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 DAS SATIREMAGAZIN - Unbestechlich, aber käuflich!

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65 PLUS

Krieg in der Küche

Das Schöne an unserer Altherren-Skatrunde ist: Wir vier haben keine Geheimnisse voreinander, sprechen ganz offen über alles. Und dass wir in unseren Ansichten meistens vollkommen übereinstimmen, ist der Harmonie sehr bekömmlich, besonders in unserer geistig anspruchsvollen »Gehobenen Stunde«, die jeden Skatabend beschließt und die immer dann anbricht, wenn sich im Spiel die Fehler häufen, wenn falsch bedient wird und die Skatkarten beim Whiskytrinken zu stören beginnen.
Das letzte Mal hatte Schorsch die »Gehobene Stunde« mit gehobenen Gläsern und einer Frage eingeleitet, die für meine Begriffe das übliche Niveau unserer Disputationen deutlich unterschritt. »Haben unsere Frauen versagt?«, wollte er mit uns erörtern. Heinrich verlangte umgehend, das Fragezeichen zu streichen, noch bevor Schorsch erläutern konnte, was er meinte: »Kann es sein, dass Frauen gar nicht können, was sie sich seit Jahrhunderten anmaßen – einen Haushalt führen? Gibt es eine strukturelle weibliche Unfähigkeit zur Planung und Leitung der Hauswirtschaft?«
Das Problem schien mir banal und eines philosophischen Diskurses unwürdig, aber Heinrich stieg sofort darauf ein, und Anton natürlich auch, ihm ist nichts zu platt. Wenn es gegen die Frauen geht, steuert er gerne sein Scherflein bei; er hat es mit Hildchen auch besonders schwer.
Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich die gesellschaftliche Sprengkraft des Themas unterschätzt hatte. Das Unvermögen der Frauen beschäftigt weit mehr Menschen, als ich dachte. Nach einer Blitzumfrage in unserer Skatrunde leiden bis zu 100 Prozent der Männer darunter!
Die Sache ist doch die: Nach 30 oder 40 gemeinsamen Jahren glauben die meisten Ehemänner, in einer stabilen Beziehung zu leben. Uns ging es nicht anders. Heute wissen wir: Die wahre Bewährungsprobe stand noch bevor! Sie kam, als wir in Rente gingen. Plötzlich entdeckten wir, was bis dahin total an uns vorbeigegangen war: den Haushalt. Ein Geschäftsfeld, das unsere Frauen für sich beansprucht hatten, obwohl ihnen, wie sich nun zeigte, wichtige Voraussetzungen dafür fehlten. Unsere Analyse förderte erschreckende Mängel zutage. In allen unseren Familien waren Zeit, Geld und Ressourcen verschleudert worden, und zwar in Größenordnungen, wie wir zu sagen pflegten.
Schorsch fasste seine Erfahrungen so zusammen: »Ich hatte nicht die geringste Ahnung, in welch katastrophalen Verhältnissen ich über 40 Jahre gelebt habe.« Ähnliche Enthüllungen blieben auch uns anderen nicht erspart. Eine Erblast des real existierenden Sozialismus: Bis mit unserer Pensionierung die Wende kam, konnten unsere Frauen, wie sie es in der DDR gelernt hatten, vor sich hin wurschteln, die Realitäten verschleiern, die Misswirtschaft hinter Phrasen und Schönfärberei verbergen.
kuecheUnd sie zeigen bis heute wenig Reue, von Demut ganz zu schweigen. Auf ihre Entschuldigung warten wir immer noch, sogar die PDS war schneller zur Buße bereit. Statt unsere Hilfe dankbar anzunehmen, gaben sich unsere Eheweiber bockig und versuchten ihre chaotische Haushaltführung zu verteidigen. Mit aller Kraft wehrten sie sich gegen den Führungswechsel im Haus. Und ganz geschafft haben wir ihn bis heute nicht, vor allem Anton hat wohl schon aufgegeben.
