Heiligendamm vor längerer Zeit
Kinder, ich sag’s Euch. Noch so eine Nacht möchte ich nicht wieder erleben. Schweißgebadet wachte ich aus einem Alptraum auf. Nee, was hab’ ich nur für einen Mist geträumt.
Ich war Synchronübersetzer in Heiligendamm und beherrschte sämtliche Sprachen. Selbst Japanisch. Ich musste mir in meinem Glaskasten alles anhören, was die Herrschaften so von sich gaben und das dann noch in alle anderen Sprachen übersetzen. Es war einfach schrecklich. Selbst dem Bush wünsche ich sowas nicht, obwohl… Ich muss Euch den Traum erzählen, sonst wird er noch zum Trauma. Und ich habe keine Lust, in Zukunft Woche für Woche auf der Couch zu liegen und einem überbezahlten, weltfremden Psychovater mein Innerstes preiszugeben.
Ich esse gerade meine Schmalzstulle (hier in Sachsen nennt man das Fettbemme), weil die Teilnehmer noch mit Smalltalk beschäftigt sind. Ahne nichts Böses. Dann setzen sich alle an den langen Tisch. Am Kopfende hat sich unsere Angela platziert. Rechts von ihr sitzt der George Doublejuu, aber in etwas größerem Abstand als sonst. Ist heimlich etwas näher an den Japaner gerückt. Wie heißt er noch? Achja, Koitus, nee Koizumi. Auf Merkels linker Seite hockt etwas zusammengekauert der Prodi. Kaut wohl immer noch an der Schlappe von den letzten Regionalwahlen in Italien rum. Eigentlich wollte Villepin auf den Stuhl, aber er hat zu lange mit der Heimat telefoniert. Musste noch ein paar Hundertschaften Polizei in soziale Brennpunkte schicken. Tja, wer zu spät kommt… Daneben sitzt der Tony und manikürt sich die Fingelnägel. Er scheint von einer gewissen Gleichgültigkeit beherrscht. Kein Wunder. Der ist ja bald Geschichte.
Ihm gegenüber winkt Stephen Harper, der Kanadier, gerade nach einer Wasser-Portionsflasche. Wenigstens trinkt er Natur, denke ich, wenn er schon nicht mehr ernsthaft an Kyoto festhalten will. Keine schlechte Rückendeckung für den Bush. Vladimir hat schon eine Flasche mit klarer Flüssigkeit vor sich auf dem Tisch stehen. Ich vermute allerdings kein Wasser darin. Die großzügigerweise eingeladenen Schwellenländer (Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südafrika) dürfen während der Eröffnung noch im Nebenraum an den Scampis rumkauen. Gleiches gilt für die mitgereiste Presse. Naja, und dann kommt Angelas Auftritt.
„Meine Herren, hiermit möchte ich die Konferenz offiziell eröffnen“, lässt sie verlauten. Bush hat das scheinbar mühelos überhört, denn er wirft gerade dem Putin giftige Blicke schräg über den Tisch zu. Der grinst nur und nimmt einen guten Schluck aus der Flasche. „Wir müssen bei diesem Gipfel zu Ergebnissen unter dem Dach der Vereinten Nationen kommen. Vorher geht mir hier keiner raus“. Das hat George dann doch mitbekommen, sein Hustenanfall spricht Bände. Er erntet einen beleidigten Blick vom Kopfende des Tisches. Angela sieht zwar immer so aus, als ob ihr gerade jemand auf die Füße getreten hat, aber jetzt hängen die Mundwinkel noch weiter herunter.
„Ich find das jetzt nicht in Ordnung, George. Es gibt Spielregeln, an die jeder sich halten sollte. Auch Du“. Ein doppelter Bourbon schafft es dann doch, dass Bush seinen Hustenreiz in den Griff bekommt. Er wirkt aber keine Spur verlegen. „Die ganze Welt schaut auf Heiligendamm“, nimmt Angela erneut Anlauf. Weiter kommt sie nicht. „Angela“, fällt Bush ihr in die Parade, „alles, was wir hier besprechen müssen, ist in fünf Minuten erledigt. Also, was soll der Aufstand.“ Die meisten der übrigen Anwesenden signalisieren Zustimmung. Ich kapiere nichts. Lange lässt man mich aber nicht im Unklaren. Ausnahmsweise scheint Vladimir dem Doublejuu zuzustimmen. Auf Russisch wirft er der Angela zu: „Entspann’ Dich. Wir wollen die armen Schlucker nebenan nicht unnötig warten lassen“. Dabei schiebt er ihr ein Papier über den Tisch zu.
