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Sieben Tage, die die Mark erschütterten
Potsdam
(von unserem Augenzeugen). Heute bietet Potsdam ein Bild des revolutionären Friedens. Der Regen hat das Blut von den Straßen gespült. Die Barrikaden sind fast alle beseitigt und liegen als Müllhäufchen am Straßenrand, eine Aufgabe für die revolutionären Stadtwerke. Es herrscht Ruhe, tiefe Ruhe: Der Rat der Volkskommissare hat alle Spritreserven konfisziert, zum Schutz der noch jungen Volksdemokratie.
Doch ruhig wird es nicht bleiben, weiß das Volk (»Anklagen ist gut, hinrichten ist besser!«) aus leidvoller
Erfahrung. Die Konterrevolution schläft wahrscheinlich nicht. Die Regierung hat sich sicherheitshalber auf dem Brauhausberg verschanzt, wo einst der sogenannte Landtag untergebracht war.
Seit sechs Tagen bewachen revolutionäre Truppen – Minderjährige aus der bis vor kurzem verächtlich so genannten »Unterschicht« sowie SchülerInnen der städtischen Musikschule –
den Kreml (so heißt das Gebäudewieder) und halten sich an der Kantine der früheren Staatskanzlei (»Gourmet-Tempel«)
schadlos.
Schon am ersten Tag erließ der Rat der Volkskommissare, getreu dem Lehrbuch »Die Aufgaben der Sowjetmacht«,
zwei Dekrete: »Über die Sicherung der Grenzen und des Friedens« und »Über die kreisliche Pilzberatung« (die war
vom bürgerlichen Regime in einem Willkürakt abgeschafft worden). Da war es fast nur noch eine Fußnote der
Geschichte, dass Brandenburg seinen Austritt aus der BRD erklärte. Potsdam bot der Bundesregierung an, gegen
eine monatliche Zahlung von einer Milliarde Euro auf den Export der Revolution vorerst zu verzichten. Die Bundesregierung, die über Tegel nach Bonn ausgeflogen ist, will es sich überlegen.
Am zweiten Tag schliefen die Volkskommissare aus und beteiligten sich dann solidarisch an einer Leserwanderung
des »Neuen Deutschland « in die Spandauer Zitadelle, an der Landesgrenze vom Ersten Berliner Volkskommissar Wowereit mit Bruderkuss begrüßt. Am dritten Tag von 8 Uhr bis 8.30 vereinigten sich SPD und Linke in der Mark zur »Vorwärtsgerichteten
Volkspartei«. Volkskommissarin Kerstin Kaiser kündigte an, ihren alten IM-Namen als Kampfnamen wieder
anzunehmen und sich künftig die »rote Katrin« nennen zu wollen. Matthias Platzeck, dessen Vorname »Geschenk
Gottes« bedeutet, legte diesen notariell nieder und nennt sich nun David (der Geliebte). Volkskommissar für
Innereien, Rainer Speer, nennt sich Genosse Kolabua, was aus dem Singhalesischen stammt und liebevoll mit »Genosse Breitarsch« übersetzt wird. Auch die übrigen Parteien sortierten sich. Die FDP versprach den
revolutionären Massen feierlich, konstruktiv an einem niedrigeren, gerechteren und einfacheren Gebühren- und Abgabensystem (einschl.
Solispenden für Baden-Württemberg) mitzuwirken. Die Grünen wollen sich am Programm »Schöner unsere Vorgärten und Kundgebungsplätze« mit
geeigneten Geräten beteiligen. Und die CDU will wieder im Block der demokratischen Kräfte für Flötenkonzerte und Gottesbezug sorgen. Der vierte Tag: Hugo Chávez besuchte Potsdam, erkannte die neue Regierung diplomatisch an und versprach Erdöl für jedermann in
handlichen 5-Liter-Kanistern. Das PCK Schwedt trägt jetzt seinen Namen. David Platzeck kündigte die Nationalisierung der brandenburgischen
Schlüsselindustrien an, bis ihm jemand sagte, dass es die schon lange nicht mehr gibt. Schlösser und Herrenhäuser wurden durch revolutionäre
Kommandos besetzt. Dort sollen Sanatorien eingerichtet werden, bis die Schweinegrippe endgültig besiegt ist. Das Dekret Platzecks, die von den
Kirchen geraubten Güter in die Hände des Volkes zurückzulegen, stieß auf schärfsten Protest des Papstes und der evangelischen Bischöfe.
Daraufhin ernannte die Regierung Joachim Gauck zum Intendanten der brandenburgischen Staatskirche. Dieser sei zwar in das alte Regime verwickelt gewesen, habe aber niemandem geschadet und eine zweite
Chance verdient. Am fünften Tag des nunmehr gültigen Revolutionskalenders beschlossen die Kommissare, dass die künftig im Land Brandenburg gezahlte
Durchschnittspension für Beamte nicht mehr das Vierfache, sondern nur noch das Doppelte der Durchschnitts-Altersrente betragen darf. Daraufhin sammelten sich Beamte des alten Regimes zu wütenden
Protesten unter dem Motto »Schon wieder raubt man uns das letzte Hemd«. Platzeck verbot die Anwendung der Schusswaffe gegen die Demonstranten, was in Oslo, wo schon öfter ein Friedensnobelpreis
verliehen wurde, aufmerksam registriert wurde (die Ewiggestrigen wurden lediglich verprügelt). Den Höhepunkt der Ppularität erreichte die neue Regierung, als sie am sechsten Tag unter dem Motto »Wir sind die Bevölkerung« die Privatsperranlagen am Potsdamer Griebnitzsee beseitigen ließ und den
Wander- und Fahrradweg wieder freigab. Die anwohnenden Villenbesitzer wurden in der Nacht zuvor über die Plattenbaugebiete Schlaatz, Waldstadt 1 und 2 verteilt. Es kam zu Szenen der Rührung und
Dankbarkeit beim Einzug in die Neubauwohnungen mit Fernheizung und Gemeinschaftsantenne. Heute, am siebten Tag
, legt sich Ruhe über die befreite Stadt. Der Regen hat das Blut von den Straßen gespült. Die Barrikaden ... na, usw. Im Radio hörten die Brandenburger am Morgen das »Dekret zum
Wochenende«: In dringenden Familienangelegenheiten dürfen sie an drei Tagen im Jahr nach Sachsen-Anhalt ausreisen – vorausgesetzt, der
Beauftragte, Genosse Kolabua, bringt das Passierscheinabkommen mit der bürgerliche Regierung in Magdeburg bald unter Dach und Fach. Matthias Krauss
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