Trotzdem, die ersten Wochen als Rentner waren eine interessante, eine spannende Zeit. Toll sei es gewesen, schwärmte Heinrich, als er bei seinen Expeditionen durch das eigene Haus rauskriegte, wo das Bügelbrett stand, in welchem Schrank sich die Suppenteller verbargen und wo das Toilettenpapier lagerte. Und was alles er dank ausgiebiger Lektüre schon über Geschirrspüler wusste, bevor er ihn überhaupt bedienen konnte! Als ihm seine Frau dann die einzelnen Knöpfe und ihre Handhabung erklärte, belehrte er sie im Gegenzug darüber, was sie alles falsch gemacht hatte: Die Maschine war meist nur suboptimal gefüllt, gelegentlich sogar falsch bestückt worden (hölzerne Kochlöffel!). Das saß! Mit so viel Sachverstand hatte seine Frau nicht gerechnet. Seitdem hat sie den Geschirrspüler nie mehr angerührt. Selbst mit den Schränken für Teller, Tassen und Töpfe, mit der Gläservitrine und dem Gewürzregal, die Heinrich neu, nämlich nach männlicher Logik geordnet hat, tat sie sich anfangs schwer.
Die Rechtfertigungsversuche unserer Frauen waren so rührend wie unbedarft, sie liefen stets auf dasselbe hinaus: »Das haben wir doch immer so gemacht!« Als könnte man nicht jahrzehntelang immer die gleichen Fehler machen. Bei Frauen kommt so was vor. Auch mir drängten sich viele Fragen auf, als ich unseren Haushalt gründlich inspizierte und die Abläufe von der Beschaffung bis zur Entsorgung durchleuchtete. »Warum wird bei uns die Wurst grün, der Käse oft schimmelig, ist das ein unvermeidlicher biochemischer Prozess?«, fragte ich meine Frau, die natürlich wissenschaftlich überfordert war. Warum läuft unsere Waschmaschine jeden Tag? Wieso steht das Fleckenwasser bei den Putztüchern und nicht bei den Haushaltchemikalien, die – um auch das gleich noch zu sagen – dringend neu sortiert werden mussten: Wasch- und Spülmittel auf der einen, sonstige Reinigungs- und Pflegemittel auf der anderen Seite.
Gewiss, auch uns sind anfangs Fehler unterlaufen. Seitdem Schorsch zum ersten Mal die Waschmaschine in Betrieb genommen hat, besitzt die Familie keine weiße Unterwäsche mehr. Sie hat jetzt einen anmutigen Stich ins Violette. Aber was ist das gegen die Einsparung an Waschpulver und den Verzicht auf Weichspüler?!
Anton, der die Morgen- und Abendtoilette seiner Brunhilde unter die Lupe genommen hatte, beklagte die sinnlose Verschwendung von Trinkwasser. Beim Zähneputzen lief Wasser, beim Schminken lief Wasser, beim Duschen lief Wasser. Und dazu noch ihre Wannenbäder! Immerhin hat Hildchen Lehren aus seiner Kritik gezogen. Neuerdings zwingt sie Anton, jedes Mal nach ihr in die Badewanne zu steigen – zur Zweitnutzung des wertvollen Wassers.
Gemäß der alten Kaufmannsregel, dass der Gewinn im Einkauf liegt, haben Schorsch und ich mit Rentenbeginn den Besuch im Supermarkt in unsere bewährten Hände genommen. Dem voraus geht eine exakte Ermittlung des Bedarfs nach dem Grundsatz: lieber ein bisschen hungern, als Lebensmittel vergammeln lassen. Das haben wir seit der Nachkriegszeit intus. Vorbei ist es mit der Unsitte unserer Frauen, planlos durch den Markt zu streifen und alles in den Korb zu werfen, was man vielleicht irgendwann mal gebrauchen könnte. Sinnlos überfüllte Keller und Speisekammern waren die Folge.
 Damit haben wir Schluss gemacht. Aber Vorratswirtschaft betreiben wir natürlich auch, unsere Lagerräume sind sogar noch voller als vorher – ein Ergebnis kühler strategischer Überlegung: Schorsch hat nämlich genau so wie ich das Vertrauen in den Staat verloren, wir rechnen mit Hyperinflation und Staatsbankrott, dem Zusammenbruch des Systems und damit auch der Versorgung. Dann, sagten wir uns, muss man wenigstens drei bis sechs Monate überstehen. Wir sind darauf vorbereitet: Im Tiefkühlschrank wartet ein Schwein (tranchiert) auf den Tag X, außerdem stehen immer zwei bis drei Zentner Kartoffeln parat, ebenso ein Sack Reis, ein Sack Mais und je ein Sack Weizen und Roggen nebst einer neuen Getreidemühle.
Unsere Frauen haben uns für verrückt erklärt, was – nebenbei bemerkt – aus dem Munde von haushälterischen Chaotinnen nicht sonderlich überzeugend klang. Männer, die ihrer Zeit voraus waren, sind oft verkannt worden.
Unsere Ehen mögen zerrüttet sein, aber den Haushalt haben wir im Griff. Und das ist schließlich das Wichtigste.