Scheinbar kennt sie den Inhalt, denn sie verliert keinen Blick darauf. „Ach was soll’s. Ihr habt ja recht. Aber meint ihr, wir können das wirklich so formulieren?“ Prodi hat sich gerade seines rechten Socken entledigt und fährt mit dem Zeigefinger zwischen den Zehen hin und her - offensichtlich juckt sein Fußpilz schon wieder – als George dann die Bombe platzen lässt. „Wir alle wissen, dass der Klimaschutzbericht eigentlich viel schlechter ausgefallen ist, als der Welt bekannt. Schließlich hab’ ich ihn getürkt. Das nichts mehr zu retten ist, wissen wir also alle. Wozu sollen die ganzen Telefonate im Vorfeld gut gewesen sein, wenn wir jetzt nicht unterschreiben. So kommt jeder von uns prima aus der Sache raus und wir bleiben noch was am Drücker“. Nach diesem Satz schaut er den Tony an und meint dann noch lächelnd: „Ausnahmen bestätigen die Regel“.
Das ist ein Schock. Mich durchzuckt die Erkenntnis, dass die mich als Mitwisser jetzt nicht mehr lebend hier rauslassen. Das können sie sich nicht leisten. Nichts mehr zu retten, dass darf nicht wahr sein. Alles nur fauler Zauber, eine riesen Aufführung, ein Schauspiel. Im ersten Moment bin ich wie erstarrt. Dann weiß ich plötzlich, was ich tun muss. Wenn ich also schon abdanke, will ich auch erfahren warum. Mit dem Mut der Verzweiflung reiße ich die Tür meines Verschlages auf und werfe mich auf den Tisch. In dem Moment, wo ich nach dem Dokument greife, werde ich wach.
Ich kann Euch sagen, ich bin noch immer fix und alle. Aber was mit Sicherheit auf Dauer schwerer zu verkraften ist: Was, zum Henker, stand auf dem Papier? Vielleicht könnt Ihr zur Lösung beitragen. Wer weiß mehr?
Euer Chablis
Unermüdliche Staatsdiener
Nachdem herausgekommen ist, dass BND- und andere Beamte zur Schwarzarbeit bei Gaddafi waren, teilt die Bullengewerkschaft mit, dass immer mehr ihrer Mitglieder zu Nebenjobs gezwungen sind, weil ihre Gehälter so niedrig sind. Liegt da nicht der Verdacht nahe, dass viele auch als V-Leute bei der NPD “arbeiten”? Und wenn man die NPD verbieten würde, dann fielen wertvolle Arbeitsplätze weg! Wie schaurig!
Hermann
Herr Hallo und Frau Jabitte
Sollten Sie oder vielleicht auch Sie sich in dieser kleinen Geschichte wiedererkennen, so bitte ich nicht um Verzeihung. Natürlich kenne ich Sie nicht persönlich, liebe Leserin und lieber Leser. Und doch habe ich schon oft mit Ihnen oder Ihrer Namensverwandtschaft gesprochen. Am Telefon, ohne Blickkontakt und immer unfreiwillig, wollte ich doch eigentlich jemand ganz anderen sprechen. Da ich also nicht weiß, wie Sie aussehen, brauchen Sie sich nach der Lektüre dieser Geschichte auch nicht zu verstecken oder zu verkleiden. Sie könnten mir auf der Straße begegnen ohne Angst haben zu müssen, dass ich mit dem Finger auf Sie zeige. Wüsste ich, wie Sie aussehen, wäre die Sache ein wenig anders. Denn ich kann Sie – das muss ich offen gestehen – nicht allzu gut leiden.
