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Freier Markt
Hinterher muss man lange duschen
Ich stehe vor einer getönten Glasfassade in Berlin-Tiergarten. Nach außen will man sich unverfänglich
geben, kein Aufsehen erregen. »Konrad-Adenauer-Haus« steht am Türschild. Eine Briefkastenfirma? Eine Tarnbezeichnung? Im Inneren: lange Gänge mit zahllosen Séparées, in denen sich graumelierte Herren dem
potentiellen Kunden darbieten. Die meisten tragen aufreizende Anzüge, einige sogar frivole Krawatten. Einer von ihnen ist Helmut* (63). Er ist bereit, mit mir über seinen Beruf zu reden, möchte jedoch auf
keinen Fall seinen echten Namen veröffentlicht sehen. Der untersetzte Herr empfängt mich an seinem »Arbeitsplatz«, wie er augenzwinkernd sagt, einem multifunktionalen Schreibtisch mit
Erweiterungsfunktionen, auf dem eine Flasche Sekt der Marke »Rüttgers Club« steht. »Ist im Preis inbegriffen«, eröffnet Helmut ohne falsche Scheu unsere Unterhaltung, »das lockert die Zunge!« Dass
damit zu einem geächteten Beruf schnell auch noch Suchtprobleme kommen, sieht er offensichtlich nicht.
Wie er in die Szene gerutscht sei? »Ach, das geht ganz schnell«, erklärt Helmut. »Ich war noch sehr jung, beinahe unschuldig, nur ein paar schmutzige Erfahrungen in der Jungen Union. Du wirst mit der Aussicht
auf Mandate, Ministerposten oder Schokoladeneis mit Mandelsplittern gelockt. Ganz nebenbei bittet dich
der Generalsekretär zu einem Gespräch mit guten Bekannten – ein paar hingesagte Sätze hier, eine Floskel
dort, und ehe du dich versiehst, wirst du eine ganze Nacht lang durchgesponsert! Dann haben sie dich.« Er wisse noch ganz genau, wie schmutzig er sich nach dem ersten Mal gefühlt habe. Vier Stunden lang
habe er unter der Munddusche gestanden. Einmal derart gebrochen, schaffen nur wenige den Ausstieg. Dabei seien es die »Schatzmeister«, wie sie in der Szene genannt werden, die den größten Anteil der
Einnahmen kassierten. Die »Schätzchen « selbst bekämen nur ein paar überzählige Parteispenden und müssten davon noch ihre Arbeitskleidung finanzieren, wobei so ein Anzug bei C&A schon mal 120 Euro
kosten könne. Ob seine Kunden ganz spezielle Vorlieben hätten? Helmut zögert. »Die meisten wollen nur reden. « Es kämen aber immer mal wieder welche, die »auch Hände schütteln« und sich dabei filmen lassen
wollen. Daneben gebe es noch die ganz perversen Typen – Lobbyisten zum Beispiel. »Die zahlen für eine
Nacht und denken, sie können alles von dir verlangen«, erklärt Helmut, »einfach ekelhaft!« Alles? Was er damit meint, darüber spricht Helmut lieber nicht.
Wie sieht es mit Verhütung aus? Helmut verdreht die Augen. Sicher könnte er einen Mundschutz tragen –
doch das turne die Kunden ab. »Man weiß ja nie, mit wem die Leute vorher verkehrt, welche Ausdrücke sie dabei in den Mund genommen haben.« Er kenne keinen Kollegen, der sich noch nie mit einem schlimmen
Schnupfen infiziert habe. Manche würden sich eine chronische Stimmbandentzündung einfangen. »Dann bist du ganz unten und kannst nur noch schriftlich verkehren.«
Zum Krankheitsrisiko komme die soziale Ausgrenzung. Seine Familie habe sich von ihm abgewandt, erzählt Helmut. Besonders schlimm finde er die Doppelmoral: Sein Bruder, ein bekannter Sozialunternehmer, rede
seit Jahren nicht mit ihm. Dabei gehe der jede Woche ins Laufhaus der roten Konkurrenz um die Ecke, um dort ausgiebige Gespräche zu führen. Ich frage Helmut nach seinen Zukunftsaussichten: »Noch ein, zwei
Jahre, dann gehöre ich zum alten Eisen, in diesem Metier altert man vor der Zeit.« Die Sitten in der Branche würden immer härter, das Verlangen nach »Frischfleisch« stets größer. Erst kürzlich seien zwei
Jesuiten aufgetaucht, hätten ein Bündel Geldscheine auf den Tisch geknallt und verlangt, Mitglieder der Jungen Union zu sponsern.
Plötzlich wird Helmuts Bürotür geöffnet: Eine dralle ältere Blondine mit ulkiger Frisur und auffallend herabhängenden Mundwinkeln reicht Helmut frische Broschüren und Aktenordner zum Wechseln. Helmut
schaut mich an, während seine Lippen lautlos das Wort »Puffmutter« formen. Für mich das Signal zum Aufbruch. Helmut rückt seine Krawatte zurecht und wickelt ein Hustenbonbon aus. Bernhard Pöschla
* Name extra nicht geändert
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