Enno Prien
Zeichnung: Peter Muzeniek


Kind & Kirche

Geist ist geil!

Mit meinen Nichten kam ich neulich auf dem Weg zum Kiosk (der Kleinen stand der Sinn nach Naschzeug, der Größeren nach einer Pferdezeitschrift) an der Kirche vorbei. Das Portal zierte ein großes, violettes Pappschild mit der Aufschrift »Geist ist geil«.
Neugierig geworden, wie sich die blanke Geilheit nun auch in der Kirche niederschlägt, las ich, dass es sich um einen Familiengottesdienst mit anschließender Feier handele, am nächsten Sonntag um 10 Uhr. Mädchen dürften ihre Barbiepuppen mitbringen, die dort getauft würden. Jungs dürften bei »Haut den Lukas « mit dem Hammer einen Heiligen desselben Namens vermöbeln, und Frauen könnten sich in Erziehungsfragen Rat bei der »Supermary« holen, einer theologischen Supernanny, die als Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, verkleidet sei. Für Männer gab es Kelchsaufen zu einem zivilen Literbierpreis. Wir beschlossen, uns das Spektakel mal näher anzusehen.
Punkt 10 Uhr war die Kirche das, was sie sonst nur zu Weihnachten ist: rappelvoll. Mit Mühe ergatterte ich drei Plätze im Seitenschiff. Zu Anfang sang der Frauenchor ein modernes Kirchenlied, bei dem alle mitmachen durften. »Schaut, ich sitz im Rollstuhl, weil Gott mich liebt, und mir statt der Beine nun zwei Räder gibt.« So ging die erste Strophe, und dazu wurde ein Rollifahrer im Kreis um den Altar geschoben. Bei den anderen Strophen durften ein Kind mit Down -Syndrom, von der Katechetin liebevoll »Downy« genannt, und ein Blinder mitmachen, und ganz zum Schluss kam ein Mann. Bei der Strophe »Ich vernasche Kinder, weil Gott mich liebt, und er mir ja immer nur kleine Sünder gibt« schunkelten viele begeistert mit.
Die anschließende Barbietaufe wurde vom Pastor höchstpersönlich vorgenommen. Ein kleiner Junge kam ganz zum Schluss noch nach vorne, um seinen Hamster auf den Namen DJ Bobo taufen zu lassen. Leider entglitt der DJ der Hand des Pastors und fiel ins Taufbecken. Der Pastor konnte kein Wunder an der Kreatur vollbringen, schlaff hing der Nager auf seinem Arm und der Junge heulte. Der Pastor sagte, wenigstens sei das Tierchen nicht namen- und gottlos verschieden, und dann meinte er zu dem Jungen, er dürfe jetzt zusammen mit dem Pastor für den Hamster beten oder ein Lied singen. Der Junge wusste keins. Ein älterer Mann schlug »Frau Wirtin hat auch einen Hamster« vor, aber der Junge wollte was mit Gott. Schließlich sangen wir »Herrn Pastor sien Kauh« für den Hamster, denn da kommen ja auch Tiere drin vor.
Anschließend durften auch die Erwachsenen nach vorne kommen und Gegenstände nach eigener Auswahl segnen lassen. Der Pastor legte seine Hände auf Brieftaschen, Selbstschussanlagen, Putzfrauen, Bierflaschen, kostbare Viagradöschen, Vaterschaftsklagen, Pelzmäntel, Behördenbriefe und Autoschlüssel, Aktienpakete sowie Räumungsklagen. Ein Bordellbesitzer ließ zwei seiner Girls vom Babystrich segnen und sagte, er wolle die auch gleich zum Konfirmandenunterricht anmelden, wo er schon mal da sei, damit sie einen Sinn im Leben fänden und nicht immer nur an das eine denken würden, nämlich Geld.
Meine Nichten erfüllten dann beim Hauen des Lukas die Frauenquote. Der Lukas war übrigens echt: Es war der bildhübsche zukünftige Diakon gleichen Namens, der angesichts dieser Übung seine Duldsamkeit und Zähigkeit, ja seine Hingabe zur großen Gemeinschaft der Kirche unter Beweis stellen durfte. Die Männer hatten sich mittlerweile zum Kelchsaufen neben dem Taufbecken versammelt. Sie hatten schon einiges geschluckt, und die Blasen drückten. In manchen Kirchen gibt es sonderbarerweise keine Toiletten, die doch in jeder Eisdiele Vorschrift sind. In den Kirchhof austreten gehen verbot sich bei einem Familiengottesdienst allerdings auch. So mutmaßte die Küsterin bald laut, das Taufbecken sei missbraucht worden und verlangte die Hälfte der Kollekte als Entschädigung. Sie kriegte sich gar nicht wieder ein.
Ich selber suchte Rat und Hilfe bei der Supermary. Von ihr wollte ich endlich wissen, was sie angesichts der Quengelware an der Kasse des Supermarktes täte: Immer wieder verlangte meine Nichte hier nach fünf Bonbons zum Preis von zehn, Handytaschen zum Aufblasen oder Stirnbändern mit batteriebetriebenen Leuchtsternen.
Supermary sagte, ich solle mir das Ganze als eine Prüfung vorstellen, die Gott der Herr mir Sünderin auferlegt habe. Ich sagte, so viel hätte ich in meinem Leben nicht gesündigt. Da hatte sie Mitleid mit mir und schlug vor, ich solle mein in der Schlange stehendes Kind zum Gebet ermuntern, mit gefalteten Händen würde es keinerlei Ware mehr anfassen können. Tolle Idee, dachte ich, Geist ist eben doch geil!
Ich versuchte beim nächsten Wochenendgroßeinkauf den Rat der Supermary, der so kongenial Glaube und Leben in sich vereinigte, zu beherzigen, und lud die Nichten an der Kasse mit den Worten »Lasset uns beten!« zum Gebet ein. Ich war vielleicht etwas zu laut, denn die Kassiererin an der Schnellkasse fiel in ihrem Koben sofort auf die Knie, wie in einer Kirchenbank. Die kleinere der Nichten trat auf das Regal zu, faltete ganz reizend ihre Hände so fest sie nur konnte – und zwar um eine der aufblasbaren Handytaschen – und bewegtemit entrücktemBlick die Lippen. Ich hörte genau, was sie wisperte: »Die will ich, die will ich!« Hätte ich ihr das Ding entrissen, wäre es womöglich kaputtgegangen.
Zähneknirschend zahlte ich das Teil. »Amen«, frohlockte das Kind, nahm die Tasche und legte sie in den Einkaufswagen. Frauke Baldrich-Brümmer


