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VER GEIGT
Adieu, Rieu!
Pünktlich zu jener Jahreszeit, in der
Tröpfcheninfektionen und Spekulatius Hochkonjunktur haben und das Girokonto noch immer an den Folgen der vorjährigen Weihnachtseinkäufe laboriert, taucht
ein Typ wie aus der Schmalzbäckerei auf unseren Bildschirmen auf und verlässt sie erst wieder, wenn die letzten Schneeglöckchen verwest sind, nicht ohne
schreckliche Schlieren in unseren Seelen und auf unseren Mattscheiben zu hinterlassen. So geht das schon ein halbes Jahrhundert lang. Ich kenne ihn aus frühesten Kindertagen. Aber auch mein
Großvater kannte ihn bereits. Er benutzte gern und oft das Wort »Arschgeige« – aber ich wusste nie, wer oder was damit eigentlich gemeint war. Ich schlug im
Lexikon nach, vergebens. Doch eines Tages sah ich IHN! Das heißt, nachdem ich mich in der frühkindlichen Phase dauernd vor ihm im Hühnerstall versteckt hatte,
nahm ich all meinen kleinen Mut zusammen und sah ihm ins Gesicht: diese schreckliche Visage. Und da wusste ich: Das ist dieArschgeige, der Prototyp derArschgeige, das Original!
Die Rede ist von André Rieu, dem ebenso filz- wie langhaarigen holländischen Fiedler mit der brutal geschürzten Unterlippe, der aufgrund seiner Präsenz und Penetranz im Fernsehprogramm zwischen der
Oktoberrevolution der Volksmusik und dem kleinen Lord nicht mehr wegzudenken ist. Kein Einzelkünstler verzeichnet mehr Primetime-Sendezeit als dieser
niederländische Yeti, dieser Terrorist der guten Laune, und er müsste mittlerweile, gemästet aus GEZ-Töpfen, Multi-Milliardär sein.
Und so sieht er aus, der alljährliche christkindlselige Arschgeigenalarm, so geht er uns auf die marzipanprallen
Schoko-Eier: »Vorweihnachtszeit mit André Rieu«, »Wenn das erste Lichtlein brennt – brennt auch André Rieu«,
»Besinnliches im Kerzenschein mit André Rieu«, »Noch viel Besinnlicheres mit André Rieu«, »AdventstürchenöffnenmitAndré Rieu«, »After Lametta Party mit André Rieu«, »Germanische Sonnenwendfeier mit
André Rieu«. Wer hat den bestellt? Warum fiedelt der nicht auf den Fluren von holländischen Abtreibungskliniken »Muss I denn …« oder »Abschied ist ein scharfes Schwert«?
Sehr viele Menschen leiden am Jahresende unter depressiven Schüben, was der Volksmund gerne als den
Novemberblues bezeichnet. Dieser Blues soll vom fehlenden Sonnenlicht ausgelöst werden. Verhaltensforscher und
Pharmavertreter hingegen gehen da noch ein Stück weiter. Der Novemberblues sei eine archetypische Erkrankung,
da unsere Urahnen sich immer dann unwohl in ihrem Bisonfell fühlten, wenn die Zeit der saftigen Wiesen,
sprießenden Pflanzen und fetten Subventionen vorbei war. Der jeweils kommende Winter bedeutete Hunger, Tod
und Verzweiflung, da viele Beutetiere die eiskalte Jahreszeit verpennten und auch für Vegetarier dann Schmalhans Küchenmeister war.
Was die Anthropologen jedoch übersehen haben, ist die ungeheure biosoziale bzw. psychopathologische, pünktlich
nach dem Erntedankfest einsetzende Wirkung von André Rieu und seiner grauenvollen Schlittenpolka: Das Blut
gefriert, der Kreislauf funktioniert nur noch in der überlebenswichtigen Kernzone des Körpers, der Patient übergibt
sich und halluziniert grauenvoll. Die Suizidrate steigt, Kinder und Haustiere werden misshandelt und Heimbewohner stellen die Nahrungsaufnahme ein. Alles wegen Rieu!
Ach, wenn es doch rasch vorbeiginge. Doch der Künstler, samt geigender und pfeifender Sturmtruppe mit den
irritierend fröhlichen Gesichtern, ist hartnäckiger als ein Grippevirus. Und kaum glaubt man ihn hinter sich gelassen zu haben, kommt ein neuer Schub mit Hitzewellen und Schüttellähmung.
Wenn der wirklich so viel Quote macht, weswegen er öfter in ARD und ZDF zu sehen ist als Pilawa und Hitler, warum
ist der dann noch nicht bei RTL und kommentiert dort mit Showgrößen wie Christian Neureuther und Rosi Mittermaier
»Die 100 schlimmsten TV-Frisuren« (ein Top-Ten-Platz wäre demZottel sicher) oder »Die 100 nervigsten Ausscheidungen«?
Man sollte dem Herrn Intendanten, der für diesen völkerfeindlichen Kulturaustausch zwischen Holland und
Deutschland verantwortlich ist, mal kräftig den Radetzky-Marsch blasen. Und wollen wir doch auch mal solidarisch
sein: Wir haben genug musikalische Gaudi mit André Rieu genossen! Wir können auch mal eine Weihnacht aussetzen.
Wie wäre es mit den Menschen im Gaza-Streifen oder in der afghanischen Selbstmordattentatszone? Oder in den
mittelafrikanischen Dürre- und Hungergebieten und südostasiatischen Tsunamizentren? Auch die sollten einmal mit
André Rieu schunkeln und erkennen dürfen: Das Elend ist doch gerecht verteilt auf dieser Welt. Rolf Schilling
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