Das mag auch ein wenig an mir liegen. An mir und meiner Schusseligkeit. Ich verwähle mich oft und dann nehmen Sie den Hörer am anderen Ende der Leitung ab. Aber unzweifelhaft tragen Sie eine Mitschuld. Nicht mal über die Telefonauskunft kann ich feststellen, woher Sie kommen. Zwar stehen ganz wenige Personen mit Ihrem Namen im Telefonbuch, aber die Rufnummern sind gänzlich andere, als ich gewählt habe. Das lässt den Schluss zu, dass Sie sich nicht eintragen lassen, quasi anonym bleiben wollten. Nicht wahr, Herr Hallo?
Völlig im Dunkeln tappe ich jedoch, wenn ich Frau Jabitte suche, die ich eben fälschlicherweise angerufen habe. Kein einziger Eintrag in ganz Deutschland mit diesem Namen vorhanden. Sehr mysteriös, gibt es doch tausende mit Ihrem Namen. Schämen Sie sich möglicherweise, einen solchen Namen zu tragen? Das ist doch nicht nötig, denn da gibt’s schlimmere.
Habe ich mich verwählt, gestaltet sich die anschließende Unterhaltung recht holprig. Auch das liegt in aller Regel an Ihnen, denn ich versuche stets freundlich zu sein. Beispiel gefällig? Gerne.
Tuut… tuut…
„Jabitte?“
„Guten Tag Frau Jabitte. Entschuldigen Sie, ich habe mich verwählt.“
„Äh, Franz? Bist Du’s?“
Nein, nein. Meine Name ist Klinkhammer. Ich wollte eine Frau Müller sprechen. Aber wie gesagt, habe mich verwählt. Entschuldigen Sie nochmals die Störung. Auf Wiedersehen.“
„Hallo G…“
Und schon habe ich wieder aufgelegt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die gewählte Nummer unzweifelhaft die meiner Cousine ist. Vielleicht hat Sie den Anschluss gewechselt und die Telefongesellschaft hat die alte Nummer gleich wieder vergeben. An Frau Jabitte oder oft auch an Herrn Hallo.
Etwas ganz anderes, nur eine Idee: Es gibt zum Beispiel Klassentreffen oder Chatter-Treffen. Treffen Sie sich auch manchmal? So einmal im Jahr irgendwo? Der ganze Hallo-Clan an einem Ort. Das wäre eine lustige Begrüßungsorgie. Beim Jabitte-Clan sieht die Sache allerdings anders aus. Sie müssten sich wohl mit dem jeweiligen Vornamen vorstellen. Im anderen Fall würden neutrale Beobachter der Szenerie schnell die Jungs in den weißen Jacken bestellen und die würden die ganze Bagage auf Anstalten in Deutschland verteilen.
Hätte den Vorteil, dass ich nicht mehr so oft den falschen Gesprächspartner an der Strippe hätte.
Chablis Leipziger Autorenblog
Ein Strandtag
Und er hatte recht, der Wetterbericht von Spanien. Eben jener Berichte in denen froschähnliche Wetterhansel hilflos vor imaginären Landkarten rumfuchteln und sich der Wahrsagerei verschrieben haben. Wahrscheinlich war es mal wieder purer Zufall, dass die vorausbeschworenen 35 Grad, tatsächlich 35 Stück an der Zahl waren. Ansonsten werden Wettervorhersagen im Allgemeinen in Punkto Zuverlässigkeit ja nur noch von der Deutschen Bahn übertrumpft. Aber da lag ich nun. Nach etwa einer Stunde lustig herumtitschender Autofahrt, 25 Minuten Fußweg durch die Pampa, schweren Ruckgesäck, Liegestuhl und Sonnenschirm unterm Arm (man will es ja ursprünglich), erreichte ich das Meer und einen zugegebenermaßen hinter allen, aber auch wirklich hinter allen Erwartungen zurückbleibenden Strandabschnitt. Ein bizarres Bild bot sich. Träge Fleischhaufen in allen Farbnouancen lagen dort mit Fressbuden jedenfalls rein beschallungstechnisch sinnvoll vermischt und niemand schien sich zu bewegen. Die Hitze stand mir förmlich vorm Gesicht und raubte mir den eh schon spärlich vorhandenen Sauerstoff.