ETHIK DEBATTE

Impf oder stirb trotzdem!

Der Herbst ist da, und die Vorfreude auf die bevorstehende zweite Schweinegrippewelle steigt ins Unermessliche. Experten zeigen sich optimistisch und schätzen die Anzahl der bald Infizierten vorsichtig auf zig Millionen. Andere halten das noch für untertrieben. Möglicherweise könnten Impfungen eine Lösung sein, aber die Vorräte sind nicht unendlich – da muss man sich die Frage nach der Priorisierung stellen. Und weil in der Bundesrepublik traditionell alles im Konsens der gesellschaftlich relevanten Gruppen entschieden wird, haben wir die wichtigsten davon angeschrieben und sie gefragt: Welche Bevölkerungsgruppe sollte bevorzugt mit Impfstoffen versorgt werden? Die Antworten waren interessant und aufschlussreich, ein Konsens scheint allerdings nicht in Sicht.

Die schnellste Antwort erhielten wir vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der uns Folgendes mitteilte:
»Vielen Dank für Ihre Anfrage. Die von Ihnen aufgeworfene Problemstellung hat auch uns in letzter Zeit sehr beschäftigt und zu lebhaften Diskussionen angeregt. Dabei sind wir einstimmig zu folgendem Beschluss gelangt: Das Rückgrat unseres Landes sind seine Arbeiter und Angestellten. Ohne sie und ihre tägliche harte Arbeit gäbe es weder einen produzierenden noch einen Dienstleistungssektor, und was bliebe dann noch? Das Wohl der arbeitenden Bevölkerung ist also praktisch identisch mit dem Wohl unseres Landes, und das Wohlergehen der arbeitenden Bevölkerung ist traditionell die vordringlichste, wenn nicht einzige Aufgabe der Gewerkschaften, die sich im DGB zusammengeschlossen haben, dessen Aktionsfähigkeit wiederum in höchstem Maße vom Funktionieren seines Vorstands abhängt. Notwendige Bedingung für dieses Funktionieren ist Gesundheit. Deshalb fordern wir zum Wohle unseres Landes: Impfungen zuallererst für den DGB-Bundesvorstand!« Nur einen Tag später erreichte uns das Antwortschreibendes schweinegrippe1Bundestagspräsidiums:
»Die Bundesrepublik Deutschland ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Nach vielen hundert Jahren voller Krieg, Not und Hunger, nach den schrecklichen Erfahrungen von Diktatur, Holocaust, Mauer und Stacheldraht sind wir glücklich, heute in der bestmöglichen aller Welten leben zu dürfen, in einem Land, dessen freiheitlich -demokratische Grundordnung allen Menschen (darunter auch den Frauen) die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit garantiert und ihnen Chancen eröffnet, von denen vorangegangene Generationen nur träumen konnten. Aufrechterhalten wird dieses großartige System durch die weisen Entscheidungen der gewählten Vertreter des Volkes, die Tag für Tag den Willen der Wählerinnen und Wähler mit ruhiger, aber fester Hand in Gesetze gießen, die uns sowie unseren Kindern und Kindeskindern ein Leben nach unserer Vorstellung ermöglichen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn diese Institution krankheitsbedingt oder als Todesfolge lahmgelegt würde. Wem Freiheit, Demokratie und Menschenrechte am Herzen liegen, der muss daher fordern: Impft zuerst die Parlamentarier! Und dann sehen wir weiter.«
