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Ich und du und wir und die von Gerhard Henschel
Seit April sucht die Europäische Union fieberhaft nach einem Dichter oder Schlagertexter, der aus Politik Poesie destillieren kann: Die Charta der Grundrechte soll
in Verse gegossen werden, möglichst singbar, damit sie die Europäer irgendwann (z.B. aus Anlass von Naturkatastrophen, Kriegen oder Aufnahme der Türkei) singen können.
Grönemeyer und Grünbein haben es versucht – und sind gescheitert. Unser Dichter Gerhard Henschel hat das hehre Anliegen zu dem seinigen gemacht und legt hier einen
Text vor, der auch vor dem Menschengerichtshof bestehen könnte, in dem sich mancherlei reimt und der am besten innerhalb einer Sippe mit verteilten Stimmen gerufen werden sollte. weiter
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Letzte Grüße von zu Haus
von Mathias Wedel - Ausgabe 8/10 Mein lieber Rolf, der Guttenberg hat uns die Wahrheit gesagt (Respekt, wo hat man das
schon bei Politikern), und wir rechnen für August mit dem Schlimmsten, was wir gar nicht auszusprechen wagen. Vati war eine ganze Woche geknickt, aber jetzt geht es wieder.
Muss ja. Dein Zimmer werden wir erst mal so lassen, so wie Du es verlassen hast. Es braucht ja momentan keiner. Nur vielleicht schenken wir die Gitarre Deinem Neffen Lucas,
der schon immer drauf rumklimpert. Du müsstest mal sehen, wie groß der Bursche geworden ist. Vati lässt fragen, er hat vergessen, welche der beiden Häsinnen voriges Jahr geworfen hat, damit im
September, wenn wir Dich nicht mehr fragen können, nicht noch mal dieselbe ran muss. War’s die Berta? Wenn wir wieder einen Rammler kriegen, sagt Vati, werden wir ihn Rolf nennen. weiter
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Die Westerebbe
von Florian Kech - Ausgabe 8/10 Es ist Donnerstag in Honeckers stickigem Büro,in dem es noch immer nach seinen Hausschuhen
müffelt. Hinter den Fenstern lärmt das politische Berlin. Blass und aufgedunsen, fast regungslos hockt Guido Westerwelle hinter dem Schreibtisch. Seine Mitarbeiter überlegen fieberhaft, wohin sie ihn
schnell mal verreisen lassen könnten. Eine unschöne Frauenperson, die von allen »Wessä« gerufen wird (»Westerwelles Sekretärin«), berichtet, der Herr Minister sage nur noch alle zehn Minuten
»Ach, lasst mich doch in Ruhe!«, nur einmal – im Telefonat mit Lindner – kehrte Leben in seinen geschundenen Leib zurück, als er »Du kannst mich mal an der Rosette!« rief. weiter
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Seit 2010 wird zurückgetreten
von Füller / Koristka / Wedel - Ausgabe 7/10
Die Geschichte der Rücktritte ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nehmen wir den Fall
Horst Köhler. Fälschlicherweise wählten die Kommentatoren hier oft die Formulierung: »Köhler hat den Lafontaine gemacht«. Dabei steht die Redewendung »den Lafontaine machen« doch seit
jeher für Bluthochdruckpopulismus und den Versuch, Parteifreunde zu zerstören, zu zermalmen, zu
zernichten. Mithin etwas, das man Horst Köhler – bei aller berechtigten Verachtung – sicherlich nicht vorwerfen kann. weiter
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Yes, we can sing!
von Erik Wenk - Ausgabe 6/10 D
ie Geschichte deutscher Musik ist eine Geschichte der großen Ms und der großen Doppelnamen: Amadeus-Mozart, Mendelssohn-Bartholdy, Müller-Westernhagen und nun: Meyer-Landrut, die deutsche Kandidatin beim Eurovision SongContest. Worin sie
Mozart, Mendelssohn und Müller-W. überlegen ist, offenbart sich schon bei ihrem ersten Atmer: Sie kann singen. 12. März 2010, das Finale von »Unser Star für Oslo« läuft an. Schon in den
Tagen zuvor hat Lena Meyer-Landrut die Herzen der Nation im Sturm erobert, zum Beispiel auf dem grünen Hügel in Bayreuth, wo sich das Bildungsbürgertum
und das deutsche Feuilleton zu den Meyer- Landrut-Festspielen tummelt. »Lenas musikalische Relevanz ist ungleich größer als die eines Hofhundes.
Richard Wagner und der Führer hätten ihre Freude an ihr gehabt«, gibt Katharina Wagner unumwunden zu, ist aber vor Neid ganz gelb um die Nase.