Für mich als Fußgänger unbeschreiblich, unter welchen Anstrengungen ich litt. Und gerade deshalb stellte sich mir die Frage: Wie um alles in der Welt haben die diese Imbissbuden samt ihrer Kompressoren hierhin gekarrt? Und vor allen Dingen: Wieso? Nun gut. Schweißgebadet rupfte ich wie besessen an meinem Sonnenschirm herum, da mir die Sonne das Gehirn mit circa 8 bar Überdruck aus den Ohren presste! Nur erstaunliche drei Mal musste ich den Sonnenschirm wieder einfangen, der mittels eindeutiger Windböen und ungeschickter Positionierung fliegen ging. Die Einheimischen scheinen für solche Fälle eine Schnur samt Hering parat zu haben. Ich habe sie leider nicht.
Dass ich den Rest des Tages den Schirm mit einer Hand bei jeder Böe festhalten musste, störte nicht so sehr, wie der Sand auf meinem Handtuch. Er schien förmlich durch das Handtuch hindurch zu diffundieren, da er bereits unmittelbar nach dem Ausschütteln (ging nur einhändig wegen Schirm) wieder drauf war. Aber es klappte irgendwie. Die größte Herausforderung stand mir aber noch bevor. Ich zog mein T-Shirt aus und schon nach wenigen Millisekunden zog ich so ziemlich alle spanischen Augen und Zeigefinger an diesem Strand auf mich. Sie konnten eigentlich nur meine, für diesen Breitengrad der Erde eher seltene Hautfarbe meinen. Schönstes, in seiner Reinheit blendendes Alpinaweiß! Ja, so weiß, dass ich unter diesen Witterungsverhältnissen wahrscheinlich schon im Schatten einer Stahlbetonmauer einen mittelprächtigen Sonnenbrand bekommen hätte - ach was - vollends in Staub zerfallen wäre. Ich war so hell, dass sich mein strahlendes Antlitz wie Sturmgewehrkugeln in jede untrainierte Netzhaut schoss.
Ich cremte mich also mit Lichtschutzfaktor 55 ein. Hiernach hilft wohl nur noch das Einwickeln in Aluminiumfolie. Eine Hand am Schirm, wie gehabt. Nach nunmehr drei Stunden nach der Abfahrt lag ich unter meinem Sonnenschirm und genoss also das Meeresrauschen, dass sich hin und wieder durch das Kompressorengehämmer schlich. Bin ich eigentlich der einzige Deutsche hier, fragte ich mich.
“Dor Babba baud eusch das Zeld uff”, hörte ich eine Frau sagen.
“Das is kee Zeld, sondern ne Schdrandmuschel”, erwiderte daraufhin eine Männerstimme.
Nein, ich war nicht der Einzige. Sachsen, da kamen tatsächlich Sachsen an meinen spanischen Strand. Was um Himmelswillen ist denn aber eine Strandmuschel?
“Mensch Glaus, gansde fleischma das Zeld uffbaun jetze?!”
“Or nee, alles voller Sand hior jetze”, sächselte Klaus. Die Kindern nölten und jammerten enorm. Das Zelt brach mehrmals zusammen, während die Mutter zum achten Mal das Handtuch ausschüttelte. War wohl Sand drauf! Die Kinder, die ebenfalls schon in ihren jungen Jahren sächselten (das muss man sich mal vorstellen), wurden nun immer ungeduldiger und warteten auf ihren sichtlich verschwitzten und angestrengten Pabba.
“Heinz, meenste das glabbd heude noch?!”
“Jo doch, olle Ziesche”, zischte er.