Als nächstes traf der Brief des Deutschen Journalistenverbands
ein. (Anmerkung der Redaktion: Zur besseren Lesbarkeit haben wir die Rechtschreib- und Grammatikfehler z.T. beseitigt, der Wortlaut entspricht dem Original.)
»Liebe Mitkollegen! Wir Journalisten sind die vierte Gewalt im Staate und daher besonders wichtig. Ganz im Gegensatz übrigens zu diesen Bloggern, die ja wohl keiner ernstnehmen kann! Überhaupt ist das Internet sehr gefährlich, das sollte dringend mal einer verbieten! Schweinegrippe ist auch sehr gefährlich, das haben wir selbst investigativ recherchiert. Ausgelöst wird sie von Viren oder Bakterien oder jedenfalls ganz kleinen Tieren. Anschließend muss man sterben. Aber: Wenn der Doktor eine Spritze gibt, dann nicht. Das alles haben wir unabhängigen Journalisten herausgefunden. Als Dank dafür sollten wir auch eine Spritze bekommen.«
Die Stellungnahme der Vereinigung der Vertragsfußballspieler lautet wie folgt:
»Die Schweinegrippe macht den Menschen Angst. Die tägliche Furcht davor, selbst zu erkranken, birgt die Gefahr, keinen Spaß mehr am Leben zu haben und depressiv zu werden. In solchen Situationen ist Ablenkung enorm wichtig, zum Beispiel durch ein gutes Fußballspiel. Wer im Fernsehen junge, gesunde Männer sieht, die sich in rasanten und spannenden Spielen harte, aber faire Duelle liefern, der gewinnt vielleicht auch für das eigene Leben wieder ein wenig Hoffnung. Insofern würden alle Deutschen davon profitieren, wenn Bundesligaspieler bevorzugt geimpft würden.«
Mit weitem Abstand als letzte und gerade noch kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Antwort der
Deutschen Bischofskonferenz. Dafür gab es übrigens eine einfache Erklärung: Der Brief ging zunächst zurück an den Absender, da man im Vertrauen auf Gott die Briefmarke weggelassen hatte. Beim zweiten Versuch kam er dann aber bei uns an.
»Mit brennender Sorge um unsere Brüder und Schwestern in diesem Lande und anderswo verfolgen wir derzeit die Meldungen über die sogenannte Schweinegrippe, deren Bezeichnung wir übrigens für völlig verfehlt halten, denn schließlich befällt die Krankheit ja keineswegs nur Moslems. Nach langen Gesprächen und Gebeten sind wir schließlich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei den sogenannten ›Impfstoffen‹ um Erzeugnisse des Aberglaubens handelt , zusammengebraut von gottlosen Alchimisten und vertrieben von gewinnsüchtigen Konzernen ohne Respekt vor der Schöpfung. Wir fordern die Bevölkerung daher auf, der Grippe optimistisch entgegenzugehen: Was auch immer geschieht, es wird der Wille des Herrn sein. Des Weiteren fordern wir die Vernichtung sämtlicher ›Impfstoffe‹, deren Existenz die Menschen in Versuchung bringt und ihre Seelen unrein werden lässt. Um sicherzugehen, dass das Teufelszeug auch wirklich restlos verschwindet, erklären wir uns aus einem tiefen Gefühl der Verantwortung für jegliche Kreatur heraus dazu bereit, die Vernichtung selbst zu übernehmen, und fordern daher die schnellstmögliche Zusendung an unsere Zentrale in Berlin.« Christian Kandeler