Auch die eingefleischten Wagnerianer Angela Merkel und Prof. Sauer geben per SMS ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die kleine Lena vielleicht bald den »Ring« in der Regie von Harald Schmidt singen wird. weiter
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Der Bauchredner des Zen-Kapitalismus
von Andreas Koristka - Ausgabe 5/10
Ein Schulhof in Niedersachsen. Der junge Philipp Rösler steht herum, isst ein Pausenbrot und sympathisiert mit der FDP. Man sieht, irgendetwas ist anders mit
dem. Die anderen Kinder erkennen das sofort. Der ist nicht wie sie. Philipp ist ein Gelber, ein Liberaler. »Möllemännchen« rufen sie ihm hinterher, ziehen ihm hinter
seinem Rücken Koksnasen und machen ihm Genscher-Ohren. Kinder können so grausam sein. Doch plötzlich hebt er zu sprechen an. Rösler ist kein guter
Rhetoriker, doch dafür ergeben seine Worte keinen Sinn. Er redet von Solidarität, der unzulässigen Durchmischung von Aufgabenfeldern und dass der fette Lars auf
keinen Fall von seinem Pausenbrot abgeben dürfe, weil es an der Schule lediglich um einen Wissenstransfer zwischen gebildeten Lehrern und ungebildeten Schülern
gehe. Ein Essenstransfer gefährde das Solidaritätsprinzip. Die anderen Kinder, Deutsche wohlgemerkt (oder zumindest Niedersachsen), können nichts weiter tun,
als verdutzt dreinzublicken und wahllos auf ihn einzuschlagen. weiter
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Hinterher muss man lange duschen
von Bernhard Pöschla - Ausgabe 5/10 Ich stehe vor einer getönten Glasfassade in Berlin-Tiergarten. Nach außen will man sich unverfänglich geben, kein Aufsehen erregen. »Konrad-Adenauer-Haus«
steht am Türschild. Eine Briefkastenfirma? Eine Tarnbezeichnung? Im Inneren: lange Gänge mit zahllosen Séparées, in denen sich gra umelierte Herren dem
potentiellen Kunden darbieten. Die meisten tragen aufreizende Anzüge, einige sogar frivole Krawatten. Einer von ihnen ist Helmut* (63). Er ist bereit, mit mir über seinen Beruf zu reden,
möchte jedoch auf keinen Fall seinen echten Namen veröffentlicht sehen. Der untersetzte Herr empfängt mich an seinem »Arbeitsplatz«, wie er augenzwinkernd sagt, einem
multifunktionalen Schreibtisch mit Erweiterungsfunktionen, auf dem eine Flasche Sekt der Marke »Rüttgers Club« steht. »Ist im Preis inbegriffen«, eröffnet Helmut ohne falsche Scheu unsere
Unterhaltung, »das lockert die Zunge!« Dass damit zu einem geächteten Beruf schnell auch noch Suchtprobleme kommen, sieht er offensichtlich nicht. weiter
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Missbraucht’s das?
von Gregor Füller - Ausgabe 5/10
»Für ihn war es das erste Mal, und genau das machte es auch für sie so aufregend. Ihre Nippel richteten sich auf und sie stöhnte laut, als er ihren
prallen Ellbogen mit fester Hand knetete und mit seiner Zunge bis zu ihrem Trommelfell vordrang. Dann umfasste er ihre bebende Hüfte und schob seinen
pulsierenden Liebesknochen rhythmisch beinahe mitsamt den Klöten in die feuchte, enge Ritze zwischen Matratze und Bettgestell, der Amateur.« Derlei
romantische Liebesgeschichten sind momentan überall ununterbrochen und ausnahmslos in jeder Zeitung und Zeitschrift leider nicht zu lesen.
Stattdessen gibt es allenthalben detaillierte Beschreibungen, die im Pädophilenmilieu nicht nur die Abo-Zahlen von Magazinen wie Stern in die Höhe gehen lassen.
Egal, wo man hinschaltet im Fernseh, egal, was man liest, es geht nur noch darum, dass irgendeiner irgendjemandem irgendwo hinfasst, obwohl der das
nicht will, oder dass irgendjemand irgendwem irgendwo was reinsteckt, ohne vorher zu fragen. Die Presse scheint komplett außer Rand und Band.
weiter
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Das Orakel vom Delphi-Restaurant
Ein sokratischer Dialog
von Gregor Füller - Ausgabe 4/10 Sagt mal, wollt ihr mich veräppeln? Nein, gar nicht, das muss so.
Wie »das muss so«? Zwei Salatblätter, eine halbe Tomate, vier Zwiebelringe und ein Klacks Tsatsiki – das ist doch nicht die Nummer 35!