Der kleine Junge brüllte jetzt etwas intensiver, also rein dezibeltechnisch jetzt. Die Mutter schüttelte abermals die Handtücher aus und der Papa hatte gerade eine Zeltwand stehen, da bot sich mir ein Bild, das wahrscheinlich nur für Götteraugen bestimmt war: der kleine Junge schrei wie am Spieß und stand kerzengerade, wenn nicht sogar noch ein wenig nach hinten gebeugt, sodass der Bauch leicht hervorragte und pinkelte mit bestem Mittelstrahl gegen die scheiß Strandmuschel. Aber man kann’s dem Kleinen nicht für übel nehmen, denn alleine wegen der Bezeichnung “Strandmuschel” hätte ich auch große Lust gehabt das Ding einmal so richtig vollzupissen.
“Or nee, der bingeld mir ins Zeld jetze”, rief der Vater.
Kaum ausgesprochen, hob er den Jungen auch schon hoch, immer noch pinkelnd und schreiend, versteht sich. Ich war im Prinzip so fasziniert, dass ich promt die “Eine-Hand-Regel” vergaß und mir zwischenzeitlich der Schirm fliegen ging. Allerdings stellte ich zu meinem Erschrecken fest, dass das Pinkelmännchen jetzt schnurstracks auf mich zu getragen wurde. Ich rief wohl so etwas wie “Oh!” oder “Ah!” und das auch ganz laut. Aber es half nichts. Der gelbe Strahl sabberte im rundesten Radius über mein - zu diesem Zeitpunkt nur mit wenig Sand beträufeltes - Handtuch. Nun war der Punkt erreicht, an dem ich irgendwie keine Lust mehr auf diesen Strand hatte. Ich wusch mich im Meer, da alleine der Gedanke an einen, mich nur um Zentimeter verfehlenden Urinstrahl, bei mir beispielslosen Ekel hervorrief.
Ich packte meine Sachen und schleppte meine kompletten Strandrequisiten unter Todesanstrengungen wieder zum Parkplatz. Der Rückweg dauerte anstatt 25, seltsamerweise satte 40 Minuten. Ich war am Ende. Mein Kreislauf war kurz vor dem Generalstreik, als ich feststellte, dass das Licht an meinem Auto noch eingeschaltet war. Nein, bitte nicht!
“Coco Loco!”
Bitte, bitte keine leere Batterie. Nicht hier und nicht jetzt! Der Rückweg wäre gleichbedeutend mit einem Pilgermarsch gen Kerbela gewesen.
“Tutto Locooo! Coco della Locooo!”
Ich weiß bis heute noch nicht so recht, was ein Coco Loco oder so ähnlich ist, aber ein Typ lief mit seinem Bauchladen über den Parkplatz und verkaufte es, dieses Coco Loco. Und er schrei in der immer selben Betonung diese beiden Wörter, die mich noch viel wütender machten. Ich setzte mich in den Wagen und hörte einige Sekunden meinem Herzschlag zu, wie er stotterte und stolperte, manchmal sogar aufhörte und dann wieder wie wild loshämmerte. “Coco Loco” immer wieder “Coco Loco”. Ich hatte Glück, der Wagen sprang noch einmal an. Mühsam, aber es ging. Ich legte gerade den Rückwärtsgang ein, als es an der Fahrerseite kloppte. “Coco Loco???”, fragte der Typ und hielt mir irgendwas zu trinken hin. Da ich schnell nach hause wollte, kaufte ich ihm diesen Loco-Mist ab und trank es aus.
Später, also “zuhause” im Hotel angekommen, sollte ich mich übergeben, wie es sonst nur Darmkranke mit wütendem Brechdurchfall tun. Im hohen Bogen regnete es Coco Loco in den hauseigenen Hotel-Pool Das Klo war einfach zu weit weg. Mein Sonnenbrand schrie auf, als ich mich erschöpft aufs Bett legte. Morgen, ja morgen bleibe ich mal den ganzen Tag nur hier am Pool. So richtig schön langweilig. Und wenn es neues Wasser gibt, dann gehe ich sogar mal rein. Ansonsten schweige ich und genieße.
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Hurz, die Zweite
(Satire über Dadaismus in der Literatur)
„Wenn ich nichts erreiche mit meinem Stil, dann mache ich eben in DaDa. Das kann nämlich jeder.“ Ich muss ihm da zustimmen. Immerhin habe ich schon drei Halbe intus, da stimme ich fast Allem zu. Horst verliert sich in Erklärungen. Aber was er so von sich gibt, ist nicht übel. Sein Rotweinglas ist schon wieder leer. Mit der erhobenen Hand deutet er der Bedienung an, dass sein Bedarf an verfaulten Trauben noch nicht gedeckt ist.