Autodidakten

Genau so klingt Sex!

Leider profitieren vom wissenschaftlichen Fortschritt nicht nur rechtschaffene Bürger, sondern auch jene Wesen, die anstelle eines funktionierenden Gehirns widerwärtige Eiterkrater zur Zierde tragen: Jugendliche. Diese zum Bersten gefüllten Hormonbomben waren bis in die 90er Jahre vor große Probleme gestellt: Zum einen mussten sie erotische Aufnahmen von Teenie-Idolen wie Nena Kerner ausfindig machen, und zum anderen eine noch unklebrige Tennissocke. In den allermeisten Fällen war die Kombination dieser beiden Aufgaben nahezu unlösbar, der Jugendliche war rund um die Uhr beschäftigt und in seiner emsigen Ruhelosigkeit für seine Mitmenschen unsichtbar.
Diese für Erwachsene segensreiche Epoche war mit der Erfindung des Internets jäh beendet. Von nun an war Pornografie für Jugendliche am Computer frei zugänglich und Ejakulat konnte bequem auf der Tastatur abgeladen werden. Ihre durchschnittlichen 20 bis 30 Masturbationen am Tag konnten die Heranwachsenden jetzt in viel kürzerer Zeit erledigen. Zeit, die sie fortan nutzten, um die restliche Menschheit, vor allem aber ihre Eltern, zu drangsalieren. Verantwortungsvolle Väter und Mütter sollten deshalb schon aus Gründen der Notwehr den Internetpornokonsum ihrer Sprösslinge bekämpfen:

geilste_mamaDer klassische Ansatz
Manchmal lohnt ein Blick zurück in die Vergangenheit,
um Lösungen für derzeitige Probleme zu finden. Sicherlich können wir die Zeit nicht so weit zurückdrehen, dass die freien Online- Sex-Angebote, die wir Erwachsenen nicht einmal kennen, einfach wieder verschwinden. Gegen solch ein Vorgehen würden sich Youporn, Redtube, Elephantlist und Sex1tv auch wehren. Auch Sex.com, Kinclip und Pornflag wären überaus erbost.
Allerdings können wir schon viel erreichen, wenn wir uns auf die althergebrachten Tugenden früheren familiären Zusammenlebens besinnen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wirkten die gefestigten Familienstrukturen mäßigend auf Jugendliche. Viele blicken warmen Herzens zurück: Auf das Bild der geliebten Mutter, ihr vertrautes, mildes Lächeln, welches die unermüdlichen Rohrstockhiebe begleitete, die fest und stetig jene bösen Finger trafen, die trotz gegenteiligerAnweisung nicht über der Bettdecke blieben. Wer ist nicht zu Tränen gerührt bei dem Gedanken daran, wie diese herzensgute Frau sich nicht zu schade war, die resultierenden offenen Wunden der zarten Kinderhände untermitfühlend reibenden Bewegungen mit Kuhdung zu verfüllen, auf dass sie sich entzündeten und Narben hinterließen, die ewig zur moralischen Besserung gemahnten?!
 Eine exakte Eins-zu-eins-Übernahme dieser Methode auf die heutige Zeit ist natürlich kaum praktizierbar. Halsbänder, die elektrische Stromstöße bei sexueller Erregung ausstoßen, dürften aber genauso positiv auf junge Menschen wirken.

