem Kinn. »Nur Startpistolen! Nebenan auf dem
Genfersee gibt’s Yachtrennen. Langsam, unblutig, voll langweilig!« Währenddessen schleift das Sicherheitspersonal
einen angeschossenen Mann über den Kies rund um das Kirschlorbeerrondell –wohl ein allzu forscher Autogrammjäger
. Also auch hier in der Schweiz scheinen die Menschen ihren »Schümli« zu lieben. Ob es dennoch eine schwere
Entscheidung gewesen sei, seinen Wohnsitz außerhalb Deutschlands zu nehmen, will ich von ihm wissen. »Nö«, antwortet er gut gelaunt, »denn steuern will ich nur im Cockpit!«
Ich lache sehr laut und mitfühlend über den gelungenen Scherz und erkenne beschämt, dass die Schumacher
nachgesagte Humorlosigkeit ein böses Gerücht ist. Hinter dem Helmvisier lauert ein umtriebiger Geist, dem alle
Schleudertraumata und leistungssteigernden Mittel nichts anhaben konnten und der immer auf dem Sprung zur
nächsten Pointe ist. Aber Schumacher ist nicht nur witzig und in seiner Formenstrenge an Heinz Erhardt und
Hölderlin geschult, sondern auch sensibel – das verraten die Tränen aus Champagner, die ihm nach jedem
gewonnenen Rennen die Wangen hinab laufen. Er fühlt Schmerz, hat Angst vor Niederlagen, vor Zurückweisung, vor vorzeitigem Samenerguss und vor dem Fiskus.
Mit sich selbst jedoch ist Schumacher im Reinen. Das wird mir bewusst, als wir den Salon betreten. Ein Meer von
Fotografien ziert die hohen Wände: Schumacher beim ersten WM-Sieg ’94, beim zweiten ’95, Schumacher beim
Reiten, Tauchen, Golfspielen, Schlafen, Schuhe putzen, Schumacher beim Einkaufen, Schumacher beim Betrachten von Fotografien von Schumacher beim Reiten, Tauchen, Golfspielen ...
»Das bin ich«, sagt er, schmunzelnd zwar, aber in ernstem Ton, denn hinter seinen treffenden Sottisen verbirgt sich
auch Melancholie, liegen Nahtoderfahrungen und Fehlinvestitionen in Leipziger Schrottimobilien begraben. Die Frage
drängt sich auf, und ich stelle sie: »Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?« – »Ich bin wahnsinnig stolz auf alles,
was ich erreicht hab’. Ich hab’ Geld, Ruhm, ich hab’ Häuser an Orten, die ich nicht mal buchstabieren kann! Aber das
hab’ ich natürlich nicht allein geschafft. Jeder braucht ’nen Partner, auf den wo er sich verlassen kann, der wo immer hinter ihm steht oder unter ihm liegt.«
Zum Beweis zeigt Schumacher auf ein weiteres Foto, in goldenem Rahmen. »Hier«, murmelt er verträumt, »das ist
der F-310. Du kennst doch ›Knight Rider‹, oder? ›Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht‹? Das ist
auch eins meiner Lieblingsbücher. Und ich bin ein zweiter David Hasselhoff! Nur hab’ ich Benzin im Blut statt 3,5 Promille!«
Ich lache wieder minutenlang, finde dann jedoch den Faden wieder: »Viele träumen davon, wie Sie zu sein. Aber wovon träumt Schumacher?«
Präzise wie ein Kerpener Uhrwerk spult er seinen Plan runter: Das Comeback war 2009 perfekt, jetzt kommt der WM
-Titel im Sommer 2010 und dann der Feuerball-Unfall und Instant-Legendenstatus im Herbst, nach seinem Credo:
»Sicher ins Ziel kommen kann jeder – der Crash begeistert die Leute!« Und er liefert ein Beispiel: »Zwölfter
September – oder war’s der neunte elfte? – Empire State Building! Nach einem sicher gelandeten Flugzeug hätte
doch kein Hund hinter dem Ofen gekräht! Dafür braucht man einen Knall!« Selbstverschuldet endgültig auf der
Strecke bleiben? Will Schumacher so die Kritiker zum Schweigen bringen, die ihm unterstellen, er sei ein Automat, zu perfekt, unfehlbar?
»Weiß Mercedes denn«, traue ich mich kaum zu fragen, »von Ihrem Plan?« »Klar!«, grinst er, »das war ja
Bestandteil der Vertragsverhandlungen. Und wenn schon Unfall, dann mit dem richtigen Marketing! Deswegen planen
wir das sauber, nicht dass zum Schluss nur Matsch im Helm klebt und mich keiner erkennt!« Und nachdenklicher fügt
er hinzu: »Depri-Stories, kleiner Abschiedsbrief, und dann vor einen Zug, der höchstens 140 km/h schafft?! Nichts gegen Enke, feiner Torwart – aber PR-technisch gesehen ein totaler Stümper!«
Plötzlich scheinen sich seine leidigen Kopfschmerzen zu melden, seine mächtigen Glieder zucken impulsiv und stoßen
mich die Freitreppe hinunter. Aber es gelingt ihm, mir noch ein »Servus!« hinterherzurufen – und noch bevor ich unten aufschlage, weiß ich: Schumi ist wieder voll in Form.
Angeley D. Eckardt
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