Doch. Unser Haushalt ist komplett überschuldet, deshalb haben wir die ganze Karte umgestellt. Die Nummer 35 ist jetzt »Grillplatte Pleitos« – zwei Salatblätter, eine halbe Tomate, vier
Zwiebelringe und ein Klacks Tsatsiki. Ich will Fleisch, aber ein bisschen tsackig, wenn ich bitten darf! Naja, Fleisch ist natürlich schon da. Aber das bekommen nur gute
Freunde, wenn du verstehst. Verstehe. Hier, stimmt so. Es sind schwierige Zeiten, mein Freund. Was sollen wir sonst machen? Das war doch früher nicht so. Was ist aus den alten
griechischen Exportschlagern wie Demokratie, Schlagermusik und Knabenliebe geworden? weiter
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Vom Ghetto ins Solarium
von Andreas Koristka - Ausgabe 4/10
»Wenn du auf Tour bist, verlierst du irgendwann jedes Gefühl für Raum und Zeit. Vergangenheit und Zukunft verschwimmen ineinander.« Mit diesen
Worten, die das komplexe Konzept der sogenannten »Gegenwart« eindringlich verbildlichen, beginnt der erste Film des deutschen Großmeisters der
Wortakrobatik: Bushido. Dieses Wunderwerk deutscher Filmkunst sei hiermit jedem Freund stockend vortragender Off-Stimmen und von Schimpansenhand
gefertigter Drehbücher wärmstens empfohlen.Ich bin fasziniert vom Hauptprotagonisten, und in einem Moment, in dem Vergangenheit und
Zukunft ineinander verschwimmen, suche ich Bushidos alte Buddies auf. Ich reise dahin, wo verlassene Seelen in aus Rattendung gefertigten
Behausungen unter dem matten Lichtschein des RTL-II-Programms vegetieren: Berlin- Tempelhof. In diesem Ghetto wuchs der Rap-Star auf. weiter
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Wann ist ein Mann ein Mann?
Wie der Verzehr von roher Schweineleber dein Leben verändert
von Robert Niemann - Ausgabe 4/10
Wer irgendwo dazugehören will, wo er noch nicht dazugehört, sollte sich das gut überlegen. Vielfach wird einem nämlich vor der Aufnahme in den
Kreis der Auserwählten irgendetwas abgeschnitten. Oder man muss Dinge essen, die eigentlich kraft Gesetzes von Spezialfirmen entsorgt werden
müssten. Oder die einem abgeschnitten wurden. Bei einem solchen Aufnahme- oder Initiationsritual geht es niemals darum, irgendwelche besonderen Fähigkeiten oder ein bestimmtes Können nachzuweisen. weiter
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Pistentod trotz Nackenschmerz
Angeley D. Eckart - Ausgabe 3/10
Es klingelt, es ist das Festnetztelefon. Ein einfaches Klingeln – wie
banal! Würde das Telefon auch nur ahnen, wer sich dahinter verbirgt, es würde glühen, explodieren oder ejakulieren. Ich hebe ab: Der
Telefonhörer fühlt sich trügerisch kühl an, als wisse er nicht, wer am anderen Ende ist. Ich weiß es auch noch nicht und kaue an einem Donut. Doch dann schießt es mir durch den Kopf wie ein
vagabundierendes Karosserieteil mit 250 km/h: ER ist am Apparat. ER atmet souverän, beinahe ohne Anstrengung, die Sprechmuschel kratzt über sein mächtiges Kinn und ich werde ganzkörperfeucht, als
er sagt: »Schumacher.« weiter
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Alle Macht dem Mittelstand
von Peter Köhler - Ausgabe 2/10 I m Unterschied zur Union, den Grünen und vor allem der gewerbsmäßigen Sozialdemokratie, die ihr wahres
Gesicht vor der Wahl in der Hose verstecken, tragen die Liberalen ihre Meinung offen. Während anderswo der Wähler nach der Wahl mit staunendem Gehirn erfährt,
was er gewählt hat, und eine treulose Tomate wie die SPD, sobald sie die Regierung geentert hat, den Menschen draußen vor der Tür verklickern muss, warum sie
plötzlich gegen sie ist, bleiben die Freien Demokraten eisern in der Spur. Sie haben angekündigt, dass sie ihrer Kundschaft Gold, Schmuck und Elfenbein zuspielen
werden, und das tun sie nun. Einer der Täter: Rainer Brüderle. Seit 1998, als er bei der rheinland-pfälzischen Landesregierung kündigte und seinen
Wohnsitz im Bundestag nahm, hatte er auf seine Chance gelauert. Elf lange Jahre musste er auf den Buckel nehmen, bis im Herbst 2009 die SPD endlich verhungert war... weiter
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