„DaDa ist genial. Manchmal hör’ ich meinem Kleinen zu, wie er versucht, die ersten Worte zu bilden. Klasse. Wenn mir mal wieder nichts einfällt, schreib’ ich einfach auf, was so aus dem Laufstall zu hören ist. Hab’ damit schon bei diversen Lesungen ungeheuren Erfolg gehabt. Diese DaDa-Gläubigen sind wie die Herde, die hinter Jehova hertrottet. Die schlucken alles mit verzückten Gesichtern.“ Dabei grinst er breit über das ganze Gesicht. Er könnte jetzt Spargel quer essen.
Die Bedienung bringt den geforderten Nachschub und unaufgefordert ein weiteres Bier für mich. Ich beeile mich, den Rest aus dem alten Glas hinunter zu stürzen. Horst hebt wieder an. Er hat sich in Fahrt geredet. „Das Ganze ist eine einzige Verarsche. Hat ja früher mal einen gewissen Sinn gehabt. War ein Protest gegen das Wertesystem der damaligen Gesellschaft, auch der Künstler.“ Ich erinnere mich dunkel. Der Hugo Ball hatte 1915 in Zürich das Cabaret Voltaire gegründet. Ein Topf, indem sich damals viele politische Emigranten, Künstler und Pazifisten ansammelten.
„Ich bin total froh, dass es so viele Idioten gibt, die immer noch dada sind. Auf die Art schaff’ ich am Tag locker dreißig Gedichte. Ab und zu schreib’ ich auch mal was anderes. Aber immer schön dada.“ Dabei nickt er zufrieden lächelnd mit dem Kopf. Langsam steigen in mir dann doch Zweifel auf. „Ich weiß nicht. Hast Du nicht Angst, dass du am Ende noch an das glaubst, was du da verzapft hast? Ich meine, man muss nur lange und oft genug irgendwas machen oder sagen, dann glaubt man auf einmal selbst dran.“ Er schüttelt den Kopf. „Du müsstest mich gut genug kennen“, fährt er fort. „Ich steh’ mit beiden Beinen auf dem Boden. Mein Wertesystem bringt das nicht durcheinander.“
Da muss ich ihm nun wieder recht geben. Doch weiter komme ich nicht mit meinen Gedanken. „Kannst du dich noch an den Sketch mit Hape Kerkeling erinnern? Hurz? Der hat mit DaDa die versammelte Intellektuellen-Elite mit seinem Mist über den Tisch gezogen und lächerlich gemacht.“ Ich muss grinsen, da ich mich nur zu gut erinnere. ‘Der Wolf … das Lamm … Hurz!’ „Wie die anschließend versucht haben, den Text zu interpretieren war einfach köstlich. Ich hab’ mich halb tot gelacht.“ Jetzt bin ich es, der seinen Mund in die Breite zieht. „Jep, war eine tolle Vorstellung.“
„Siehst du, und Hape ist bestimmt nicht der Typ, der beginnt, auf einmal an ‘Hurz’ zu glauben. Aber was ich eben gesagt habe, ist ja gerade der Grund, warum DaDa weiter lebt und Erfolg hat. Niemand lässt sich besser veräppeln als die Intellektuellen. Die kaufen ja auch wandfüllende Bilder, die bis in die letzte Ecke weiß sind. Du musst dem ‘Bild’ nur einen DaDa-Namen geben, schon ist es Kunst.“ „Stimmt“, lache ich. „Weißer Adler auf weißem Grund.“ „Nee, das ist die ostfriesische Nationalfahne“, kontert er. „Das muss kompliziert klingen, sonst wird das nichts.“
Er nippt gedankenverloren an seinem Wein. „Wie wär’s zum Beispiel mit: Das Danach ist die Atombombe der Zeit.“ „Oder so“, erwidere ich.