Der funktionalistische Ansatz
Die pornografischen Verlockungen des Internets
sind für dumpfe pubertäre Gemüter enorm. Doch wer diese sexuellen Verheißungen überschätzt, ist ebenso auf dem Holzweg. Man muss den Alltag der Jugendlichen nur entsprechend gestalten, ihnen Alternativen zur Onanie anbieten und sie fordern, damit sie sich von der Geißel Internetpornografie lösen können. So eine Gestaltung geschieht am besten durch tägliche, körperlich zehrende Fronarbeit in den geordneten Bahnen einer Kindergulag-Einrichtung.
Dort lernen die jungen Menschen nicht nur selbstverantwortlich ein Leben in Sklavenarbeit zu führen, sie können sich auch zum ersten Mal als gesellschaftlich nützlich erweisen durch ihre Mitarbeit an hochwertigen Produkten wie Plastikpalmen, Plastikbesteck und plastischem Plastikplastik aus Plastik(-imitat).
Andere Länder sind dank dieser Methode imKampf gegen pornokonsumierende Minderjährige schon weiter. Oder hat man jemals etwas von diesbezüglichen Problemen in Indien gehört? Na also!

Der psychologische Ansatz
Empathie ist ein wesentlicher Baustein,
um die Diskrepanz zwischen angenehmen und unangenehmen körperlichen Funktionen zu verdeutlichen. Toleranz und moderne Aufgeklärtheit zu heucheln ist die beste Waffe im Kampf gegen die ersten autosexuellen Schritte. Man kann dem Nachwuchs beispielsweise erklären, dass man dessen Faible für die Darstellung von Analverkehr durchaus teile, dass dieses Interesse allerdings nach der ein oder anderen Hämorrhoiden -Geschichte und anhaltend hartnäckigen Verstopfungen verblasst sei. Die Brut wird sich nie wieder entsprechende Szenen anschauen können, ohne an die detaillierten Ausführungen, insbesondere die schmerzvolle Verödung mittels Lasertechnik, und die Entfernung ausgerechnet der elterlichen Analfistel zu denken.
Ebenso sollte die Kraft der Fantasie genutzt werden, denn egal was die juvenilen Masturbanten bereits im Internet gesehen haben, viel impressiver als die Realität ist immer noch die Vorstellungskraft. Man sollte im Gespräch mit seinen Schützlingen z. B. sexuelle Geräusche mit jenen vergleichen, die entstehen, wenn ein Hund in einer Gartenhecke einen Igel aufspürt und hineinbeißt. Ein Zahn dieses Hundes ist vereitert, hängt nur noch an einem faulen Stück Fleisch, und ein schmutziger Stachel des Igels trifft genau den Herd dieser Entzündung. Genau so klingt Sex! – Dieses Bild dürfte sich leicht in die Seelen der Kleinen brennen.

Es spielt keine Rolle, welchen Ansatzes sich sorgende Eltern bedienen. Wichtig ist nur, dass Heranwachsenden die Lust auf Pornos genommen wird. Am besten so weit, dass dadurch jegliche sexuellen Bedürfnisse zum Erliegen kommen. Nur so können liebende Eltern ihre Schützlinge vor der größten Strafe bewahren: eigene wichsende Kinder.

Andreas Koristka / Zeichnung: Peter Thulke

 

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